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Bizarres WettrüstenWas plant Putin mit seiner erschreckenden Tsunami-Waffe?

7 min
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Selbst der russische Staatschef Putin war beim Klimagipfel digital anwesende.

  1. Russlands Staatschef Wladimir Putin lässt in der Arktis völlig neuartige Nuklearwaffen testen.
  2. Die Unterwasserdrohne Poseidon soll autonom ganze Ozeane durchqueren und Küstenstädte verwüsten können – durch gigantische Flutwellen und Radioaktivität.
  3. Was ist Putins Kalkül?

Er hat es schon wieder getan. Westliche Beobachter haben es genau registriert. Russlands Präsident Wladimir Putin hat in seiner „Ansprache an die Bundesversammlung“ am 21. April in Moskau erneut das P-Wort ausgesprochen: Poseidon.An dem neuen Waffensystem, das Atombomben durchs Wasser zu fernen Küsten tragen soll, werde „gemäß den Entwicklungsplänen der Streitkräfte“ weiter gearbeitet, sagte Putin. Ähnliches ließ jüngst Russlands staatliche Nachrichtenagentur Tass verlauten. Danach sollen die Poseidon-Systeme sogar schon bald in Belgorod-U-Boote eingebaut und getestet werden. Die U-Boote sind auch ihrerseits nagelneu – und mit 184 Metern Länge die größten der Welt.

Willkommen in der bizarren Welt eines neuen Rüstungswettlaufs unter dem Meer – von dem das breite Publikum noch nie etwas gehört hat, der aber das globale Kräftemessen in den kommenden Jahren beeinflussen wird.

„Diese ganze Geschichte ist ehrlich gesagt furchterregend“, sagt ein Mitarbeiter der Nato-Zentrale in Brüssel, der namentlich nicht erwähnt werden will. Ähnlich sieht es ein hoher Bundeswehroffizier in Berlin: Noch schlimmer als das offensive Vorgehen der Russen beim Thema Poseidon sei die langjährige Ignoranz des Westens.

Poseidon? Als im Jahr 2015 erste Hinweise auf das neue russische System kursierten, tippten westliche Experten sich noch an den Kopf: Jetzt übertreibt es Putin aber. Wahrscheinlich alles nur ein Bluff.Im Jahr 2018 aber erwähnte Putin das Poseidon-System nicht nur offiziell in seiner Rede zur Lage der Nation. Er zeigte sogar Videos. Spötter wurden von nun an ruhiger.

Das Ding existiert, es hat die Waffennummer 2M39, ist 20 Meter lang und 40 Tonnen schwer. Die Reichweite liegt bei 10.000 Kilometern.

Unklar ist nur, welches Geräusch der Antrieb macht – ein klassisches Thema für die Geheimdienste. Wäre Poseidon wirklich geräuschlos, wie Putin sagt, würden die Unterwassersensoren der Nato ins Leere lauschen – und Putin behielte recht mit seiner Behauptung, Poseidon sei eine „unaufhaltsame Waffe“.

Eine von einer Poseidon-Attacke getroffene Region, so viel steht fest, hätte schwer zu leiden, und zwar gleich doppelt: erst durch einen Tsunami – die„Prawda“ stellt gar „500 Meter hohe Wellen“ in Aussicht –, dann, im Fall einer Kobaltummantelung des Sprengkopfs, durch eine jahrzehntelange Verstrahlung.

Dennoch kratzen sich im Westen viele weiter ungläubig den Kopf: Warum sollte Putin, der genug Raketen hat, Atomsprengköpfe unter dem Meer zu den Küsten seiner Feinde transportieren wollen? Was hätte er davon, sich auf so dramatische Art zürnend zu erheben, wie der griechische Gott des Meeres, nach dem das System benannt ist?

Logik oder Wahnsinn?

Der russische Präsident ist, klarer Fall, eher der kühle Typ, der Schachspieler. Er baut nicht, kichernd wie ein Kinogangster, eine Weltuntergangsmaschine um ihrer selbst willen.Bei näherem Hinsehen aber zeigt sich, dass sich auch ein so durchgeknallt wirkendes System wie Poseidon wie ein Puzzlestück einfügen kann in ein System nuklearer Abschreckung.

