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Preise steigenHürther Stadtwerke bauen Fernwärmenetz für die Zeit nach der Braunkohle um

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Das Foto zeigt das Goldenbergkraftwerk auf dem Knapsacker Hügel aus einiger Distanz.

Ein erheblicher Teil der Fernwärme stammt aktuell noch aus dem Braunkohlekraftwerk auf dem Knapsacker Hügel. Doch dessen Tage sind gezählt.

Die Stadtwerke müssen in den kommenden Jahren erhebliche Summen in die Erschließung neuer Wärmequellen investieren. Die Preise steigen.

Fernwärmekunden der Hürther Stadtwerke müssen künftig mehr für Heizung und Warmwasser zahlen. Für Neukunden steigt der Arbeitspreis pro Kilowattstunde um rund 15 Prozent. Auch Bestandskunden sind bertroffen: Altverträge werden nach Ablauf ihrer jeweiligen Laufzeit beendet und können künftig nur noch zu den neuen Tarifen fortgeführt werden.

Parallel zum neuen Wärmetarif senken die Stadtwerke aber die Kosten für neue Hausanschlüsse um 20 Prozent. Damit soll die Fernwärme für weitere Haushalte attraktiver werden. In Hürth heizen aktuell rund 60 Prozent aller Haushalte mit Fernwärme. Trotz der Preiserhöhung bleibe Fernwärme in Hürth im Vergleich weiterhin günstig, betont Stadtwerke-Vorstand Stefan Welsch: „Die neuen Tarife sorgen für eine faire und zukunftsfähige Preisstruktur.“

In Hürth heizen 60 Prozent der Haushalte mit Fernwärme

Rund 7500 Häuser in Hürth sind an das Fernwärmenetz angeschlossen, das nach einem Ratsbeschluss ab Mitte der 1960er-Jahren schrittweise aufgebaut wurde. Ziel war damals, die Luftverschmutzung durch die vielen qualmende Schornsteine zu reduzieren. Für viele Gebiete führte der Stadtrat damals einen Anschlusszwang ein. Fernwärme galt bis Ende der 1990er-Jahre vergleichsweise teuer, doch mit dem starken Anstieg der Ölpreise um die Jahrtausendwende änderte sich das Bild. Während Heizöl deutlich teurer wurde, blieb der Fernwärmepreis lange Zeit weitgehend stabil.

Für etwa die Hälfte der Kunden gilt noch ein Tarif aus dem Jahr 2007, der nach Angaben der Stadtwerke zu den günstigsten in Deutschland zählt. Zwar wurden die Preise jährlich auf Grundlage einer gesetzlich vorgeschriebenen Preisgleitklausel angepasst, dennoch bilde der alte Tarif die heutigen Kosten nicht mehr ausreichend ab, erklärt das Unternehmen.

Bereits vor einigen Jahren begannen die Stadtwerke daher, Altverträge nach Ablauf ihrer Mindestlaufzeit zu beenden – zehn Jahre für Erstverträge, fünf Jahre für Verlängerungen. Im vergangenen Herbst erhielten erneut rund 1000 Bestandskunden eine entsprechende Änderungskündigung, zunächst noch ohne konkretes Folgeangebot. Inzwischen stehen die neuen Tarife fest.

Die neuen Tarife sorgen für eine faire und zukunftsfähige Preisstruktur
Stefan Welsch, Vorstand der Stadtwerke Hürth

Nach Angaben der Stadtwerke sind die Wärmebezugspreise zuletzt zwar ebenfalls gestiegen, im Durchscnitt um zwei bis vier Prozent pro Jahr. Hauptlieferanten sind derzeit das Goldenbergkraftwerk von RWE in Knapsack und die Orion-Rußfabrik Stadtgrenze zu Köln-Rondorf. Der größte Kostendruck entstehe jedoch durch die strategische Neuausrichtung der Fernwärmeversorgung und die Errichtung von klimaneutralen Wärmeerzeugungsanlagen. Damit seien zusätzliche Aufwendungen für Planung, Projektsteuerung, Erzeugung, Kundenberatung und Netzmanagement erforderlich.

Hinzu kommen umfangreiche Sanierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen im bestehenden Netz. Dabei wirken sich Kostensteigerungen beim Tiefbau, Rohrleitungsbau, bei Dienstleistungen sowie bei der Energie aus. Zudem rechnen die Stadtwerke mit höheren Zinsbelastungen nach Auslaufen eines vergünstigen Kredits über 24 Millionen Euro für Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen.

Das Foto zeigt das Biomassekraftwerk von Eon am Bertramsjagdweg in Knapsack.

Das Biomassekraftwerk von Eon in Knapsack wurde für die inzwischen stillgelegte Papierfabrik errichtet. Jetzt könnte es womöglich Fernwärme liefern.

In den kommenden Jahren stehen weitere hohe Investitionen an. Mit dem Braunkohleausstieg fällt 2030 das Goldenbergkraftwerk als Wärmelieferant weg. Zwar stammt laut Stadtwerken schon heute der kleinere Teil der Fernwärme vom Knapsacker Hügel, dennoch müssen neue Wärmequellen erschlossen werden. Die Stadtwerke setzen dabei auch auf dezentrale Anlagen im Stadtgebiet wie Blockheizkraftwerke sowie Erdgaskessel, außerdem auf elektrisch betriebene Wärmepumpen an der Kläranlage in Sielsdorf.

Nach Berechnungen der Stadtwerke könnte dies einen hohen zweistelligen Millionenbetrag erfordern. Ziel sei es zugleich, die CO2-Bilanz der Fernwärme zu verbessern. Durch die Nutzung von industrieller Abwärme liege der CO2-neutrale Anteil an der Fernwärme bereits heute bei rund 60 Prozent.

Hürther Stadtwerke planen dezentrale Blockheizkraftwerke

Neben dem Bau eigener Anlagen prüfen die Stadtwerke den Bezug von Wärme und Abwärme von externen Anbietern. Entsprechende Gespräche liefen, teilt das kommunale Unternehmen mit, Details unterlägen jedoch der Vertraulichkeit. Auch mit RWE, das am Kraftwerksstandort in Knapsack festhalten will und künftig auf Energie aus Klärschlamm, Sonne und Wind setzt, prüfen die Stadtwerke eine weitere Kooperation.

Als möglich Wärmequelle gilt zudem das Biomassekraftwerk auf dem Knapsacker Hügel, das der Energiekonzern Eon für mehr als 100 Millionen Euro ursprünglich zur Dampfversorgung der inzwischen stillgelegte Papierfabrik errichtet hatte. Seit 2023 speist das Kraftwerk Strom ins öffentliche Netz ein. „Eine Nutzung des Kraftwerks zur Einspeisung in das Fernwärmenetz ist grundsätzlich möglich“, teilt Eon-Sprecherin Kristina Wald auf Anfrage mit. Dazu liefen bereits Gespräche, weitere Angaben seien derzeit jedoch nicht möglich.

Stadtwerkevorstand Stefan Welsch wirbt trotz der Preissteigerungen für die Fernwärme: „Wir sorgen dafür, dass die Fernwärme in Hürth auch über 2030 hinaus zuverlässig verfügbar bleibt. Durch eigene Erzeugungsanlagen und neue Wärmequellen investieren wir heute in die Versorgung von morgen und machen die Fernwärme zu einem starken Pfeiler der lokalen Wärmewende.“