75 Jahre 1. FC KölnOverath und Schumacher im Gespräch – „Da muss ich ja noch zwei Spiele machen“

Lesezeit 10 Minuten
Toni Schumacher (links) und Wolfgang Overath reflektieren beim Gespräch und bei einer Tasse Kaffee alte Zeiten.

Toni Schumacher (links) und Wolfgang Overath reflektieren alte Zeiten.

Die Klublegenden Wolfgang Overath und Toni Schumacher sprechen über den 1. FC Köln in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und über ihre Erfolge.

Herr Overath und Herr Schumacher, der 1. FC Köln wird am Montag 75 Jahre alt, Sie beide haben enorm viel Lebenszeit in diesen Klub gesteckt, und Sie sind dank Ihrer Erfolge Klublegenden. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Augen schließen und an diesen Verein denken?

Wolfgang Overath: Der FC ist ein riesengroßer Verein mit riesiger Tradition und einem unglaublich großen Umfeld. Und dann kommt mir immer wieder diese Stimmung im Stadion in den Sinn, die es nur in Köln gibt. Das liegt vielleicht auch an den Liedern, die bei uns im Stadion gesungen werden. Da geht es um Freundschaft, Zusammenhalt, füreinander einstehen. Das ist etwas ganz Besonderes, und es wäre ja kaum auszuhalten, wenn wir jetzt permanent Meister würden, was dann hier jeden Tag los wäre, unglaublich. Wenn hier in der Region jemand zu einem anderen Verein hält – unvorstellbar.

Und was sehen Sie vor Ihrem inneren Auge, wenn es um den FC geht, Herr Schumacher?

Toni Schumacher: Der 1. FC Köln war der Verein, der auch meiner Mutter zusagte. Sie erklärte das so: „Da sind viele Nationalspieler, da gibt es keine Skandale, die haben keine Schulden – das ist ein feiner Klub. Da kannst du hingehen.“ Ich durfte die große Zeit miterleben. Double 1978, drei Pokalsiege 1977, 1978 und 1983, Uefa-Pokal-Finale 1986. Ich habe mit Wolfgang Overath, Hannes Löhr, Bernd Cullmann und Wolfgang Weber zusammenspielen dürfen. Mit Heinz Flohe, Pierre Littbarski und Bernd Schuster. Wir waren eigentlich immer unter den ersten fünf Teams in der Tabelle, haben aber oft das Niveau nicht über die gesamte Saison halten können, darum haben wir vielleicht weniger Titel gewonnen, als möglich gewesen wäre. Schade ist, dass ein Klub mit dieser großen Tradition später viel zu oft abgestiegen ist. Aber der Verein ist immer zurückgekommen und gewachsen. Es ist schon ein sehr besonderer Verein. Auch unsere Hymne ist unvergleichlich emotional. Selbst Uli Hoeneß sagt: Eure Hymne hätte ich auch gern.

Unsere Hymne ist unvergleichlich emotional. Selbst Uli Hoeneß sagt: Eure Hymne hätte ich auch gern.
Toni Schumacher

Woher rührt dieses allgemeine FC-Gefühl?

Overath: Dem Verein hat enorm geholfen, dass wir damals gleich zu Beginn der Bundesliga die absolute Nummer eins waren. Das hat die Tradition begründet und die hilft dem Verein bis heute. Wir waren den anderen Vereinen damals schon weit voraus. Dass Franz Kremer, der damalige Präsident und Macher, 1967 im Alter von 62 Jahren gestorben ist, war das größte Unglück für den Verein. Die Leute bei uns im Stadion schimpfen ja genau wie alle anderen auch. Aber sie verzeihen schnell, wenn die Mannschaft wieder gut spielt. Der Zusammenhalt, der in der Hymne beschworen wird, dieses: „Un mer jon met dir, wenn et sin muß durch et Füer“, das ist wie in einer guten Freundschaft: Zu verzeihen gehört ja dazu.

Schumacher: Der 1. FC Köln wird sich aber für die Zukunft positionieren müssen. Der Klub muss sich darüber klar werden, ob man weiterhin mitgliedergeführt sein will. Oder ob man mit strategischen Partnern auf die sich weiter nach oben schraubende Budgetspirale reagiert.

Wolfgang Overath vor der Saison 1976/1977.

Wolfgang Overath vor der Saison 1976/1977.

Sie sprachen gerade Franz Kremer an, Herr Overath. Was war er für ein Mensch? Und wie haben Sie ihn als Vereinspatron erlebt?

Overath: Franz Kremer war eine große Persönlichkeit, der einem aber trotzdem das Gefühl geben konnte, immer ein offenes Ohr zu haben. Wir hatten schon das Geißbockheim, das war seine Initiative, da haben sich die anderen noch in der Garage umgezogen. Wir hatten das weiße Trikot von Dior, da liefen die anderen noch im Kartoffelsack rum. Er war mutig, ein Vorreiter. Eine absolute Führungsperson, allen anderen weit voraus. Der Boss war einfach eine Kanone. Und der 1. FC Köln war sein Werk.

