Antarktis – Schiffwracks sind wertvolle Zeitkapseln, die einen einmaligen Blick in die Vergangenheit erlauben. Doch um die Geheimnisse der Wracks zu bergen, muss man dem Klimawandel zuvorkommen – und Schatzsuchern.
Vor mehr als 100 Jahren endete die Reise des Antarktis-Forschungsschiffs „Endurance“ – endgültig. Seit zehn Monaten war das Schiff bereits im Weddellmeer eingefroren, bevor es 1915 von der Kraft des Eises zerdrückt wurde und sank. Doch die Geschichte hat ein Happyend, in doppelter Hinsicht: Der Polarforscher Ernest Shackleton und seine 27-köpftige Mannschaft konnten sich retten, zu Fuß und mit Rettungsbooten.
„Endurance“ ist als historische Stätte geschützt
Auch der „Endurance“ ist wenig passiert. 3008 Meter sank das Schaff auf dem Meeresboden und überdauerte die Zeit, weit unten in kalten und sauerstoffarmen Tiefen. Selbst der Schiffnamen ist noch gut lesbar, wie unlängst veröffentlichte Aufnahmen von Tauchrobotern zeigen.
Aufgespürt hat das Wrack ein internationales Forscherteam an Bord des südafrikanischen Eisbrechers „Agulhas II“. Mithilfe von historischen Aufzeichnungen und modernen Messverfahren stießen sie im Eismeer auf das Schiffswrack und landeten damit im Fokus der Weltöffentlichkeit – Laien und Forschende begeistern sich gleichermaßen für die spektakulären Bilder aus der Tiefe.
„Um seinen Zustand zu erhalten, wird das Schiffswrack nicht geborgen und ist dank des Antarktis-Vertrags als historische Stätte geschützt“, berichtet Frederic Theis vom Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven. Zu diesem Schutz gehöre auch behutsames Vorgehen der Forschenden. Nicht einmal spannende Alltagsgegenstände der Mannschaft oder besonders gut erhaltene Schiffsteile werden an die Oberfläche geholt. Stattdessen gibt es Unmengen von Foto- und Videoaufnahmen zur Dokumentation und Erforschung.
Drei Millionen Wracks liegen schätzungsweise auf dem Meeresboden
Auch wenn die „Endurance“ sicher ein Jahrhundertfund ist, deutet sie doch die Schätze an, die in den Tiefen des Meeres auf ihre Entdeckung warten. Die Unesco schätzt die Zahl der weltweiten Schiffswracks auf etwa drei Millionen – darunter antike Handelsschiffe, von denen kaum mehr übrig ist als die Amphoren, die sie einst durch das Mittelmeer transportierten, darunter einst stolze Handelsschiffe, heute zerfressen vom Schiffsbohrwurm, darunter stählerne Überbleibsel der Seeschlachten aus den Weltkriegen.
Wie viele dieser Schätze bereits entdeckt sind, darüber fehlt auch Experten und Expertinnen ein Überblick. Selbst in der überschaubaren Ostsee liegen die Schätzungen irgendwo zwischen 10.000 und 100.000 Wracks. Doch was gefunden und untersucht wird, liefert spannende Einblicke für die Wissenschaft.
„Dank Wracks können wir zum Beispiel frühe Handelswege und Warenströme rekonstruieren und erfahren mehr über die Schiffsbauweisen in Antike oder Mittelalter. Gerade aus diesen Zeiten haben wir kaum verlässliche Aufzeichnungen oder gar Baupläne“, sagt Theis.
Welche Einblicke die Unterwasserarchäologie liefern kann
Mithilfe den Funden aus der Tiefe und ein bisschen Einfallsreichtum lassen sich neue Erkenntnisse über die Technik vergangener Zeiten machen. Zum Beispiel werden Kanonen nachgebaut und abgefeuert, um besser zu verstehen, welchen Schaden sie bei einer Seeschlacht anrichten konnten. Auch griechische Ruderkriegsschiffe wurden schon nachgebaut, um zu testen, wie schnell und wendig die Schiffe der Antike waren. Aus dem Bodensee wurde unlängst ein früher Einbaum gehoben und rekonstruiert.
Auch zu neueren Zeiten liefert die Unterwasserarchäologie immer wieder spannende Erkenntnisse. In den letzten beiden Jahren fanden deutsche Forschungstaucher in der Ostsee und der Schlei sieben der legendären Enigma-Chiffriermaschinen. Mit ihr verschlüsselten die Nationalsozialisten im zweiten Weltkrieg ihre Botschaften.
Im Gegensatz zur „Endurance“ waren es absolute Zufallsfunde. Eigentlich suchten die Taucher vor der Küste nach Geisternetzen. Im Moment werden die Chiffriermaschinen aufwendig restauriert. Nicht nur die lange Zeit unter Wasser hat Spuren hinterlassen, der noch stärkere Verfallsprozess setzt ein, wenn die Funde an der Oberfläche mit Sauerstoff in Kontakt kommen.
