Deutsche BahnKein Sparticket ohne Kontaktdaten – Kerpener Rentner fühlt sich benachteiligt

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Ein Mann steht an einem Ticketautomaten.

Laurenz Rifert hat seit dem 1. Oktober Probleme mit der Deutschen Bahn.

Laurenz Rifert aus Kerpen-Sindorf hat weder eine Handynummer noch eine E-Mail-Adresse und kann daher nun keine Sparpreistickets mehr kaufen.

Laurenz Rifert (71) hat kein Handy und auch keine E-Mail-Adresse. „Es ist mir alles zu kompliziert. Was soll ich damit?“, sagt er. Der Sindorfer absolvierte eine Lehre zum Feinmechaniker, machte in der Abendschule seinen Meister, und ging beruflich in seinem Leben viele Stationen durch. Von 2003 bis 2016 arbeitete er dann als Hausmeister an der Ulrichschule in Sindorf. „Dort war ich Mädchen für alles!“

Mit Computern hätte er nie etwas zu tun gehabt, die habe er geflissentlich gemieden. Er habe es nämlich geschafft, jeden Computer zum Absturz zu bringen. Rifert ist viel unterwegs, und da ihm bei langen Autofahrten der Rücken schmerzt, fährt er gern mit der Deutschen Bahn, bevorzugt mit Sparpreistickets.

Die Bahn stellt Anforderungen an mich, die ich nicht erfüllen kann
Laurenz Rifert

Seit dem 1. Oktober verkauft die Bahn nun in Reisezentren und Reiseagenturen Sparpreistickets nur noch unter Angabe einer Handynummer oder E-Mail-Adresse. „Im Zeitalter der Digitalisierung müssen auch wir mit der Zeit gehen“, erklärt eine Mitarbeiterin im Reisezentrum am Horremer Bahnhof. Die zwingende Angabe der Kontaktdaten gilt zunächst für den Kauf von Spartickets und betrifft keine weiteren Fahrkarten.

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Deutsche Bahn will Online-Tickets weiter umstellen

Auf Online-Tickets will die Deutsche Bahn nach eigenen Angaben jedoch weiter umstellen, um die Kunden besser über den Verlauf ihrer Reise informieren zu können. Das bedeutet: Menschen, die weder über eine E-Mail-Adresse noch über ein Mobiltelefon verfügen, können ein Ticket nur zum „Flexpreis“ kaufen. Das ist das flexible Bahnticket ohne Zugbindung.

Laut Auskunft der Pressestelle der Deutschen Bahn, gibt es die Möglichkeit, Kontaktdaten anderer Personen, zum Beispiel die der Kinder, anzugeben. Die deutsche Bahn solle endlich wieder für Zuverlässigkeit und fahrplanmäßige Verbindungen sorgen, anstatt den Kunden die Freude am Reisen zu nehmen und die Mobilität der Älteren nicht behindern, sagt die Kreisvorsitzende der Senioren Union, Sibilla Simons.

Die Verbraucherzentrale Bundesverband und der Verein Digitalcourage stehen der Neuerung der Deutschen Bahn ebenso kritisch gegenüber. Die Digitalisierung dürfe nicht zum Ausschluss der Schwächsten führen. „Die Bahn stellt Anforderungen an mich, die ich nicht erfüllen kann“, klagt Laurenz Rifert. Für ihn bedeute das seinen Ausschluss aus der Gesellschaft. Laurenz Rifert wird nun künftig nur noch Fernreisen mit der Bahn unternehmen. Kurztrips seien für ihn dann mit dem Auto weitaus günstiger.


Ältere Menschen wünschen sich niederschwellige Angebote

Vieles geht heute vor allem oder ausschließlich digital: das Busticket, der Termin im Bürgeramt, Überweisungen, der Besuch im Hallenbad – wenn auch nur während der Pandemie. Das schließt viele, vor allem ältere Menschen, aus. Damit hat sich Ende Oktober eine Konferenz im Landtag in Düsseldorf beschäftigt. Es sind alarmierende Zahlen: Laut Statistischem Bundesamt waren 17 Prozent der Menschen im Alter zwischen 65 und 74 noch nie im Internet.

Bezogen auf Nordrhein-Westfalen sind das 325 500 Personen. In der Gruppe der über 70-Jährigen liegt der Anteil sogar bei gut 34 Prozent – in NRW knapp eine Million Menschen. Eine Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach kam zuletzt sogar auf noch höhere Zahlen. Selbst von den ab 60-Jährigen waren demnach fast ein Drittel überhaupt keine Internetnutzer.

Erwin Knebel vertritt die Interessen dieser Gruppe, er zählt selbst dazu. Er ist Vorsitzender des Fördervereins der Verbraucherzentrale „Wir Verbraucher in NRW“. Zudem leitet er eine Verbraucher-Arbeitsgemeinschaft im Kreis Mettmann. Seine Sicht: „Viele in dieser Altersgruppe haben in ihrer Kindheit die Volksschule besucht.“ Sie hätten kaum Englischunterricht gehabt, wüssten nichts mit den englischen Bezeichnungen der digitalen Welt wie Link, Googeln, Scrollen anzufangen.

Sie benötigten Angebote, die ihnen helfen, die digitale Welt zu verstehen und zu lernen, mit den Geräten umzugehen. Aber dafür gebe es in Nordrhein-Westfalen kaum Angebote. Knebel hat das Projekt „Digitalpaten“ gegründet. Dort trainieren Senioren an den Geräten in Kleingruppen, maximal zu zweit. Er fordert von den Kommunen, dass sie Ehrenamtler mehr unterstützen und wohnortnah Serviceangebote schaffen.

Das betreffe aber auch die Wirtschaft, weil die von mehr digitaler Teilhabe profitiere, indem sie ihre Produkte mehr Menschen verkaufen könne: „Die Hamburger Sparkasse macht zum Beispiel in allen Filialen einmal im Monat ein Angebot, wo ihre Kunden Onlinebanking trainieren können.“

Auch die Volkshochschulen müssten ihre guten Angebote didaktisch überdenken, fordert Erwin Knebel. Kurze Lerneinheiten, dafür öfter, und es müsste Möglichkeiten geben, das Gelernte ausgiebig zu üben.

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