Franz Kremer ist legendäre Vergangenheit. Wie sieht es in der Gegenwart aus: Welche sportlichen Ziele kann der 1. FC Köln in seiner jetzigen Konstellation formulieren?

Overath: Die Leute wollen bestimmt nicht für alle Zeit Platz sieben als Maximalziel hören. Die Zuschauer kommen ins Stadion, um ganz vorn dabei zu sein.

Schumacher: Dafür spielt man ja Fußball!

Der 1. FC Köln nimmt aber derzeit an einem Wettbewerb teil, den er unmöglich gewinnen kann.

Overath: In diesem Jahr?

Eher schon in diesem Leben, oder?

Overath: Da wäre ich vorsichtig. Man sieht doch immer wieder, was im Fußball möglich ist. Bei Union Berlin zum Beispiel. Ich glaube, wenn beim FC weiter so gut gearbeitet wird, ist vieles möglich.

Wir werden jetzt mal pathetisch, aber das passt ja zum Verein und zu seinem Jubiläum. Daher die Frage: Was wären Sie ohne den 1. FC Köln?

Overath: Das ist schwierig zu sagen, ich kenne ja die Alternative nicht. Der FC hat mir in meinem Leben sicher sehr geholfen. Ich habe jedoch auch einen Teil zurückgegeben. Natürlich bin ich dem 1. FC Köln sehr dankbar.

Und Sie, Herr Schumacher?

Schumacher: Ich komme aus einer einfachen Familie, wir haben zu viert auf 43 Quadratmetern gelebt. Alles, was ich heute habe, verdanke ich dem 1. FC Köln.

Overath: Aber auch dir selbst, weil du eben ein großartiger Torwart warst.

Wir hatten eine wunderbare Zeit. Das werden die Jungs aber heutzutage ebenfalls sagen.
Wolfgang Overath

Mittlerweile haben manche Profis mit dem ersten Vertrag ausgesorgt. Diese Spieler stehen aber auch anders im Fokus der Öffentlichkeit als Sie damals. Wenn Sie das bedenken: Waren Sie in einer schöneren Zeit Profi?

Overath: Wir hatten eine wunderbare Zeit. Das werden die Jungs aber heutzutage ebenfalls sagen. Die modernen Stadien – das ist schon sensationell. In der alten Hauptkampfbahn saßen die Zuschauer 300 Meter weit weg, im Stadion waren fast nur Männer, alles ehemalige Spieler und Trainer, die natürlich viel zu kritisieren hatten. Die Atmosphäre ist für die heutige Spielergeneration traumhaft.

Schumacher: In unserem Doublejahr hatten wir beispielsweise gegen Kaiserslautern 16 000 Zuschauer. Heute ist das Stadion ausverkauft, sobald das Flutlicht angeht. Selbst wenn da nur der Rasenmäher fährt.

Zu Ihren Triumphen: Herr Overath, Sie sind Weltmeister, aber kein Doublesieger. Herr Schumacher, Sie sind Doublesieger, aber kein Weltmeister.

Overath: Was ist der? Was bin ich nicht geworden? (lacht) Doublesieger.

Overath: Bundesliga?

Schumacher: Doublesieger, Wolfgang. Das ist Meister und Pokalsieger in einem Jahr. Bei uns 1978. Da warst du nicht mehr dabei. (lacht)

Overath: Ja, aber was ist das denn im Vergleich zu einer Weltmeisterschaft? Es tut mir leid für den Toni: Aber das Größte im Fußball, da kommt keine Champions League und nichts dran, auch kein Double, das ist die Weltmeisterschaft.

Schumacher: Ich kann heute ganz gut damit leben, dass ich nicht Weltmeister geworden bin. Ich habe mich damals schon ganz extrem geärgert, dass ich 1990 aufgrund meines Buchs „Anpfiff“ draußen war, sonst hätte ich womöglich im Tor gestanden und wäre dann auch Weltmeister geworden. Aber man kann ja nicht zwei Wege gleichzeitig gehen. Hätte ich mein Buch „Anpfiff“ nicht geschrieben und mich stattdessen womöglich verletzt, hätte ich vielleicht doch nicht gespielt. Aber so bin ich eben Europameister geworden. Und Doublesieger. Und zumindest zweitbester Spieler bei der WM 1986 hinter Diego Maradona (lacht).

Herr Overath, warum haben Sie eigentlich 1977 aufgehört und damit das Double verpasst?

Overath: Das hatte schon etwas mit Hennes Weisweiler zu tun. Weisweiler war ein großer Trainer. Aber menschlich war es schwierig zwischen uns. Ich habe mich auch nicht immer perfekt benommen, so fair muss man sein. Wir haben keinen Weg zurück gefunden. Er war ein großer Trainer, er gehörte zu den absolut besten.