Was, wenn bald die Raketenabwehr im All und in der Luft Fortschritte macht? Die Chinesen hantieren viel mit Lasern und Satelliten, die Amerikaner haben eine ganze „Space Force“ formiert. Sollten eines Tages die russischen Atomraketen nicht mehr fliegen können, weil jede auf ihrem Weg zerschossen würde, wäre die Weltmachtstellung Russlands zu Ende – wenn es nicht noch einen Ausweg gäbe. Der führt, Putin weiß es, ins Meer – idealerweise sogar hinab in dessen dunkle, aber sichere Tiefen.

Mit Poseidon, so hässlich diese Waffe sein mag, behielte Putin in jeder Lage die Möglichkeit zu einem Zweitschlag gegen den Feind. Seine nukleare Unterwasserdrohne könnte, selbst wenn es für seine Truppen in der Luft und an Land schon eng werden sollte, abschreckend wirken und den Großmachtstatus Russlands retten.

Logik oder Wahnsinn? Das ist, wenn es ums Militärische geht, oft schwer zu sagen.

Nato-Strategen müssen damit leben, dass die Abkürzung für die im Kalten Krieg entwickelte und bis heute geltende Doktrin der gegenseitig zugesicherten Vernichtung („mutually assured destruction“) etwas Doppeldeutiges hat. „MAD“ heißt eben auch verrückt.

Höchst rational indessen, wenn auch für Laien schwer verständlich, ist Putins Hinwendung zum Meer und besonders zur Unterwassertechnologie. Immer wieder sah man den russischen Staatschef in den vergangenen Jahren bei offiziellen Fototerminen niederfahren unter die Wasseroberfläche: Mal grüßte er aus einem U-Boot, mal aus einer Taucherglocke.

Die Russen hatten auf diesem Feld schon zu zaristischen Zeiten technisch die Nase vorn. Das legendäre Rubin Design Bureau in Sankt Petersburg konzipierte die ersten U-Boote im Jahr 1901. Es entwarf jetzt auch das System Poseidon.

Russisches U-Boot-Ballett im Eis

„Wer das Meer beherrscht, beherrscht alles“, lehrte der griechische Staatsmann und Feldherr Themistokles. Heute, 2500 Jahre später, könnte man als Update hinzufügen: Nichts ist bei Ausübung der Herrschaft über ein Meer hilfreicher als ein System, das andere Schiffe versenken kann, aber seinerseits unsichtbar bleibt.

Mit seiner Unterwasserdrohne treibt Putin diese Logik auf die Spitze. Auch auf feindliche Kriegsschiffe ließe sich Poseidon ausrichten; statt nur wie frühere Torpedos ein Loch in den Rumpf zu sprengen, würde die Drohne eine Atomexplosion auslösen, die nichts mehr übrig ließe von kompletten Flugzeugträgergruppen.

Was Seemacht bedeutet, auch in psychologischer Hinsicht, führte Putin am 20. März dieses Jahres in der Arktis vor. Dort ließ er drei Atom-U-Boote gleichzeitig aus dem Eis auftauchen – eine ungewöhnliche Machtdemonstration, die weltweit auffiel. Die russische Marine filmte das Spektakel aus der Luft, auf Youtube bekam das Video mehr als 1,2 Millionen Klicks.„So etwas“, erklärte ein hoch zufriedener Putin anschließend mit feierlichem Ernst, „hat es noch nie gegeben, weder in Zeiten der Sowjetunion noch in der Geschichte des modernen Russlands.“

Putins Griff nach der Arktis

Was die Bilder der Welt zeigen sollen, ist klar: Seht her, wir Russen beherrschen die Arktis.Sogar unter westlichen Experten, die später diese und eigene Bilder auswerteten, gibt es Anerkennung. Durchs Eis aufzutauchen sei nicht so einfach, raunt ein Fachmann in Brüssel. Nato-U-Boote seien bei vergleichbaren Manövern „fast schon mal festgefroren“.

