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Interview

Kölner Derby-Held Risse
„Ich werde bis heute auf das Tor angesprochen“

8 min
Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln 1:2 1. Fussball Bundesliga Saison 2016 2017 Borussia Park Datum: 19.11.2016 2:1 durch Marcel Risse (1. FC Köln) Hinten: Salih Özcan (1. FC Köln)

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Kaum zu halten: Marcel Risse im November 2016 nach seinem Last-Minute-Siegtreffer für den FC im Derby in Gladbach (l. Salih Özcan)

Marcel Risse spricht über sein Tor des Jahres zum Sieg im Derby in Gladbach vor zehn Jahren, seine Verbindung zum FC und seine Pläne.

Marcel Risses Freistoßtor zum 2:1-Derbysieg in Gladbach jährt sich bereits zum zehnten Mal. Der Treffer wurde später zum Tor des Jahres 2016 gewählt. Erst in der Kabine wurde Risse bewusst, wie lange der sagenhafte Freistoß den Menschen im Gedächtnis bleiben würde. Bis heute wird der frühere FC-Profi darauf angesprochen: „Es ist schön, beim FC so positiv in Erinnerung zu bleiben.“

Der gebürtige Kölner spielte sieben Jahre für den FC und ist dem Verein bis heute eng verbunden. Im Interview mit unserer Redaktion spricht der 36-Jährige auch über sein verletzungsbedingtes Karriereende und seine heutige Arbeit mit Kindern.

Herr Risse, wenn Sie an Ihren Freistoßtreffer in der Nachspielzeit zum 2:1-Sieg des FC 2016 in Gladbach denken: Welcher Moment kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?

Marcel Risse: Ich habe das Tor inzwischen zigmal gesehen. Mein Kleiner schaut es sich manchmal auf Youtube an. Wie lange der Treffer den Menschen im Gedächtnis bleibt, wurde mir erst in der Kabine bewusst. Nach dem Sieg sah ich auf mein Handy und hatte so viele Nachrichten wie wohl noch nie. Dass ich bis heute darauf angesprochen werde, macht mich glücklich. Es ist schön, beim FC so positiv in Erinnerung zu bleiben.

Haben Sie beim Schuss direkt gespürt, dass daraus ein besonderer – vielleicht der bedeutendste – Treffer Ihrer Karriere wird?

Ich habe gemerkt, dass ich den Ball sehr gut getroffen habe. Als der Ball meinen Fuß verließ, hatte ich ein gutes Gefühl: Der kommt gefährlich aufs Tor. Yann Sommer war noch mit den Fingerspitzen dran. Vielleicht hätte er ihn mit ein paar Zentimetern mehr noch eher erreicht. Der schönste Treffer war es vielleicht nicht, aber mit Sicherheit der bedeutendste.

Ich habe das Gefühl, bei meinem Herzensverein, dessen Fan ich schon als Kind war, nicht so schnell vergessen zu werden.
Marcel Risse

Ihr Tor des Jahres jährt sich zum zehnten Mal. Überrascht es Sie, dass es bei den FC-Fans noch immer so präsent ist?

Ja, auf jeden Fall. Einerseits kommt es mir lange her vor, andererseits fühlt es sich kaum nach zehn Jahren an. Dass das Tor noch immer so präsent ist, freut mich. Ich habe das Gefühl, bei meinem Herzensverein, dessen Fan ich schon als Kind war, nicht so schnell vergessen zu werden.

Sie haben im Sommer 2023 Ihre Karriere beendet. Wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken: Was überwiegt?

Alles in allem ist es sehr positiv gelaufen. Hätte mir als Kind jemand gesagt, dass ich so viele Bundesligaspiele mache und so lange bei dem Verein spiele, für den ich immer spielen wollte, hätte ich das sofort unterschrieben. Vielleicht wäre noch etwas mehr drin gewesen, wenn ich mich nicht so schwer verletzt hätte. Trotzdem bin ich glücklich über die vielen Erstliga-Jahre.

Marcel RISSE (K, 2.v.l.) erzielt das Tor, Siegtor, per Freistoss zum 2:1 unter interessierter Beobachtung von Salih OEZCAN (Özcan, K, 3.l.;) Fussball 1. Bundesliga, 11. Spieltag, Borussia Moenchengladbach (MG) - 1. FC Koeln (K) 1:2, am 19.11.2016 in Moenchengladbach / Deutschland.

Marcel Cracks K 2 v l reached the goal Siegtor Per Free kick to 2 1 under interested Observation from Salih Oezcan Özcan K 3 l Football 1 Bundesliga 11 Matchday Borussia Moenchengladbach MG 1 FC Cologne K 1 2 at 19 11 2016 in Moenchengladbach Germany

Marcel Risse erzielt 2016 im Derby gegen Borussia Mönchengladbach das entscheidende Tor für den 1. FC Köln.

Nach Ihrem Kreuzbandriss waren Sie nicht mehr derselbe Spieler. Wie schwer war es, die Folgen der Verletzung zu akzeptieren und schließlich aufzuhören?

