Bei der Sonderausstellung prallen verschiedene Zeiten in Gemälden und Skulpturen aufeinander, die sich von Saal zu Saal steigern.
„Zu den Sternen“Arp Museum zeigt Ausstellung zu Weltraum und Weltflucht seit der Moderne

In der Ausstellung „Zu den Sternen“ stehen rund hundert Exponate.
Copyright: David Ertl
„...und an den Küsten – liest man – steigt die Flut. Der Sturm ist da, die wilden Meere hüpfen an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken“. Nein, das ist keine aktuelle Tagesschau, sondern aus dem Gedicht „Weltende“ von Jakob von Hoddis 1911 im Stil des frühen Expressionismus.
Nun ist es eingeflochten in die große neue Ausstellung „Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“ im Arp Museum, mit rund 100 Exponaten. Die Schau ist in Kapitel aufgeteilt, in denen es „zu den Sternen“ geht oder eben zum „Weltende“, bis dahin, wo „kosmische Utopien“ ihren Platz finden.
Steigerung bis zum Finale im letzten Saal
Die von der Direktorin Dr. Julia Wallner differenziert konzipierte Ausstellung steigert sich auf Schritt und Tritt, bis man fast magisch in den letzten Saal hineingezogen wird, wo in Bildern und Skulpturen alles groß wird und man den Kuratorinnen aus dem Haus begegnet: Sie sind in das „Cosmirama“ von Dominique Gonzalez Foerster fotografisch hineingeschlüpft, noch bevor die Wände mit den bunten Konterfeis aus aller Welt tapeziert wurden. Die Wand wird„ instagrammabel“, als sich Jan Faber, wissenschaftlicher Volontär im Haus, vor die Bildwand stellt. Die Besucher werden die eigenen Selfies genießen.

Außerirdisches von Emma Talbot
Copyright: David Ertl
Doch sie haben schon lange zuvor beim Unterwegssein in dem hypergeräumigen Richard-Meier-Bau eine Raumstation im Garten entdeckt. Und die ist „echt“, denn sie kann Signale empfangen und kommunizieren, genauso, wie es die Künstlerin und Wissenschaftlerin Mona Schulzek 2026 konzipiert hat.
Wer dann auf den Fahrstuhl zugeht, wird von einem übergroßen Video von Björn Melhus empfangen, wobei es in symmetrisierter Künstlichkeit um so etwas wie den Restmenschen geht, was vielleicht nach der KI von ihm übrige geblieben ist, und der nun sein Heil in einer neuen Welt auf fremden Sternen sucht.
Bei der Ausstellung stoßen die Zeiten aufeinander
Schließlich beginnt die eigentliche Schau mit dem Sonnenglutball von Katharina Sieverding, gefertigt nach wissenschaftlichen Fotos (samt Sonnenflecken) und in der Reproduktion zu gefährlichem Leuchten gebracht.
Gern biegt man um die Ecke – und schaut ins Blaue, auf den „Sternhimmel“ von Wenzel Hablik, 1913 entstanden. Der italienische Futurismus ist präsent, der russische Konstruktivismus dockt an mit Rodtschenko. Hans Arp breitet seine Sternenlyrik in zeitlosen Farbholzschnitten aus, und der Surrealist Yves Tangy versucht à la Dalí, mit ein paar Splittern die Unendlichkeit ins Unbegrenzter wachsen zu lassen.

Figur aus dem Triadischen Ballett von Oskar Schlemmer
Copyright: Heidrun Wirth
Immer wieder stoßen die Zeiten aufeinander, so der in geradezu barocker Opulenz gemalte Himmelswagen von Odilon Redon, Mitte im 19. Jahrhundert, und genau zu derselben Zeit, als man die ersten wissenschaftlichen Zeichnungen anfertigte, um die Welt neu zu vermessen.
All das geht nicht ohne Augenzwinkern ab, wie es Carl Spitzweg inszenierte, der den abergläubischen Wallenstein in einer Retrodarstellung nicht als Astronomen, sondern (was stimmte) als Astrologen durch ein pompöses Fernrohr schauen lässt. Und Karl Valentin und Liesl Karlstadt zeigen die illustre bürgerliche Gesellschaft beim „Mondraketenflug“, wie es damals, vor 100 Jahren, noch undenkbar, aber witzig war.
Hoffnung, Ernüchterung und das Menschenbild in der Kunst
Nach dem Zweiten Weltkrieg versucht man dann noch einmal, positiv der Zukunft entgegenzueilen. Da ist die Gruppe Zero mit Otto Piene oder Hans Salentin mit der Metallskulptur eines Astronauten.
Was folgt, ist die Ernüchterung und so etwas wie die „Weltflucht auf den Mond“. Wenig anheimelnd die Großaufnahme vom „Mars als irdischer Hoffnungsträger“ von Thomas Ruff, zu sehen mit 3D-Brillen. Elfenähnliche Videoerscheinungen von Yael Bartana oder ein faszinierendes Tanzkostüm aus dem Triadischen Ballett von Oskar Schlemmer, so versammelt sich die Welt, romantisch oder skurril mit Anregungen ohne Ende, nicht nur für die Mode.
Aber wir fragen dann doch: Geht es nicht eher und am meisten um das Menschenbild? Gibt es, angekommen im Anthropozän, für diese so vernetzte Menschheit vielleicht zu wenig Spiel-Raum? Und wir antworten vielleicht: Glücklicherweise steht dafür die Kunst in solchen Ausstellungen wie diese.
„Zu den Sternen“ ist bis zum 10. Januar 2027 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Hans-Arp-Allee 1, Remagen, zu sehen. Das Museum hat von Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet zwölf, ermäßigt neun Euro, Öffentliche Führungen werden jeden Sonntag von 15 bis 16.30 Uhr angeboten.
