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Bis 2024 Umsiedlungsort Manheim-alt steht zwischen Trümmer und Idylle

Die Blumenstraße liegt teilweise schon komplett in Trümmern. Bis 2024 soll Manheim-alt verschwunden sein.

Die Blumenstraße liegt teilweise schon komplett in Trümmern. Bis 2024 soll Manheim-alt verschwunden sein.

Kerpen-Manheim – Jochen Weglau fährt mit seinem Feldstecher durch den Ort und betrachtet die Fassaden der Häuser. Er ist für die „ökologische Baubegleitung“ im Umsiedlungsort Manheim-alt zuständig, wo gerade Haus um Haus abgebrochen wird: „Ich muss nachsehen, ob es in den Häusern noch Brutvögel oder Fledermäuse gibt.

Dann müssen sie erstmal stehenbleiben“, erklärt der Kölner Biologe, dessen Firma für RWE arbeitet. Bislang habe er aber noch nichts entdecken können, das Jahr sei ja auch noch etwas früh für Vogelnester. „Der Hausrotschwanz ist ein klassischer Hausbewohner“, weiß Weglau. Auch weibliche Zwergfledermäuse seien häufig. Mit ihrem Nachwuchs bildeten sie bevorzugt an Flachdächern „Wochenstubenquartiere“, in denen schon mal 100 Tieren leben können.

Bis 2024 soll Manheim-alt komplett abgebrochen sein. Rund 50 Häuser verschwinden bis dahin jedes Jahr. An der Blumenstraße ist damit begonnen worden. Dann sollen die Langemaarstraße und der Jägerring folgen, wie auch an den Absperrungen entlang der Grundstücksgrenzen zu erkennen ist. Mit dem Bagger nimmt sich der Abbruchtrupp jedes Haus einzeln vor. Bauarbeiter spritzen dabei mit Wasser, damit es keine zu große Staubbelastung gibt. Auch fahren Reinigungsfahrzeuge durch den Ort, damit die Straßen Manheims nicht verdrecken.

Während Manheim-alt an einer Ecke schon dem Erdboden gleich gemacht wird, ist es an einer anderer Stelle noch richtig idyllisch. Auf der alten Sportanlage des SC Victoria Manheim spielen junge Männer Fußball. Es sind Flüchtlinge, die die Stadt in Manheim-alt in leerstehende Häuser einquartiert hat. „Wir sind Kurden, Araber, Türken, Albaner und Kosovaren und kennen uns schon seit zwei Jahren“, erzählt der 20-jährige Leonardo. Er schlägt Eckbälle herein, die die restlichen Spieler ins Tor schießen oder köpfen sollen. „Bei schönem Wetter sind wir viele hier“, so Leonardo weiter. „Dann spielen wir 15 gegen 15.“

Alles zum Thema RWE

Einen Fußballplatz weiter trainiert noch eine Jugendmannschaft des FC Victoria Manheim. Der Fußballverein wartet auf seinen neuen Kunstrasenplatz, der im Umsiedlungsort Manheim-neu zwischen Kerpen und Blatzheim entsteht und im Sommer fertig sein wird. „Von den Kindern, die jetzt hier mit uns trainieren, wohnt keines mehr in Manheim-alt“, berichten Jugendwart Michael Burger und Trainer Thorsten Auf dem Wasser. Nur ein paar Flüchtlingskinder bildeten die Ausnahme. „Die sind bei uns voll integriert.“

Im Manheimer Ortskern, am alten Marktplatz, sind schon fast alle Häuser verlassen und teilweise auch verrammelt. An der Bushaltestelle warten mehrere Flüchtlingsfrauen auf einen der wenigen Busse, mit denen sie mal aus Manheim wegkommen können – etwa zum Einkaufen. Geschäfte gibt es hier schließlich schon lange nicht mehr. Eine Afrikanerin zieht mit dem Kinderwagen vorbei, auch eine Mitarbeiterin der Caritas-Sozialstation in Kerpen ist zu sehen: „Früher hatten wir in Manheim vier, fünf Senioren, die wir versorgen mussten“, sagt die Altenpflegerin. Jetzt habe sie hier nur noch eine Kundin, die aber wohl auch bald umsiedeln werde.

Auch die Freiwillige Feuerwehr hat schon das Weite gesucht und eine provisorische Halle in Manheim-neu bezogen. Das alte Gerätehaus gegenüber dem Marktplatz steht nun leer. An der Forsthausstraße zeugt ein leerer Fleck davon, dass hier bis vor wenigen Monaten noch die Marienkapelle stand. Sie zumindest wird im Gegensatz zu anderen Gebäuden in Manheim-alt auferstehen. Sie ist nicht einfach abgebaggert, sondern behutsam auseinandergenommen worden. In Manheim-neu wieder sie im Originalzustand wieder aufgebaut.

Die Umsiedlung

Mindestens 1100 Jahre alt ist die Ortschaft Manheim, die nun dem vordringenden Tagebau Hambach weicht. Noch vor rund zehn Jahren haben hier einmal 1700 Menschen gewohnt. Im Moment sind es nur noch 580. Darunter sind etwa 200 Flüchtlinge, die die Stadt Kerpen in Absprache mit RWE vorübergehend in leerstehenden Häuser unterbringen darf. Für die alteingesessenen Manheimer entsteht bis 2022 ein neues Dorf zwischen Blatzheim und Kerpen. Dort leben schon rund 800 Menschen.