In der Arktis tritt Russland derzeit breitbeiniger auf denn je. Die russische Nordmeerflotte in Murmansk wird mit Milliardenaufwand modernisiert. Auch die U-Boot-Werft im nahen Severodvinsk ist ausgelastet. Und überall in der Region rotieren bald die neuesten russischen Radaranlagen des Typs Rezonans-N. Die dritte Anlage geht laut Tass spätestens im Juni ans Netz, Nummer vier und fünf folgen bis Jahresende.Putin sieht in der Region den Schlüssel zu neuer Macht, militärisch und ökonomisch.

Manche seiner Kritiker meinen, Putin wolle nur eine militärische Show abziehen und nationalistische Reflexe bedienen. Dies solle ablenken von den Alltagssorgen vieler Russen, etwa von steigenden Preisen und sinkenden Reallöhnen.

Tatsächlich aber geht es in der Arktis um sehr viel mehr. Solle sich Putin bei den anstehenden Machtkämpfen am nördlichen Ende der Welt durchsetzen, könnte dies auf Jahrzehnte hinaus den gesamten globalen Spielverlauf ändern – zugunsten Russlands. Vier Faktoren beflügeln Putin bei seinem Griff nach der Arktis:

1. Über die endgültige völkerrechtliche Aufteilung der Region ist aus der Sicht Moskaus noch gar nicht entschieden. In einem Antrag an die Vereinten Nationen machte Moskau soeben erneut geltend, der russische Festlandsockel reiche bis kurz vor Kanada.

2. Der Klimawandel erleichtert neuerdings den Zugriff auf die Bodenschätze der Arktis. Immer größere Regionen sind für immer längere Zeiten des Jahres eisfrei. Putin will aus der Arktis Öl und Gas herausholen – womit er den Klimawandel nutzen würde, um ihn weiter anzutreiben. Zudem hofft Putin auf Rohstoffe wie Nickel, Kobalt und strategisch wichtige seltene Erden.

3. Die zunehmende Eisfreiheit könnte der Schifffahrt durch die Arktis eine neue globale Bedeutung geben. Die „Northern Sea Route“ (NSR) würde die Verbindung zwischen Europa und Asien abkürzen und zur Konkurrenz für den Suez-Kanal werden. Ähnlich wie Ägypten am Suez-Kanal will Russland an der NSR für Sicherheit sorgen – und abkassieren.Raketentest zum Geburtstag

4. Das Hightech-Kräftemessen zwischen Ost und West verlagert sich schon seit Jahren immer mehr in den hohen Norden, wo Russland und die USA unmittelbar aufeinanderstoßen. Zunehmend erscheint die Arktis als militärische Arena, in der es auf die Qualität der Waffen ankommt.

Neuer Überschallflugkörper

Putin setzt an dieser Stelle Zeichen ganz eigener Art. So gefiel es ihm, dass im letzten Jahr aus Anlass seines Geburtstags am 7. Oktober in der Barentsee der neue Überschallflugkörper Zirkon getestet wurde. Die Rakete, abgefeuert von der Fregatte Admiral Groshkov, erreicht Ziele in 1000 Kilometern Entfernung neunmal schneller als der Schall und könnte nach russischen Angaben von der Nato schon wegen kaum vorhandener Vorwarnzeiten nicht aufgehalten werden.

Der neue Auftritt Russlands in der Arktis hat viel mit Technologie zu tun. „In früheren Zeiten hätte Russland sich so etwas gar nicht getraut“, sagt in Berlin ein Bundeswehroffizier, der mit den jüngsten russischen Aktivitäten vertraut ist. „Die haben in Mitteleuropa jahrzehntelang auf Masse statt Klasse gesetzt. Dass sich das jetzt unter Putin dreht, in Richtung Qualität, wird uns alle in den kommenden Jahren noch mehr beschäftigen, als wir jetzt ahnen.“