In Kerpen wird die neue S-Bahn für das Rheinland vorgestellt. Zeitgleich sickert durch, dass der Bund 2027 die Gelder für den Ausbau und die Sanierung der Schieneninfrastruktur deutlich kürzen will.
So sieht die neue S-Bahn fürs Rheinland aus2030 startet der Probebetrieb

Das 1:1-Modell der neuen S-Bahn-Generation für das Rheinland steht im Gewerbepark Kerpen.
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Für alle gestressten Bahnpendler im Rheinland sollte der Mittwoch mal ein Tag mit einer guten Nachricht werden: Vorhang auf für die neue S-Bahn Rheinland in einer Halle im Gewerbepark Kerpen. Beim Verkehrsverbund go.Rheinland spricht man im Vorfeld von einer Weltpremiere.
Auch wenn es sich bei dem ersten Zug, der hier den Vertretern der rheinischen Bahnbranche präsentiert wird, „nur“ um ein 1:1-Modell handelt, das sich keinen Meter fortbewegen wird.
Knapp fünf Milliarden Euro werden go.Rheinland und der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) im Laufe von mehr als 30 Jahren in 90 neue Züge investieren, die ab 2032 das Rückgrat des S-Bahnnetzes im Rheinland bilden sollen.
90 Züge und ein Rundum-Sorglos-Paket kosten fünf Milliarden Euro
Das ist selbst für den an Großaufträge gewohnten Bahnhersteller Alstom Transportation Germany keine alltägliche Investition, die Projektmanager Eric Kohl Respekt abnötigt. Für die Milliardensumme, die am Ende wohl kaum reichen wird, muss Alstom ein Rundum-Sorglos-Paket garantieren. Die Züge pünktlich liefern, die Wartung und Reparaturen für 34 Jahre übernehmen und einen störungsarmen Einsatz über die gesamte Laufzeit garantieren. Zwischen 14,2 und 20,1 Millionen Zugkilometer sollen die S-Bahnen ab 2032 abreißen. Pro Jahr - versteht sich.
Die Stimmung ist entsprechend gut. Gemeinsam lassen sich die Gäste das Innenleben des neuen Superzugs erläutern, der mit einer S-Bahn von heute nicht mehr viel gemein hat. Bis zu 1343 Fahrgäste finden in der Langversion Platz, der Innenraum ist durch eine Modulbauweise variabel. Selbstverständlich gibt es WLAN, Steckdosen und barrierefreie Toiletten, was bei einer S-Bahn keine Selbstverständlichkeit ist.
Obendrein verspricht der Alstom-Projektmanager, dass der Konzern alle Liefertermine einhalten wird. Der erste Wagenkasten wird im polnischen Werk in Wroclaw (Breslau) schon konstruiert.
Testfahrten beginnen 2027
„Im November startet der Innenausbau. 2027 folgen die Tests, anschließend geht es um die Zulassung, die wir im Mai 2029 erwarten. Die Anforderungen an die Zulassung sind so umfangreich, dass wir dazu mehrere Prototypen brauchen“, sagt Eric Kohl. „Die Fahrzeuge sind heute deutlich komplexer, als sie es in der Vergangenheit waren. 2030 sollen die ersten ins Rheinland kommen.“
Selbstverständlich sei die neue S-Bahn-Generation auf das Digital-Zeitalter vorbereitet und könne, wenn die Infrastruktur steht, ohne die Steuerung durch Signale fahren. Und das im Vergleich zu den Zügen, die heute unterwegs sind, mit einem um 35 Prozent gesunkenen Stromverbrauch bei einer um 23 Prozent höheren Fahrgastkapazität. „Damit setzen wir einen neuen Maßstab“, sagt Kohl.
Natürlich muss Udo Sieverding, Abteilungsleiter im NRW-Verkehrsministerium, etwas Wasser in den Wein kippen. „Natürlich kostet das alles auch viel Geld, das vom Land und vom Bund kommt. Dafür sollte man sich auch mal bedanken und wertschätzen, dass wir diese Finanzierungssystematik noch haben.“
Noch. Das ist ein Wort, das Norbert Reinkober gar nicht gerne hört. Den Geschäftsführer von go.Rheinland, der seit mehr als einem Jahrzehnt den S-Bahnausbau rund um Köln voranzubringen versucht, treibt eine Nachricht um, die ihn kurz vor der Veranstaltung erreicht hat.
Bund will Geld für Sanierung und Ausbau der Schiene deutlich kürzen
Am Morgen ist durchgesickert, dass dem Bund das Geld ausgeht und die Mittel für die Sanierung und den Ausbau des Schienennetzes im Haushaltsentwurf des Bundes im kommenden Jahr um 1,3 auf 15 Milliarden Euro gekürzt werden sollen.
„Mehr als 90 Schienenprojekte stehen vor dem Aus, allein in diesem Jahr sind rund 30 Vorhaben trotz des Sondervermögens nicht ausfinanziert“, warnt ein breites Bündnis, dem unter anderem die Wirtschaftsvereinigung Stahl, der Verband der Chemischen Industrie, die Papierindustrie, die Klima-Allianz und der DGB angehören, in einem öffentlichen Papier. Für einen „wirklichen Abbau des Investitions- und Instandhaltungsstaus fehlten jährlich sogar vier Milliarden Euro.

So sollen der neue S-Bahnsteig und die Fassade des Kölner Hauptbahnhofs am Breslauer Platz aussehen.
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Genau das treibt den go.Rheinland-Geschäftsführer um. Was nutzt die schöne neue S-Bahnflotte, wenn der Streckenausbau bis 2032 nicht abgeschlossen ist? Vor einer Woche erst hat go.Rheinland verkündet, dass die Baugenehmigung für die Erweiterung des Kölner Hauptbahnhofs um einen Bahnsteig mit zwei S-Bahngleisen vorliegt. Auch am Bahnhof in Bergisch Gladbach könnte es losgehen. Nach 2032 sollen rund um Köln statt bisher fünf zehn S-Bahnlinien fahren. Welche dieser Pläne stehen jetzt auf der Kippe?
Noch in dieser Woche werde er versuchen, an genauere Informationen zu kommen, sagt Reinkober, bevor er sich das Innenleben der neuen S-Bahn anschaut.
„Wer heute bei der Schiene spart, gefährdet morgen wirtschaftliche Stärke, sichere Arbeitsplätze, gleichwertige Lebensverhältnisse und wirksamen Klimaschutz. Eine moderne und leistungsfähige Schiene ist keine freiwillige Ausgabe – sie ist eine Investition in die Zukunft Deutschlands“, richtet das Bündnis einen Appell an den neuen Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU).
Den könnte Reinkober sofort unterschreiben. Doch mit Appellen allein wird man nicht weiterkommen. Im Kampf um die knappen Mittel braucht es die besten Konzepte. Die, weiß Reinkober, hat go.Rheinland schon vor mehr als zehn Jahren vorgelegt. Jetzt müssten sie nur schnell umgesetzt werden.