Rom – Die italienischen Medien nennen die neuen Pläne von Regierungschef Mario Draghi bereits „Aktion Thermostat“. Um das Land weniger abhängig von russischen Gaslieferungen zu machen, dürfen die Räume ab dem 1. Mai nur noch auf 27 Grad hinunter gekühlt werden, wobei die Toleranz 2 Grad beträgt. Im kommenden Winter wiederum dürfen die Thermostate der Heizungen nur noch auf maximal 19 Grad eingestellt werden; auch hier gilt eine Toleranz von 2 Grad.
Dass auch Klimaanlagen, die mit Strom betrieben werden, unter das neue Sparregime fallen, hat mit der speziellen italienischen Situation zu tun: Weil das Land keine Atomkraftwerke und fast keine Kohlekraftwerke hat, wird der größte Teil des Stroms in Gaskraftwerken produziert. Strom sparen heißt in Italien deshalb in erster Linie auch Gas sparen.
Italien will Energie einsparen
Die neuen Bestimmungen gelten vorerst nur für öffentliche Gebäude und Büros sowie für Schulen; ausgenommen von der „ Aktion Thermostat“ sind Spitäler und Altersheime. Mit den neuen Maßnahmen hofft die Regierung, Einsparungen von 4 Milliarden Kubikmetern Erdgas jährlich zu erzielen. Das wären immerhin knapp ein Siebentel des importierten russischen Gases: Italien bezieht pro Jahr zwischen 28 und 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland, was 40 Prozent des gesamten Gasverbrauchs entspricht.
Wer gegen die neuen Temperatur-Vorgaben verstößt, riskiert eine Busse von bis zu 3000 Euro. Möglicherweise werden auch noch die privaten Haushalte von den staatlich verordneten Sparmaßnahmen erfasst. Gelöst werden müsste allerdings noch das Problem der Kontrollen und der Durchsetzung.
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Die neuen Maßnahmen kommen nicht überraschend. Draghi hatte bereits Anfang April rhetorisch gefragt, was wichtiger sei: „ Wollen wir den Frieden - oder den ganzen Sommer die Klimaanlage laufen lassen?“ Der Premier liess dabei keine Zweifel daran, dass ihm der Frieden wichtiger wäre - er hatte zuvor auch immer wieder daran erinnert, dass die EU mit ihren Gas-Importen aus Russland Putins Krieg in der Ukraine finanziere. Einzelne italienische Kommunen haben auch bereits Erfahrungen mit verordnetem Frösteln bzw. Schwitzen.
So hatte zum Beispiel der Bürgermeister von Rom, Roberto Gualtieri, bereits im März verfügt, dass die Thermostate auf 18 Grad hinunter gedreht und ausserdem die Heizintervalle verkürzt werden müssen. Die Massnahme galt ebenfalls nur für die öffentlichen Gebäude; zehntausende von privaten Wohnblocks haben sich aber angesichts der enorm gestiegenen Gaspreise freiwillig an die Massnahme angeschlossen.
Italien will sich unabhängig von russischen Importen machen
Die italienische Regierung arbeitet seit Kriegsausbruch intensiv daran, das gesamte russische Gas durch Importe aus anderen Ländern oder eben mit Sparmassnahmen zu ersetzen. Der für Italien nach Russland zweitwichtigste Lieferant, Algerien, hat bereits zugesagt, seine Lieferungen von bisher 21 Milliarden Kubikmetern um 9 Milliarden Kubikmeter zu erhöhen. Zusätzliche 2 bis 3 Milliarden Kubikmeter sollten aus Libyen kommen, das wie Algerien bereits mit einer Pipeline durch das Mittelmeer mit Italien verbunden ist.
Gestern Mittwoch starteten Italiens Aussenminister Luigi Di Maio und der Minister für die Ökologie-Wende, Roberto Cingolani, ausserdem zu einer Rundtour nach Angola und in den Kongo: Mit den jeweiligen Regierungen sollen neue Verträge zur Lieferung von verflüssigtem Erdgas geschlossen werden. In beiden Ländern ist der italienische Energiekonzern ENI bereits seit vielen Jahren tätig, wie auch in Algerien und Libyen.