Toni Schumacher jubelt auf den Knien und schreit seine Freude heraus.

Großer Jubel: Toni Schumacher im August 1983.

Herr Schumacher, Sie sind ebenfalls sehr unharmonisch beim FC ausgeschieden. Nach der Veröffentlichung ihres Buchs „Anpfiff“ im Jahre 1987 sind Sie rausgeflogen. Das war ein großer Knall. Wie sehen Sie es heute?

Schumacher: Der FC hat mich an meinem Geburtstag rausgeschmissen, das war am 6. März 1987. Und das war damals eine Katastrophe für mich. Ich habe es nicht verstanden, weil ich meiner Ansicht nach nur getan hatte, was meine Mutter mir ein Leben lang gepredigt hatte: Die Wahrheit zu sagen. Und nichts anderes steht in diesem Buch. Außerdem hatte ich alle kritischen Themen vorher intern mit Trainern und Vereinsführung angesprochen. Leider ohne Erfolg. Ich war noch jung, 33, ich war fit, ich wollte unbedingt weiter Fußball spielen. Ich bin dann zu Schalke gegangen, nach Istanbul, zu den Bayern, nach Dortmund. Für mich haben diese lehrreichen Jahre noch einmal den Blick erweitert.

Und Sie sind dann ja doch noch zurückgekehrt zum FC – als Vizepräsident im Jahre 2012, der Sie bis 2019 geblieben sind.

Schumacher: Ja, da war auch kein Groll mehr. Als der spätere Präsident Werner Spinner mich fragte, ob ich im Vorstand mitarbeiten wollte, war ich Feuer und Flamme.

2019 mussten Sie den Verein erneut unter Schmerzen verlassen.

Schumacher: Als Werner Spinner zurückgetreten ist, war klar: Jetzt ist Schluss. Doch weder der erste noch zweite „Rauswurf“ hat dazu geführt, dass ich meinen Verein nicht mehr liebe. Niemand ist größer als der Verein. Overath: Sehe ich auch so. Schumacher: Der FC war und ist viel größer als einzelne Personen. Das hilft über schwierige Zeiten hinweg.

Herr Overath, auch Sie sind für sieben Jahre zurückgekehrt. Sie waren von 2004 bis 2011 FC-Präsident. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Overath: Es sind viele unschöne Dinge passiert damals. Ich bin auch von der Öffentlichkeit massiv ins Amt gedrängt worden und konnte mich irgendwann nicht mehr verweigern. Dann habe ich es gemacht, es war im Nachhinein auch eine interessante Zeit. Aber als ich gemerkt habe, dass der Zusammenhalt zwischen Vorstand und Geschäftsführung nicht mehr vorhanden war, als Dinge nach außen drangen, war für mich eine Grenze überschritten. Wir haben damals eine Unmenge verändert, das Wachstum im Bereich der Dauerkarten und der Mitgliederzahlen war enorm. Aber es war in der letzten Phase auch eine Quälerei für mich, darum habe ich beschlossen, dass ich mich nicht weiter rumärgern möchte. Der Abschied hat eine Weile wehgetan, aber später war ich froh, dass es vorbei war.

Wer war Ihrer Meinung nach eigentlich der größte Spieler, der je beim FC gespielt hat?

Overath: Das war für mich Hans Schäfer wegen seiner Rolle beim WM-Sieg 1954 und als überragender FC-Spieler und -Kapitän. Der Hans war der cleverste Spieler, den es je gegeben hat. In allem. Er war ja eigentlich Außenstürmer und zunächst nur schnell, wahnsinnig schnell. Er hat einfach alle überlaufen und danach die Flanken reingehauen. Aber dann ist er zum Spielmacher umgebaut worden, was ansonsten kaum einem Spieler nach ihm gelungen ist. Er war kein Messi, der hat keine drei Leute ausgespielt. Aber wie er draufgegangen ist, wie er den Körper reingestellt hat, und wie er die Mannschaft geführt hat, war einmalig. Das hat mich geprägt, von ihm habe ich viel gelernt.

Und welcher Spieler ist Ihr Favorit, Herr Schumacher?

Schumacher: Hans Schäfer und Wolfgang Overath sind für mich der Inbegriff des 1. FC Köln.

Haben Sie eigentlich im Kopf, wie viele Pflichtspiele Sie für den FC gemacht haben?

Overath: Davon habe ich keine Ahnung. Es sind 542.

Overath: Und wie viel hat der Toni?

Schumacher: Ich? Alle zusammen? 540? Kann das sein? Sehr gut. Es sind 541.

Overath: Dann habe ich also eins mehr. Habe ich mir schon gedacht (lacht).

Schumacher: Das ist auch in Ordnung so. Aber ich habe mehr Bundesliga-Spiele für den FC gemacht, Wolfgang. Da steht es 422:409 für mich. (lacht).  

Nachtmodus
KStA abonnieren