Florian Kainz, dienstältester Profi und Ex-Kapitän des 1. FC Köln, beendet in wenigen Tagen seine Karriere.
Abschied von Ex-FC-Kapitän Kainz„Köln wird uns fehlen – das spüre ich schon jetzt“

Florian Kainz bestritt bisher 204 Pflichtspiele für den 1. FC Köln, in denen der Mittelfeldspieler 28 Tore erzielte.
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Er kam im Januar 2019 – und blieb. Florian Kainz, 33 Jahre alt, gebürtiger Grazer und einer der verlässlichsten Mittelfeldspieler, die der 1. FC Köln in den vergangenen Jahren hatte, beendet in wenigen Tagen seine aktive Karriere. 469 Pflichtspiele hat der Österreicher für Sturm Graz, Rapid Wien, Werder Bremen und den FC absolviert, 28 Mal lief er für die österreichische Nationalmannschaft auf – darunter bei der Europameisterschaft 2024, einem seiner größten Erlebnisse als Fußballer.
Allein 204 Pflichtspiele bestritt er bisher im Trikot des 1. FC Köln, erlebte Aufstiege und einen Abstieg, die Europa Conference League und die Zweite Liga, trug die Kapitänsbinde und hielt auch in schwierigen Zeiten die Treue. Am kommenden Sonntag läuft Kainz letztmals als FC-Profi ins Rhein-Energie-Stadion ein. Im Gespräch mit dieser Zeitung blickt er zurück auf siebeneinhalb Jahre in Köln – und verrät, warum ihm der Abschied vielleicht sogar etwas leichter fällt als gedacht, und warum er ihn trotzdem nie vergessen wird.
Herr Kainz, viele Profis schieben den Gedanken ans Karriereende jahrelang weg. Bei Ihnen klang das fast nüchtern.
Florian Kainz: Eigentlich war das für mich relativ klar. Ich habe in dieser Saison immer weniger gespielt, und ich wollte meine Karriere beim FC beenden – nirgendwo sonst. Diese Entscheidung habe ich früh getroffen, und ich stehe voll dahinter.
Wann genau?
Nach dem Wintertrainingslager. Gegen Heidenheim war ich nicht im Kader und bin direkt zurück nach Köln geflogen. Danach habe ich Gespräche mit Thomas Kessler (Sport-Geschäftsführer, d. Red.) und Lukas Kwasniok (damaliger Cheftrainer, d. Red.) geführt, und in den folgenden Wochen habe ich entschieden: Im Sommer ist Schluss. Im März habe ich es dann öffentlich gemacht.
Waren die fehlenden Einsatzzeiten also der Auslöser?
Das war nicht der Hauptgrund, nein. Es spielt vieles zusammen. Für uns als Familie war immer klar, dass wir nach der Karriere zurück nach Graz, in unsere Heimat, wollen.
Mit 33 hätte es vielleicht noch Optionen gegeben.
Nein, ich wollte nicht noch einmal neu anfangen – und da ich bereits im März öffentlich gemacht hatte, dass ich aufhöre, gab es keine konkreten Anfragen mehr. Und das Transferkarussell dreht sich ohnehin erst später, wenn im Sommer ein großes Turnier stattfindet.
Wie fühlt sich der Körper nach so vielen Jahren im Profifußball an?
Mal so, mal so. Natürlich trägt man seine Wehwehchen mit sich. Aber in dieser Saison war ich kaum verletzt – habe vielleicht ein, zwei Trainingseinheiten verpasst. Muskulär war ich immer gut drauf. Insgesamt kann ich nicht klagen.
Und der Kopf – freut der sich nicht auch ein bisschen, den Druck loszuwerden?
Das wird sich erst zeigen. Bis letzte Woche war jedenfalls eine enorme Anspannung da, weil der Klassenerhalt noch nicht feststand. Dass ich mich in der Bundesliga verabschieden kann – das war mir sehr wichtig. Jetzt haben wir noch zwei Spiele, und ich hoffe, dass ich noch zum Einsatz komme.
