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Luft nach obenBetriebe bewerten die Stadt Schleiden mit  befriedigend minus

6 min
Blick aus der Vogelperspektive auf Schleiden.

Die Stadt Schleiden ist die erste Kommune im Kreis Euskirchen, die von der IHK unter die Lupe genommen wurde.

Im Rahmen einer Untersuchung der IHK Aachen haben 70 Unternehmen aus verschiedenen Branchen 31 zentrale Standortfaktoren Schleidens bewertet.

Am Ende steht als Note ein befriedigend minus, was naturgemäß viel Luft nach oben lässt. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen hat jetzt in einem Standortmonitoring die Vor- und Nachteile der Stadt Schleiden unter die Lupe genommen. Dazu haben 70 Unternehmen aus Industrie, Handel, Gastgewerbe und Dienstleistung 31 zentrale Standortfaktoren bewertet. Herausgekommen ist unterm Strich die Note 3,2.

„Von der Eisen- und Papierindustrie über die Metallverarbeitung bis zum nachhaltigen Tourismus: Resilienz und Wandlungsfähigkeit gehören zur DNA von Schleiden“, betont Raphael Jonas, Bereichsleiter der IHK Aachen: „Das sind starke Standortfaktoren, auf denen sich aufbauen lässt.“ Die Chance bestehe darin, diesen Pfad konsequent mit einer klar wirtschaftsfreundlichen Ausrichtung der Kommunalpolitik zu verbinden.

Schleiden punkte mit Kundennähe, einer überdurchschnittlich guten Internetanbindung, einer sicheren und überwiegend regenerativen Energieversorgung sowie einer Verwaltung, die nach der Flutkatastrophe im Krisenmodus Handlungsstärke und Serviceorientierung bewiesen habe. Als „Hauptstadt des Nationalparks Eifel“ profitiere die Stadt zudem von einem starken Image, einem hohen Bekanntheitsgrad und attraktiven Freizeit- und Erholungsangeboten.

Leerstände prägen in den beiden Zentren stellenweise das Stadtbild

„Gleichzeitig machen die Rückmeldungen der Unternehmen unmissverständlich deutlich, wo die größten Herausforderungen liegen: Ein hoher Gewerbesteuersatz, steigende Miet-, Pacht- und Grundstückskosten, begrenzte Flächenangebote und Engpässe bei Fachkräften und Qualifikationen erschweren Investitionen, Ansiedlungen und Erweiterungen“, heißt es in der Untersuchung. Den Standortmonitor hatte die IHK jüngst in der Jugendherberge in Gemünd vorgestellt.

Drei Männer und eine Frau stehen nebeneinander und präsentieren das Heft mit der Untersuchung.

Präsentierten den Standortmonitor Schleiden: Raphael Jonas (v.l.), Bianka Renn, Ingo Pfennings und Philipp Piecha.

Besonders deutlich wird laut IHK die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in den Zentren von Schleiden und Gemünd. Knapp fünf Jahre nach der Hochwasserkatastrophe seien in einer der am schwersten betroffenen Kommunen in NRW nicht alle Schäden behoben. Leerstände prägen stellenweise das Stadtbild, der Branchenmix lasse Entwicklungsspielraum.

„Wenn wir als Unternehmen in den Standort investieren sollen, brauchen wir niedrige Steuern und schnellere Genehmigungen“, wird ein Gastronom in dem Bericht zitiert. Andere Stimmen aus der Wirtschaft fordern mehr Tempo beim Wiederaufbau, eine stärkere Förderung   und eine professionellere Vermarktung des Standorts.