Instandhaltung geborgener Wracks kostet viel Geld
Aus diesem Grund bleiben die meisten Unterwasserfunde auch in der Tiefe. Nur wenige Wracks wurden überhaupt komplett gehoben. Das vielleicht prominenteste Beispiel dafür ist die „Vasa“. Das 69 Meter lange Schiff sollte mit 64 Kanonen der Stolz der schwedischen Flotte werden. 1628 lief es vom Stapel und versank nach nicht einmal anderthalb Kilometern – Konstruktionsfehler waren der Grund.
Die „Vasa“ wurde 1961 aufwendig geborgen und konserviert. Heute zählt das ausgestellte Schiff zu einem der wichtigsten Museen Europas. Neben unzähligen Alltagsständen der Matrosen wurde sogar die Schiffskatze gefunden.
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„Die Begeisterung für die „Vasa„ zeigt, wie groß die Faszination für Wracks ist. Anderseits kostet die Instandhaltung des Schiffs und der Kampf gegen den Verfall sehr viel Geld“, sagt Florian Huber, Forschungstaucher und Unterwasserarchäologe. Moderne Wrackforschung gehe deshalb andere Wege.
Mit Sonar und Robotern auf der Suche nach Wracks
Forschungstauchende oder Roboter vermessen und dokumentieren die Fundstelle und machen viele Fotos und Filmaufnahmen. Aus den Aufnahmen entstehen dann am Computer detaillierte 3-D-Modelle. Mit ihnen können auch nicht tauchende Forschende die gesunkenen Schiffe begutachten. Auch VR-Simulationen oder Ausstellungsstücke aus dem 3-D-Drucker sind so möglich.
„Richtige“ Proben werden dagegen nur vorsichtig genommen – zum Beispiel, um im Labor an Hand des Holzes das Alter und die Herkunft eines Wracks zu bestimmen. Auch bei der Suche nach gesunkenen Schiffen hilft längst moderne Technik. „Dank historischer Aufzeichnungen können wir oft eine ungefähre Lage ausmachen. Den Meeresboden scannen wir dann mithilfe von Sonar oder akustischen Signalen“, erklärt Huber.
Mit geschulten Blick erfährt man so, wo und in welcher Tiefe das untergegangene Schiff liegt und wie groß es ist. Mit diesen Informationen können die Forschenden den Tauchgang planen.
Schatzsucher sind eine große Gefahr
So weit jedenfalls die Theorie: In der Praxis ist das Budget für groß angelegte Forschungsexpedition und die Suche nach versunkenen Schiffen eher gering. Und so schlummern viele der drei Millionen Wracks immer noch unentdeckt auf dem Grund der Meere. Doch fehlende Forschungsgelder sind nur ein Problem für die Unterwasserarchäologie.
Die Gefahrenliste für die historische Wracks ist lang: Durch den Klimawandel und die wärmer werdenden Meere breitet sich der Schiffsbohrwurm immer weiter aus, die Muschel zerfrisst gnadenlos Holzplanken und ist damit auch eine Gefahr für gut erhaltene Wracks. Auch schützendes Seegras verschwindet immer mehr. Die schweren Schleppnetze von Fischerbooten bedrohen nicht nur den Lebensraum in der Tiefe, sondern eben auch die Zeitzeugen auf dem Meeresboden. Und beim Ausbau von Offshore-Windparks wird nicht immer auf mögliche Zeitzeugen Rücksicht genommen.
Eine große Gefahr sind auch Schatzsuchende und Hobbytaucherinnen und -taucher, die küstennahe Wracks „erkunden“ und an den Fundstellen bedienen. Dass sie dabei die Totenruhe stören und gegen den Denkmalschutz verstoßen, nehmen sie oft billigend in Kauf. „Es gibt einen großen Grau- bis Schwarzmarkt für maritime Andenken aus den Weltkriegen – genauso wie für römische Amphoren. Viele Menschen wittern hier ein schnelles Geschäft“, erklärt Huber.
Schiffswracks lassen sich kaum dauerhaft bewachen
Die aktuellen Schutzgesetze hält der Unterwasserarchäologe für kaum wirksam, schon aus ganz praktischen Gründen. Selbst bekannte Schiffswracks lassen sich kaum permanent durch die Wasserpolizei bewachen. Für eine mögliche Lösung hält Huber eine härtere Bestrafung der „Raubgräber“, vergleichbar mit archäologischen Diebstählen an Land.
Die „Endurance“ scheint vor all dem ganz gut geschützt zu sein. Die Antarktis ist auch für professionelle Schatzsuchunternehmen nur zugänglich, der Schutz ziemlich streng. Außerdem liegt das Wrack mit 3000 Meter außerhalb der Reichweite von Hobbytaucherinnen und -tauchern, und das Wasser ist zu kalt für den Schiffsbohrwurm. Die „Endurance“ wird also wohl weiter ausdauern.