Man hätte gedacht, nach der Rücktrittsankündigung fühlt sich der Alltag leichter an.
In gewisser Hinsicht schon – man versucht, die verbleibende Zeit bewusster zu genießen, manches gelassener zu nehmen. Aber man ist täglich in der Kabine, leidet und kämpft mit der Mannschaft. Die Anspannung lässt sich nicht einfach abstellen.
Wie würden Sie Ihre Rolle in der Mannschaft in dieser Saison beschreiben?
Ich glaube, ich habe ein gutes Standing in der Gruppe. Wir hatten zuletzt einen echten Umbruch, viele neue Spieler aus dem Ausland, die die Bundesliga nicht kannten – da habe ich versucht, meine Erfahrung weiterzugeben. Nicht als einer, der herumschreit. Ich helfe lieber im ruhigen Einzelgespräch.
Die Menschen hier – beim FC, aber auch im privaten Umfeld – haben diese Jahre so sehr geprägt, dass es mir manchmal schwerfällt, die Kölner Zeit in Worte zu fassen.
Gehen Sie nach siebeneinhalb Jahren irgendwie als eine Art Kölner?
Ja, das glaube ich schon. Die Menschen hier – beim FC, aber auch im privaten Umfeld – haben diese Jahre so sehr geprägt, dass es mir manchmal schwerfällt, die Kölner Zeit in Worte zu fassen. Wir haben uns als Familie von Anfang an wohlgefühlt und das, was wir hatten, immer zu schätzen gewusst. Wir haben zweimal bewusst verlängert, weil wir schlicht nicht woanders hinwollten. Das sagt doch alles.
Hätten Sie das im Januar 2019 für möglich gehalten?
Auf keinen Fall. Im Fußball ist es unüblich, so lange bei einem Verein zu bleiben. Wenn man dann sieht, was in dieser Zeit alles passiert ist – rauf, runter, Aufstiege, Abstieg, Europa –, und dass man das alles gemeinsam durchgestanden hat, dann macht mich das schon sehr stolz.
Wie würden Sie Ihre Kölner Zeit zusammenfassen?
Sehr reich und lehrreich, manchmal turbulent (lacht). Aufstieg, solides erstes Bundesligajahr, dann Relegation – isoliert im Hotel, mitten in Corona. Danach zwei starke Jahre mit Trainer Steffen Baumgart und der Europa Conference League. Dann der Abstieg als Kapitän – sehr hart. Aber viele Spieler sind mitgegangen, dieser Zusammenhalt hat mich wirklich berührt. Wir wollten gemeinsam aufsteigen – und das ist uns gelungen. Es war eine Zeit, die mich als Mensch geformt hat.
Natürlich ist der FC ein Fußballverein – aber das klingt fast schon komisch, banal, wenn man es so sagt. Aber er ist eben kein normaler, nicht für mich.
Was ist für Sie der 1. FC Köln?
Ein Fußballverein – aber das klingt fast schon komisch, banal, wenn man es so sagt. Natürlich ist er das. Aber eben kein normaler, nicht für mich. Wenn man so lange dabei ist, so viele Höhen und Tiefen durchlebt, so viele echte Freundschaften geschlossen hat – dann wächst da etwas, das bleibt. Für immer.
Hätten Sie sich manchmal mehr Erfolg gewünscht?
Einen Abstieg wünsche ich niemandem, schon gar nicht als Kapitän eines Traditionsvereins mit dieser Fanbase. Das tut weh – richtig weh. Aber man nimmt viel mit daraus – Erfahrungen, die weit über den Fußball hinausgehen.
Hat Sie das Kapitänsamt verändert?
Verändert nicht, nein. Ich habe es so ausgeführt, wie es für mich richtig war, und bin mir treu geblieben. Mitgenommen habe ich aber enorm viel. Direkt danach kam die EM-Nominierung mit Österreich – eines meiner größten Erlebnisse als Fußballer, ein Gänsehautmoment. Nach meiner Rückkehr habe ich mich direkt am Sprunggelenk verletzt. Am Ende der Zweitligasaison war ich dann wieder sehr gut drauf. Das zeigt immer wieder: Nach harten Zeiten kommen gute Zeiten.
