Ungeschulte Augen sehen Löwenzahn und Beifuß, Marita Schulz erkennt darin Zutaten für leckere Gerichte zum selber kochen.
Vorgebirge als SchlaraffenlandKräuterpädagogin bietet an der VHS Bornheim/Alfter Führungen an

Marita Schulze möchte die Schätze der Natur wieder ins Bewusstsein der Menschen bringen.
Copyright: Margret Klose
Für Marita Schulze (62) ist das Vorgebirge ein einziges Schlaraffenland. Schon ein kleiner Spaziergang mit ihr vorbei an den zurzeit schon recht hochstehenden Wiesen offenbart, wo das Augenmerk dieser Naturfreundin liegt. Ihr geschulter Blick erkennt vor allen Dingen die kleinen Schätze am Wegesrand: Leckerbissen wie Löwenzahn, Giersch, Beifuß, Wegerauke, Spitzwegerich und Hirtentäschel.
Und fast immer kehrt sie von ihren Spaziergängen mit einem essbaren Strauß zurück, der in ihrer Küche daheim in Merten zu besonderen Köstlichkeiten verarbeitet wird. Die Liebe zur Natur hat sie schon als Kind ausgelebt. Wenn sie Lust auf Süßes hatte, pflückte sie sich einfach eine Taubnessel und saugte an den Blüten. „Das schmeckt honigsüß“, erzählt sie.
Knackig, ein bisschen herb und nussig schmeckten ihr hingegen die kleinen Herzblätter der Hirtentäschel, die sie als Kind und Jugendliche oft im Dutzend verputzte. „Die Blättchen der Hirtentäschel wirken leicht antiseptisch“, weiß sie von ihrer Großmutter. Noch mehr als ihre Oma hat ihre Mutter ihr die Freude und Wertschätzung über die Kostbarkeiten aus Mutter Natur vermittelt. Bis heute ist ihr Garten ein einziges Eldorado für all die Köstlichkeiten, die es in keinem Geschäft der Welt zu kaufen gibt.
Kräuterführungen sollen Bewusstein für heimische Zutaten fördern
Beruflich beschäftigt sich Schulze mit Zahlen und dem Gesetz. In ihrer Freizeit absolvierte sie 2011 eine Ausbildung zur Kräuterpädagogin. Dabei lernte sie viel zu den verschiedenen Pflanzenfamilien, den Inhaltsstoffen und ihren Verwendungsmöglichkeiten. „Ich fand das Thema so spannend, dass ich bei verschiedenen Doktoren direkt in die Fort- und Weiterbildung einstieg“, erzählt sie. Heute bietet Marita Schulze in der Volkshochschule Bornheim/Alfter auch Kräuterführungen an. „Es ist mir einfach eine Herzensangelegenheit, den Menschen die Schätze vor der Haustüre wieder ins Bewusstsein zu bringen“, erklärt sie.
Doch viel zu gerne zieht sie auch alleine los. Im Nu entdeckt sie auf den Wiesen die Wegerauke. „Sie schmeckt herb, scharf aber auch lecker. Nur wenige ihrer Blätter im Salat reichen aus, um den Stoffwechsel – die Verdauung und die Produktion von Gallen- und Magensaft anzuregen – ganz ähnlich wie Wermut oder Beifuß.
Spitzwegerich kann für Bruschetta verarbeitet werden
Mit Handschuhen erntet Marita Schulze auch Brennnesseln. Schließlich weiß sie von ihren guten Inhaltsstoffen: Kieselsäure, Eisen und Chlorophyll, zum Beispiel. Deswegen wird dem Brennnesseltee auch eine entgiftende Wirkung nachgesagt. Ein Tee aus den Blättern der schnöden weiß blühenden Taubnessel – ob frisch oder getrocknet – soll hingegen nervenstärkend wirken.

Der Spitzwegerich wird gewaschen, geschnitten und dann in der Pfanne gebrutzelt.
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Völlig unterschätzt ist ihrer Meinung nach auch der Spitzwegerich. In ihrer Küche mutiert das Wildkraut als Bruschetta – kurz in Butterschmalz gebraten und auf einer Scheibe Brot serviert und mit ein bisschen Salz abgeschmeckt – zum Geschmacksfeuerwerk. Doch Spitzwegerich kann noch viel mehr. Öfter schon nutzte Schulze den Saft der ausgepressten Blätter unterwegs auch, um das Jucken eines Insektenstichs zu lindern. Sie weiß aber auch, dass der Blattsaft in der Medizin Verwendung findet – etwa bei Erkrankungen der Atemwege.

