Was für ein Debakel! Den Unionsparteien ist mal wieder eine Personalfrage entglitten, eine sehr zentrale sogar. CDU und CSU stolpern in die Entscheidung über die Kanzlerkandidatur, weil die Protagonisten offenkundig unfähig sind zur Einigung, weil getrennt taktiert wird und nicht zusammen nachgedacht.
Seit Monaten belauern sich die möglichen Kandidaten. Von Freundlichkeit und dem Bemühen um Gemeinsamkeit war im Wettkampf zwischen Armin Laschet und CSU-Chef Markus Söder wenig zu spüren. Nun haben beide ihre Kandidatur auch offiziell erklärt. Söder hat sein monatelanges Kokettieren aufgegeben.
Damit wird aus dem Wettkampf in den Kulissen endgültig ein Duell auf offener Bühne. Aber wenn es Laschet gelingt, die CDU-Landesverbände hinter sich zu sammeln, obwohl seine Umfragewerte gegen ihn sprechen, kann Söder sich auf den Kopf stellen – er wird nicht weiterkommen. Darauf weist Söder selbst hin, wenn er die CDU als „große Schwester“ der CSU ermahnt, die Entscheidung nicht „auf Biegen und Brechen“ zu fällen.
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Bei allem Mahnen und Drängen hat sich Söder auch eine Rückzugsmöglichkeit eröffnet, indem er zusagt, sich einem Votum der CDU natürlich unterzuordnen. Sein Hinweis auf den Willen der Parteimitglieder und auf den der Bevölkerung macht deutlich: Harmonisch und ruhig wird es in der Union dann nicht werden. Ein Nicht-Kanzlerkandidat Söder würde jeden Fehler und jedes Umfrageminus nutzen, deutlich zu machen, dass die Union sich ihre Probleme selbst zuzuschreiben habe. Aber auch einem Kanzlerkandidaten Söder würden nach diesem viel zu langem Entscheidungsprozess mit all seinen Ellbogenchecks und Fiesheiten nicht alle Herzen zufliegen. Das vorherrschende Gefühl nach einer Entscheidung jedenfalls wird Erleichterung sein, nicht Begeisterung. Für eine Bundestagswahl ist das nicht überzeugend.
Merz-Äußerung kann auch als Drohung aufgefasst werden
Wie prekär die Lage ist, zeigt die Wortmeldung von Friedrich Merz. Sein Plädoyer, die CDU könne sich die Kandidatur nicht nehmen lassen, lässt sich als plötzliche Unterstützung für seinen einstigen Konkurrenten Laschet verstehen – aber auch als Vorbereitung seines Sturzes für den Fall, dass Söder sich am Ende durchsetzt.
Ein Versuch zur Notrettung aus misslicher Lage kommt vom stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Volker Bouffier. Er hat nun den 19. April als Datum für eine Entscheidung ins Gespräch gebracht. An diesem Tag wollen auch die Grünen bekannt geben, wer bei ihnen die Kanzlerkandidatur übernimmt. Bouffiers Plan ist offenkundig: Die zeitliche Parallele zur eigenen Personalie soll den unionsinternen Streit vergessen machen. Es ist einer der wenigen geschickten Schachzüge in dieser Unionsaufführung, die unterhaltsam ist, aber auch ziemlich würdelos.