Was würden Sie Ihrem jüngeren Ich raten?
Im Training ruhiger bleiben. Die Diskussionen mit Co-Trainern und Schiedsrichtern – das habe ich bis zum letzten Tag nicht abgestellt. Da hätte ich uns allen einiges erspart (lacht).
Gibt es einen konkreten Moment, den Sie heute anders angehen würden?
Der Elfmeter 2022 gegen Hamburg im Pokal. Zwei Kontakte, der Schuss zählt nicht, wir scheiden aus. Damals habe ich mich so geschämt. Heute kann man darüber lachen. Am nächsten Tag kam Steffen Baumgart auf mich zu und fragte, ob ich den nächsten schießen würde. Ich sagte ja – und das Thema war gegessen.
Wer hat Sie am meisten geprägt?
So viele Trainer. Steffen Baumgart ganz besonders – zweieinhalb Jahre, ein super Verhältnis, eine echte Verbindung. Aber auch Friedhelm Funkel, den ich zweimal hatte, jeweils nur wenige Wochen. Trotzdem verbinde ich mit ihm zwei herausragende Erlebnisse: den Aufstieg und die Relegation in der zweiten Liga. Auch Werner Gregoritsch, Ralf Rangnick – ich könnte viele nennen.

Florian Kainz mit dem ehemaligen FC-Trainer Steffen Baumgart
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Was war das schwierigste Erlebnis Ihrer Karriere?
Der Abstieg als Kapitän, das steht außer Frage. Aber die persönlich härteste Zeit war die Knieverletzung im August 2020. Ich hatte mich in der Vorbereitung sehr gut gefühlt, mein erster Sohn war gerade zur Welt gekommen – es hätte nicht schöner sein können. Und dann sieben Monate Ausfall. Das hat mich wirklich getroffen.
Am Sonntag folgt Ihr letztes Heimspiel. Was empfinden Sie, wenn Sie durch den Tunnel gehen und die FC-Hymne hören?
Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht genau – aber ich ahne, dass es mich überwältigen wird. In den Spielen zuletzt, bei denen ich nicht im Kader war und die Hymne nur von außen gehört habe, die Spieler einlaufen sah – da musste ich schon schlucken. Am Sonntag kommt meine ganze Familie: Eltern, Schwestern, meine Frau, alle mit Partnern und Kindern. Das wird ein Abschied, den ich nie vergessen werde.
Am Sonntag kommt meine ganze Familie: Eltern, Schwestern, meine Frau, alle mit Partnern und Kindern. Das wird ein Abschied, den ich nie vergessen werde.
Spielen Sie?
Ich hoffe es. Ich weiß es noch nicht.
Machen Sie sich Gedanken über die Leere danach?
Konkrete Pläne habe ich noch keine. Im Sommer steht privat viel an – Umzug, mein Ältester kommt in die Schule. Erst Urlaub, dann noch etwas Zeit in Köln, zur Ruhe kommen. Im Herbst geht es nach Graz. Was beruflich kommt, das weiß ich noch nicht. Da werde ich mir Zeit lassen, um das herauszufinden. Als Fußballer hatte ich immer ein klares Ziel vor Augen. Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt – und ich muss erst herausfinden, was ich wirklich will. Das ist mir wichtig: dass ich dann zu hundert Prozent dahinterstehe.
Schicker Anzug in der Führungsetage oder Trainingssacke auf dem Platz?
Keine Ahnung. Das weiß ich wirklich noch nicht.
Die Verbindung zum FC – bleibt die?
Auf jeden Fall, daran gibt es keinen Zweifel. Unabhängig davon, welche Personen kommen und gehen – ich werde den Kontakt halten, den Verein verfolgen und so oft wie möglich wiederkommen. Köln wird uns fehlen, das spüre ich schon jetzt. Wir sind sehr verbunden mit dieser Stadt – und das bleibt.