Ein außergewöhnlicher Leckerbissen aus der Natur – Spitzwegerich als Bruschetta.
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Sogar dem Löwenzahn kann die 62-Jährige wirklich nur Gutes abgewinnen: Aus seinen Blüten kocht sie Marmelade, aus den Blättern wird Salat zubereitet und die getrockneten Wurzeln brüht sie als aromatischen Tee auf. Nicht auf dem Herd, sondern als Deko macht sie sich sogar die Schönheit der verwelkten Löwenzahnblüte – der Pusteblume – zunutze, mal in der Schale mit Moos – mal aber auch mit Lichtern als Lampion-Kette.

Eine Krone aus Pusteblumen dient zur Dekoration.
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Auch die Butterblume, als „Hahnenfuß-Gewächs“ gehasst und aus vielen Gärten verbannt, gehört für die Kräuterfachfrau zum Gesamtbild. „Es muss doch auch Pflanzen geben, die einfach nur dem Auge guttun“, sagt sie und zeigt auf die Wiesen, die aktuell voller gelber Tupfer Butterblumen leuchtet.
Über Kräuter aus der Region gibt es einiges zu wissen
Sogar der gewöhnliche Giersch aus der Familie der Doldenblütler ist für die Fachfrau mitnichten ein Unkraut. Das wegen seines dreieckigen Stils und der dreigeteilten Blätter auch als Dreifaltigkeitskraut gepriesene Grün findet in ihrer Küche zum Beispiel in der Wiesenlimonade eine ganz besondere Verwendung. Früher wurde Giersch auch Zipperlein-Kraut genannt. Die frischen oder getrockneten Blätter als Tee aufgebrüht sollen nämlich auch heute noch gegen Fußgischt helfen.
Ganze Bücher könnte Marita Schulze mit den wunderbaren Geheimnissen füllen, die die Natur an jeder Ecke bereithält und nur darauf warten, endlich wiederentdeckt zu werden. Noch ist sie allerdings berufstätig, noch fehlt ihr für solch ein Projekt deswegen einfach auch die Zeit.
Vier Rezepte für Gerichte aus natürlichen Zutaten vor Ort:
Spitzwegerich-Bruschetta: Spitzwegerich mit Blättern und Blütenknospen ernten und waschen. Die Blätter klein schneiden – die Knospen so lassen. Alles in ein bisschen Butterschmalz in der Pfanne brutzeln und noch heiß auf dem Brot verteilen. Mit ein bisschen Salz abschmecken. Fertig. Die Bruschetta schmeckt feinherb und ein bisschen nussig.
Wiesenlimonade: Die großen Blätter des Gierschs waschen und abtrocknen lassen. Danach werden die Blätter zerrieben und über Nacht in einem einfachen Apfelsaft ziehen gelassen. Am nächsten Tag werden die zerdrückten Blätter rausgefischt – die Wiesenlimonade ist fertig zum Genießen.
Löwenzahnmarmelade: Löwenzahnblüten sammeln – das Grün an der Blüte abschneiden und nur die Blüten in einen Topf geben, mit Wasser bedecken und mit Zitronenscheiben belegen. Ein bis zwei Tage ziehen lassen. Danach die Flüssigkeit durch ein Sieb auffangen. Ein Drittel der Blüten dazugeben abwiegen und nach Anleitung des Gelierzuckers 3:1 zubereiten, heiß in Gläser füllen und verschließen.
Löwenzahn-Chutney: Eine in Würfel klein geschnittene Zwiebel mit einem ebenfalls in kleine Würfel geschnittenen Apfel in Butterschmalz anbraten. Wer will kann zuvor in der Pfanne erst noch ein bisschen Zucker karamellisieren. Dann die Blütenreste, also die zwei Drittel des Löwenzahns von der Marmeladenzubereitung, dazugeben. Mit Essig und wer will, mit ein bisschen Chili abschmecken und nach Geschmack mit Salz und Pfeffer würzen, aufkochen und heiß in Gläser füllen – fertig. (mkl)
