Zwei Weltmeister mit dem WM-Pokal: Berti Vogts (l.) und Wolfgang Overath
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Wolfgang Overath und Berti Vogts über die Gladbacher Hilfe für den FC und die Rivalität der Vereine.
Köln – Herr Overath, Herr Vogts: Dass der 1. FC Köln noch die Chance hat, in der Relegation gegen Kiel die Klasse zu halten, verdankt der Verein den Gladbachern, weil die am letzten Spieltag Bremen aus dem Weg geräumt haben. Sind die Kölner ihrem ärgsten Rivalen nun zu Dank verpflichtet?Overath: Das ist doch das Normalste überhaupt, dass die Mönchengladbacher versucht haben, ihr Spiel zu gewinnen.Vogts: Da stimme ich zu. Es ist eine Verpflichtung der Spieler, alles zu geben, das setze ich in der Bundesliga einfach voraus. Außerdem haben sie ja auch für sich gespielt, sie hatten ja die Chance auf das internationale Geschäft. Ich würde jetzt nicht sagen, dass sie unbedingt für Köln gespielt haben.
Overath: Gut, man kann sich natürlich trotzdem bedanken. Man freut sich ja schon, dass die Gas gegeben haben.
Sie sind enge Freunde, waren gemeinsam Weltmeister 1974 und sind Rekordspieler der rheinischen Rivalen 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach. Was bedeutet für Sie die Rivalität der beiden Klubs?
Vogts: Sportlich war das zu meiner Zeit keine große Rivalität, wir waren ja klar überlegen. Nur weil Hennes Weisweiler in Köln gewohnt hat, haben wir vielleicht mal absichtlich verloren, um es ihm leichter zu machen.
Overath: Komm, hör doch auf!
Herr Overath, es ist allerdings tatsächlich so: Gegen keine Mannschaft haben Sie so oft verloren wie gegen Gladbach.
Overath: Ich? Niemals. Wer sagt das?
Die Statistik.
Overath: Woher wissen Sie das jetzt so plötzlich?
Das steht hier in meinem Notizbuch, ich habe Ihre Bilanz gegen Mönchengladbach nachgeschlagen.
Vogts: Ich habe in 14 Jahren gegen Köln keine fünf Bundesligaspiele verloren.
Richtig, es waren vier.
Overath (lacht): Machen wir jetzt hier weiter oder wollen wir das an dieser Stelle beenden? Das muss ich mir nicht anhören.
Vogts: Nun, mit der Wahrheit sollte man schon immer wahrheitsgemäß umgehen.
Herr Vogts, als Vorbild nennen Sie ausgerechnet einen FC-Spieler: Wolfgang „Bulle“ Weber, eine der größten Persönlichkeiten im FC-Universum. Als Mönchengladbacher.
Vogts: Ja, das war er schon bei meinen ersten Spielen in der Jugendauswahl so, schon mit 18 Jahren. Eine großartige Persönlichkeit und ein toller Spieler.
Overath: Der Bulle ist ja auch ein absolutes Vorbild! Als Spieler ein Typ wie Berti: Wahnsinnig kraftvoll, athletisch. Bei der WM in England 1966 war er noch so jung, aber er war trotzdem schon einer der besten Mittelläufer des gesamten Turniers. Vielleicht kein klassischer Techniker, war der Berti ja auch nicht. Aber wenn man mit Berti oder dem Bullen zusammen gespielt und gesehen hat, wie die hinten arbeiten, hat man sich gesagt: Jetzt musst du auch rennen.
Berti Vogts und Wolfgang Overath beim Gespräch im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund.
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Vogts: Die Rivalität zwischen den Vereinen haben wir damals anders wahrgenommen. Wir waren ja in der Nationalmannschaft ständig zusammen und haben uns super verstanden.
Overath: In der Nationalmannschaft schon, auf dem Platz aber nicht, du hast ja getreten wie ein Stier. Ich habe oft gesagt: Sag mal, Vogts – hast du se noch alle?
Vogts (lacht): Einmal hat Wolfgang einfach den Ball aufgehoben und mir gegeben. Ich solle doch auch mal was mit dem Ball machen.
Allerdings haben Sie ja gar nicht so viele Gelbe Karten gesehen, Herr Vogts.
Overath: Früher wurden ja auch kaum Karten gezeigt! Da sagte der Schiedsrichter mal: „Ich verwarne Sie.“ Aber Gelbe Karten gab es fast nie. Normalerweise hätte der Berti in jedem Spiel eine Karte sehen müssen, so wie der reingegangen ist. Dennoch bleibt es natürlich dabei: Solche Spieler wie den Berti – die brauchst du.
