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Lebensbeginn in GefangenschaftKZ-Überlebender spricht in Mucher Schule über seine Erfahrungen

3 min
Thomas Gabelin als Kind (links) mit seiner Mutter Lore Gabelin und seinem Bruder Richard (rechts).

Thomas Gabelin als Kind (links) mit seiner Mutter Lore Gabelin und seinem Bruder Richard (rechts).

Geboren wurde Thomas Gabelin im Konzentrationslager, heute nutzt der 81-Jährige seinen Ruhestand, um die Geschichte seiner Eltern zu erzählen. 

Im Ghetto Theresienstadt, einem NS-Konzentrationslager in Tschechien, waren zwischen November 1941 und Mai 1945 etwa 140.000 Menschen inhaftiert.

35.000 von ihnen starben unter den grausamen Haftbedingungen, vergast wurde dort nicht. In den knapp vier Jahren wurden in dem NS-Ghetto 25 Babys geboren, nur zehn überlebten. Eines dieser Kinder ist Thomas Gabelin, der mit seinen Eltern die Zeit im KZ überstand. Heute erzählt er seine Geschichte und die seiner Familie an Schulen.

81-Jähriger KZ-Überlebender berichtet an Mucher Gesamtschule

Schüler der zehnten und elften Klasse an der Gesamtschule Much hören gespannt zu, als der 81-jährige die Bühne der Aula einnimmt. Dabei ist der Autor Louis Pawellek, der mehrere Bücher mit Holocaust-Überlebenden geschrieben hat. Als Schulkind hat er die KZ-Geschichte einer Nachbarin gehört, die ihn dazu aufforderte: „Mach was draus, Junge.“ Seitdem interviewt er die Menschen, die das Grauen miterlebt haben, unter anderem Thomas Gabelin.

Thomas Gabelin spricht über seine Familie und ihr Überleben im KZ Theresienstadt.

Thomas Gabelin spricht über seine Familie und ihr Überleben im KZ Theresienstadt.

Ein Baby im KZ - Geburt unter schrecklichen Bedingungen

Seine Eltern Werner und Lore Gabelin wurden 1944 von den Nazis aus ihrer Heimatstadt Krefeld geholt. Das war der letzte Abtransport von Juden aus Krefeld, wie Gabelin erzählt, der sich an die NS-Zeit selbst nicht erinnern kann, sondern sich ausschließlich auf Erzählungen seiner Eltern beruft. Seine hochschwangere Mutter musste auf der Reise nach Theresienstadt auf einem Schlachthof in einem Trog schlafen, im KZ wurde sie dann zum Glimmerspalten gezwungen, sein Vater arbeitete am Barackenbau.

Am 21.12.1944 meldeten sich dann die Wehen, und die schwangere Lore Gabelin schleppte sich zur Kaserne Hohenelbe, der Krankenstation in Theresienstadt, wo ihr Sohn Thomas geboren wurde. Babynahrung gab es im NS-Ghetto nicht, Gabelin überlebte die Zeit nur mit der Milch seiner abgemagerten Mutter. Was für ein Glück er gehabt hat, wurde ihm erst klar, als seine Mutter ihm erzählte, was mit Schwangeren eigentlich geschah: „Die Babys wurden rausoperiert und getötet. Wahrscheinlich, damit die Frauen besser arbeiten konnten“, vermutet der 81-jährige.

...und nach dem Krieg?

Im August 1945 ging es nach der Befreiung zurück nach Krefeld. Dort habe er trotz trüber und schwerer Nachkriegszeit eine schöne Kindheit genießen können, erzählt Gabelin. Auch seinen älteren Bruder Richard konnte er kennenlernen, der 1944 im Alter von zwei Jahren aus ungeklärten Gründen in Krefeld zurückgelassen und von einer Bekannten versorgt wurde.

Thomas Gabelin zeigt den Mucher Schülern den „Sonderausweis für Verfolgte“ seiner Mutter. Damit bekam seine Familie in der Nachkriegszeit mehr Rationen für eine Essensmarke. Gabelins Mutter habe gesagt: „Ich bin triumphierend an den alten Nazis vorbeigelaufen und habe meinen Ausweis geschwenkt.“ Noch nie vorher sei sie in Deutschland bevorzugt behandelt worden.

Dass im Nachkriegsdeutschland noch „ein brauner Nazigeruch schwelte“, merkte Thomas Gabelin auch noch, als er zur Schule ging. Als dreckiger Jude sei er beschimpft worden. „Ich wünschte, ihr wärt alle vergast worden“, bekam er auch zu hören. Nach seiner Schulzeit studierte er in Bonn und wurde Psychotherapeut.

Den Ruhestand nutzt er, um über den Holocaust aufzuklären, geht an Schulen und beantwortet Fragen der Schüler. Auch dieses Mal betrachtet er zum Ende lange das Foto, das ihn mit seinem Bruder und seiner Mutter zeigt. „Wenn ich das sehe, merke ich wieder: Es hat sich gelohnt.“