Wenn wir als Unternehmen in den Standort investieren sollen, brauchen wir niedrige Steuern und schnellere Genehmigungen
Gastronom

Dabei steht die Steuerbelastung ganz oben auf der Agenda der Unternehmen. Nirgends klaffe die Schere zwischen Bedeutung und Zufriedenheit weiter auseinander als bei dem Gewerbesteuerhebesatz, der in Schleiden 2025 mit 515 Prozent deutlich über dem Landesschnitt (461 Prozent) und leicht über dem Durchschnitt des Kreises Euskirchen (503 Prozent) sowie des IHK-Bezirks Aachen (495 Prozent) lag. Im Kreis ist der Hebesatz gemäß der Studie nur in Bad Münstereifel, Weilerswist (jeweils 530 Prozent) und Dahlem (561 Prozent) noch höher.

Die befragten Betriebe bewerteten sowohl die Bedeutung der Kriterien für das eigene Unternehmen als auch ihre Zufriedenheit am Standort Schleiden. Aus Sicht der IHK könnte die Stadt ihre Position im Wettbewerb der Kommunen deutlich stärken, wenn Steuerpolitik, Flächenmanagement und Genehmigungsverfahren noch klarer an den Bedürfnissen der Unternehmen ausgerichtet werden.

Hoher Gewerbesteuersatz in Schleiden wird kritisiert

Neben der allgemeinen Klage über die Höhe des Gewerbesteuersatzes gibt es auch branchenspezifische Kritikpunkte. So bemängeln die Industrie- und Bauunternehmen (Gesamtnote 3,2) in erster Linie die hohen Grundstücks-, Miet- und Pachtpreise (3,92) sowie die Anbindung an das Straßen- und Autobahnnetz (3,54). Die Grundsteuer (4,14) stößt den Dienstleistern (Gesamt 3,1) besonders bitter auf. Handel und Gastronomie (Gesamt 3,3) sehen vor allem Handlungsbedarf bei der Digitalisierung der Verwaltung (3,82) und bei der Verfügbarkeit und Qualifikation der Arbeitskräfte (3,94).

Die IHK empfiehlt der Stadt, die Flächenverfügbarkeit zu optimieren. Vorausschauende Flächenplanung und interkommunale Projekte wie das Gewerbegebiet Kall/Schleiden könnten zusätzliche Entwicklungsspielräume schaffen.

Innenstädte und Tourismus sollen gestärkt werden

Parallel sollte geprüft werden, ob bestehende Gewerbeflächen durch eine großzügigere planerische Ausweisung flexibler und intensiver genutzt werden können. Der Austausch der Gesellschaft für Wirtschaft, Tourismus & Veranstaltungen (GfW) mit Betrieben und Eigentümern solle durch eine systematische Weiterentwicklung Bedarfe und Angebote noch besser zusammenbringen und zielgerichteter aufeinander abstimmen.

Innenstädte und Tourismus sollen als Aushängeschilder gestärkt werden. Dafür müsse die Stadt das Tempo beim Wiederaufbau hochhalten, nicht nur bei der Beseitigung von Schäden, sondern auch bei der Entfernung von Schildern, die auf zerstörte Einrichtungen hinweisen. Aber auch die Eigentümer seien in der Pflicht, Leerstände abzubauen und so die Attraktivität zu steigern.

Mit regenerativen Energien zusätzliche Einnahmen zu erzielen

Ferner schlägt die IHK vor, die Grund- und Gewerbesteuern gezielter im Sinne der Wirtschaft einzusetzen und sie perspektivisch zu senken. Beim Ausbau regenerativer Energien sollte das Finanzierungskonzept des Bürgerwindparks genutzt werden, um zusätzliche Einnahmen zu erzielen und Bürger wie Unternehmen zu entlasten.

Darüber hinaus sollten Öffentlicher Personennahverkehr, Sharing-Angebote und weiteren Mobilitätsbausteine verzahnt und die Verfügbarkeit von gut qualifizierten Fachkräften durch Praktika ab der achten Klasse sowie passgenaue Qualifizierungsangebote verbessert werden. Als letzten Punkt regt die IHK an, durch den Ausbau regenerativer Energien, eine kommunale Wärmeplanung und die Unterstützung von Effizienzmaßnahmen die Energiekosten zu senken.