Vogts: Keine Rote! Nicht eine Rote Karte habe ich gesehen.
Overath: Ich auch nicht.
Vogts: Doch, eine.
Overath: Die war aber ungerechtfertigt. Das war gegen 1860 München, da wurde ich runtergeschmissen und hatte überhaupt nichts gemacht.
Vogts: Du hast den Schiedsrichter wörtlich beleidigt.
Overath: Kein Wort! Als ich älter wurde und erwachsen, habe ich mehr geredet auf dem Platz. Aber das war ja in meinem ersten Bundesligajahr, da habe ich noch gar nichts gesagt.
Sie beide haben unter Hennes Weisweiler gespielt.
Overath: Spieler wie Berti Vogts entsprachen Weisweilers Vorstellung vom Fußball. Typen, die immer alles gegeben haben. Ein Netzer, ein Cruyff oder auch ich – wenn solche Spieler nicht marschiert sind, das konnte Weisweiler nicht ertragen.
Vogts: Deswegen hat er ja in Barcelona einen Riesenkrach gehabt. Er hat Cruyff zwischendurch einfach nicht aufgestellt.
Overath (lacht): Ja, das war dem Hennes zuzutrauen! Gott hab’ ihn selig – auch wenn wir es nicht immer leicht miteinander hatten: Als Trainer war er optimal. Wenn Hennes Weisweiler von der Bank aufstand und an die Linie trat, ging ein Ruck durch die Mannschaft. Was ein Trainer!
Herr Overath, wie haben Sie den FC in der vergangenen Saison erlebt?
Overath: Es war schwierig. Ich erinnere mich gut an den Heimsieg gegen Leipzig. Da habe ich den Fernseher gar nicht erst angemacht und bin stattdessen aufs Laufband gegangen, so ein schlechtes Gefühl hatte ich. Als ich anschließend wieder hoch kam, habe ich nur gefragt, wie hoch wir verloren haben. Und dann hatten wir das Ding 2:1 gewonnen. Ich konnte es überhaupt nicht glauben.
Vogts: Fieberst du da tatsächlich immer noch so mit?
Overath: Ja, doch. Am FC hänge ich schon immer noch, das ändert sich auch nicht mehr.
Vogts: Ich habe kein Verhältnis mehr zu Borussia Mönchengladbach. Ich gehe zwar noch mit meinem Bruder ins Stadion. Aber ich kaufe meine Karten selbst. Mit dem Verein habe ich nichts mehr zu tun.
Sie haben sich in einem der legendären Spiele zwischen Köln und Mönchengladbach gegenüber gestanden: Dem Pokalfinale 1973 im Düsseldorfer Rheinstadion, das Mönchengladbach 2:1 nach Verlängerung gewann.
Overath: Das Tor vom langen Netzer. Der arme Kerl, der trifft den Ball ja gar nicht. Aber entscheidend war, dass der Ball drin war. Günter hat es entschieden.
Vogts: Der lange Netzer hat ja riesige Füße, Schuhgröße zwölf. Und den Linken hat er wirklich nur, um aufrecht gehen zu können. Aber weil der Ball so verspringt, haut der den mit dem linken Außenrist unter die Latte.
Overath: Der rutscht ihm komplett ab! Und vorher hatte er sich selbst eingewechselt!
Vogts: Das ist so nicht ganz richtig. Es war ein super Spiel, vollkommen ausgeglichen. In der Halbzeitpause kam Weisweiler dann zu Netzer und sagte: „Sie spielen jetzt.“ Christian Kulik sollte raus, dabei war der super drauf. Netzer fand das auch, darum ist er dann einfach aufgestanden und hat sich wieder auf die Bank gesetzt. In der Verlängerung hat Günter den Christian gefragt, ob er noch könne. Und als Chris verneinte, ist der lange Netzer zu Weisweiler gegangen und hat gesagt: „Ich spiele dann jetzt.“ Nach drei Minuten jagt der dann das Ding rein.
Dass Netzer überhaupt auf der Bank gesessen hatte, war ja ein Unding.
Vogts: Günter hat sich geweigert, in den Mannschaftsbus zu steigen – und ist im Ferrari hinter uns her zum Rheinstadion gefahren, so sauer war er. Später ist er nicht mal mit zum DFB-Bankett gegangen, ich musste ihm seine Medaille mitbringen. Wir sind anschließend mit dem Mannschaftsbus zu Günter Netzers Diskothek gefahren. Als Hennes Weisweiler unterwegs erfuhr, wo es hinging, ließ er den Bus anhalten, stieg aus – und fuhr im Taxi nach Hause.