Erst zwei oder drei Jahre nach der Verletzung wurde mir richtig bewusst, dass ich nicht mehr der Spieler war, der ich vorher gewesen bin. Das hat mich belastet. Drei, fast vier Jahre lang habe ich versucht, wieder dahin zu kommen, wo ich einmal war – oder zumindest so zu spielen, dass ich mit meiner Leistung zufrieden sein konnte. Zuletzt war das nicht mehr einfach. Aber auch diese Erfahrung hat mich weitergebracht.

Wie haben Sie sich nach dem Karriereende neu orientiert – und was machen Sie heute?

Im ersten Jahr habe ich bewusst nichts Verpflichtendes angenommen. Ich wollte herausfinden, was mir Spaß macht und in welche Richtung es gehen soll. Ich bin viel in die USA gereist, auch weil ich großer NFL-Fan bin. Während der aktiven Karriere ist das kaum möglich. Dabei habe ich gemerkt, wie wichtig mir die Freiheit ist, meine Termine selbst zu planen. Außerdem habe ich als Kicker in der zweiten Football-Bundesliga gespielt – eine tolle Erfahrung, auch wenn manche Busfahrt schon um vier Uhr morgens losging (lacht). Inzwischen habe ich wieder festgestellt, dass Fußball weiter mein Leben ist. Ich trainiere die Bambini beim HSV Langenfeld und hospitiere mittwochs beim FC in der U 14. Die Arbeit mit Kindern macht mir unheimlich viel Spaß.

Eine Rückkehr in den Profifußball kann ich mir eigentlich nicht vorstellen: Ich fühle mich hier, wo wir wohnen, sehr wohl und möchte nicht alle paar Jahre umziehen. Der enorme Druck im Profifußball ist nichts, worin ich mich sehe.
Risse über die Zukunft

Können Sie sich vorstellen, später als Trainer zu arbeiten?

Wenn meine Kinder größer und selbstständiger sind, kann ich mir das im Nachwuchsbereich vorstellen. Im Moment ist mir die Zeit mit ihnen zu wichtig. Eine Rückkehr in den Profifußball kann ich mir eigentlich nicht vorstellen: Ich fühle mich hier, wo wir wohnen, sehr wohl und möchte nicht alle paar Jahre umziehen. Der enorme Druck im Profifußball ist nichts, worin ich mich sehe.

Was bedeutet Ihnen Ihre Verbindung zum FC heute?

Ich bin immer noch Fan, wie mein ganzes Leben lang. Wenn es zeitlich klappt, gehe ich jedes zweite Wochenende mit meinem sechsjährigen Sohn ins Stadion. Als ich noch gespielt habe, war er zu klein, um richtig mitzubekommen, dass sein Vater auf dem Platz steht. Heute genießen wir es, die Spiele gemeinsam anzuschauen. Fast jedes Heimspiel nehmen wir mit, dazu kommen gelegentlich Auswärtsspiele. Zuletzt war ich Teil der Trikotkampagne zu Ehren von Willi Ostermann. Ich spiele in der Traditionsmannschaft und bin im Club der Legenden. So habe ich weiterhin Kontakt zu vielen ehemaligen FC-Spielern und bin immer wieder bei öffentlichen Terminen dabei. Es ist schön, noch Teil der FC-Familie zu sein.

Wie sehen Sie den FC für die Zukunft aufgestellt – sportlich und mit Blick auf die Bedingungen am Geißbockheim?

Sportlich finde ich es positiv, dass auf viele junge Spieler gesetzt wird. Der FC scheint den englischen Markt für sich entdeckt zu haben. Das kann ein guter Weg sein, aber die Balance muss stimmen: Wenn der Druck im Abstiegskampf steigt, sind erfahrene Spieler besonders wichtig. Die jüngsten Ausfälle im Sturm tun natürlich weh. Ich hoffe, dass der FC sie auffangen kann. Wenn es möglich ist, sollte der FC alles versuchen, am Geißbockheim zu bleiben. Das Geißbockheim hat einen besonderen Mythos. Gleichzeitig brauchen die Mannschaften mehr Trainingsplätze. Schon als ich dort gespielt habe, sollte der Ausbau beginnen. Bei der U14 sehe ich, wie eng die Trainingszeiten getaktet sind: Eine Mannschaft muss sofort vom Platz, damit die nächste anfangen kann. Die Jugendlichen brauchen mehr Fläche und die Möglichkeit, nach dem Training selbstständig zu arbeiten.

Said ist ein außergewöhnlicher Spieler. Es wäre aber gut, ihm etwas Druck zu nehmen.
Risse über El Mala

Said El Mala ist ebenfalls sehr jung und hat wie Sie für den FC und Viktoria Köln gespielt. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?

Said ist ein außergewöhnlicher Spieler. Der FC kann froh sein, ihn in seinen Reihen zu haben – gerade nach dem ganzen Hin und Her um einen möglichen Wechsel im Sommer. Gleichzeitig gewinnt er allein keine Spiele; dazu gehören zehn andere Spieler auf dem Platz. Es wäre gut, ihm etwas Druck zu nehmen. Was medial um ihn herum aufgebaut wird, ist für einen so jungen Spieler nicht einfach. Aber ich bin sicher, dass er daran wachsen wird.