„Der externe Blick auf die Stadt ist sehr interessant, auch wenn ich einige Male geschmunzelt habe“, sagte Bürgermeister Ingo Pfennings. Beispielsweise gebe es eine Note für die Anbindung des Güterverkehrs an die Schiene, obwohl es gar keine Bahnverbindung gebe. Deshalb habe er bei der IHK angeregt, die Fragen künftig noch mehr auf die einzelnen Kommunen abzustimmen.

Grundstückseigentümer in Herhahn wollen Flächen nicht verkaufen

Von den Ergebnissen sei er nicht überrascht: „Die Stadt bekommt schlechte Noten in den Bereichen, in denen wir das Heft des Handelns nicht in der Hand haben wie bei der Flächenverfügbarkeit oder der Dauer von Genehmigungsverfahren.“ Diese Probleme habe er auch schon mehrfach bei der Bezirksregierung in Köln angesprochen. Im Rahmen des Monitorings habe man den Betrieben erläutert, wie Prozesse in einer Kommune ablaufen und welche Auflagen berücksichtigt werden müssten. Defizite in Bereichen, die die Stadt selbst beeinflussen könne, werde man versuchen zu beseitigen.

Die Gewerbesteuer sei viele Jahre nicht erhöht worden und liege auch nach der jüngsten Anhebung nur minimal über dem Durchschnitt im Kreis Euskirchen. „Gleichwohl sind besonders in ländlichen Räumen die Hebesätze sowohl für Privatpersonen als auch für Gewerbetreibende viel zu hoch. Hier braucht es die große Politik, um Änderungen herbeizuführen“, fordert Pfennings. Es sei genug Geld im System vorhanden – es komme nur nicht bei den Kommunen an. Die Stadt habe nach wie vor keine Flächen für Betriebe, die sich erweitern wollen. „In Herhahn wollen die Grundstückseigentümer ihre Flächen nicht verkaufen.“ Deshalb setze man auf das interkommunale Gewerbegebiet in Kall.

Bianka Renn, Geschäftsführerin der GfW, lobte die Entwicklung im Tourismussektor: „Mit knapp 52.000 Ankünften erreichte Schleiden 2025 sogar einen neuen Höchstwert.“ Dabei müsse berücksichtigt werden, dass einige Übernachtungsbetriebe seit der Flut nicht mehr zur Verfügung stehen: „Wir liegen also mit unseren Angeboten offensichtlich ganz gut.“ Erfreulich sei auch, dass die Betriebe die Arbeit der Stadt und der GfW durchweg positiv bewerten.


Alle Kommunen werden unter die Lupe genommen

„Der Standortmonitor ist ein neues Format“, erklärt Sebastian Missel, Pressesprecher der IHK Aachen. Untersuchungen zu den Standortfaktoren von Kommunen gebe es aber schon in anderen Industrie- und Handelskammern.

Die 31 Standortfaktoren werden vier Kategorien zugeordnet: harte Standortfaktoren (beispielsweise Verkehrsanbindung, Nähe zu Kunden und Digitalinfrastruktur), Innenstadtfaktoren (Stadtbild, Parkplatzangebot, Einkaufsmix und Freizeitangebot), kommunale Kosten und Leistungen (Steuern, Verwaltungsservice, Dauer von Verfahren) sowie Arbeitsmarktfaktoren (Arbeitskräfteverfügbarkeit, Berufsbildungseinrichtungen).

Die IHK Aachen will nach Angaben von Missel mit der Zeit alle Kommunen in den Kreisen Euskirchen, Düren und Heinsberg sowie in der Städteregion Aachen unter die Lupe nehmen. „Da pro Jahr aber nur vier Kommunen betrachtet werden, handelt es sich um ein längerfristiges Projekt“, sagte der Pressesprecher. Als nächste Kommune aus dem Kreis   sei im September die Stadt Euskirchen an der Reihe.