Er war hundertprozentig authentisch und schaffte es, dass die Geschäftsstelle und der ganze Verein an einem Strang zogen.
Risse über Trainer Peter Stöger, der ihm am meisten geprägt habe

Welcher Trainer hat Sie in Ihrer Karriere am meisten geprägt?

Ganz klar Peter Stöger. Dabei geht es nicht einmal um unsere Spielweise – die war im ersten Bundesligajahr vielleicht manchmal etwas langweilig anzuschauen. Entscheidend war, wie er uns Spieler geführt und sich nach außen präsentiert hat. Er war hundertprozentig authentisch und schaffte es, dass die Geschäftsstelle und der ganze Verein an einem Strang zogen. Das ist beim FC nicht selbstverständlich. Unter ihm zu spielen, war ein Traum.

René Wagner ist ein junger Trainer und steht in Köln teils laut in der Kritik. Können Sie das nachvollziehen?

Ich kenne ihn nicht wirklich gut; wir sind uns nur ein paarmal über den Weg gelaufen. Deshalb weiß ich auch nicht genau, wie er arbeitet. Die Kritik kann ich einerseits verstehen, denn am Ende geht es darum, Punkte zu holen. Ich glaube, dass er ein guter Typ ist und bei der Mannschaft gut ankommt. Gegen Kritik helfen letztlich nur Punkte. Ich wünsche ihm, dass er noch möglichst viele holt. Es wäre schön, wenn sich jemand aus den eigenen Reihen über mehrere Jahre als Trainer beim FC etablieren könnte. Ich glaube, mit Thomas Kessler hat der FC jemanden, der das gut einschätzen kann.

Sie kennen Sportchef Thomas Kessler schon lange. Haben Sie ihm diese Entwicklung zugetraut?

Zu hundert Prozent. Für viele in der Mannschaft war damals schon klar: Wenn er es beim FC nicht wird, dann wird er es woanders. Sein Traum war aber immer, es beim FC zu schaffen. Ich freue mich, dass es so gut für ihn läuft.

1. FC Köln

Marcel Risse im aktuellen Sondertrikot des 1. FC Köln zu Ehren von Willi Ostermann

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation bei Köln und Gladbach ein?

Bei beiden Vereinen ist es nicht einfach. Bei Gladbach ist die Lage in der Tabelle derzeit noch etwas dramatischer. Für Traditionsvereine ist es heute schwieriger geworden. Sie stehen stärker im Fokus und stärker unter Druck. Kleinere Vereine wie Mainz oder Elversberg können oft anders arbeiten: Es gibt weniger Entscheidungsträger und kürzere Abstimmungswege. Wenn bei einem Verein erst zehn Leute einer Entscheidung zustimmen müssen, ist das schwieriger, als wenn es nur zwei oder drei sind. Das kann ein Vorteil sein. Ich beurteile das allerdings aus der Ferne.

Für viele in der Mannschaft war damals schon klar: Wenn er es beim FC nicht wird, dann wird er es woanders.
Risse über den heutigen FC-Sportchef und seinen Ex-Teamkollegen Thomas Kessler

Was hätten Sie einem jüngeren Spieler vor einem Derby mit auf den Weg gegeben?

Egal, was im Spiel passiert und wie viele Fehler man macht: Man sollte versuchen, einen Ballverlust sofort wieder gutzumachen. Dranbleiben und niemals aufgeben. Die negativen Gedanken dürfen nicht überhandnehmen. Man muss positiv bleiben und für sich und die Mannschaft kämpfen.

Was macht das Derby zwischen dem FC und Gladbach so besonders – und worauf kommt es am Sonntag an?

Es sind zwei Traditionsvereine, die schon ewig miteinander konkurrieren. Das Derby muss man nicht künstlich aufladen – es ist etwas Schönes, auf das sich alle freuen. Natürlich will man unbedingt gewinnen. Aber man kann mit befreundeten Gladbach-Fans Sprüche austauschen, darüber lachen und sich am Montag bei der Arbeit aufziehen. Es darf nicht feindselig sein; man sollte die Rivalität mit einem Augenzwinkern sehen. Auf dem Platz kommt es vom ersten Moment an vor allem auf die Einstellung an. Ich glaube nicht, dass es ein hochklassiges Spiel wird. Die Mannschaft, die am meisten brennt, kann das Derby über den Kampf gewinnen. Ich hoffe, dass wir das sind. Dann können wir den Fans, die alles für die Mannschaft geben, etwas zurückgeben und vielleicht etwas Euphorie mitnehmen.

ZUR PERSON

Marcel Risse, geboren am 17. Dezember 1989 in Köln, durchlief die Jugend von Bayer 04 Leverkusen und schaffte den Sprung in den Profibereich. Seine erfolgreichste Zeit erlebte er beim 1. FC Köln, für den er von 2013 bis 2020 163 Pflichtspiele (26 Tore) absolvierte. Zudem lief der Flügelspieler für Nürnberg, Mainz und Viktoria Köln auf. (lw)