Ich stehe im Stadion, fünf Minuten vor dem Anpfiff des wichtigsten Spiels, das mein Club, der 1.FC Köln, in der jüngeren Vereinsgeschichte zu bestreiten hat. Und ich denke an: Schallplatten. Die Hymne erklingt. Um mich herum singen und brüllen und schreien und toben sie. Und ich rechne mir aus, was diese eine, von der Band signierte Platte der Toten Hosen, mir bei Ebay wohl einbringen könnte.
So seltsam all das auch klingen mag: Solch ein Gedankengang ist nichts anderes als Ausdruck meiner übergroßen Liebe zu diesem Verein. Er besagt, dass ich jederzeit meine Seele für ihn verkaufen würde.
Eine LP - zwei Übernachtungen
Ich weiß nämlich genau: Wenn wir gleich gegen den OGC Nizza gewinnen und in die nächste Runde des Europacups einziehen, dann könnte mir diese bislang wie ein Schatz in meinem heimischen Plattenregal gehütete, streng limitierte und in dicke Schutzfolie verpackte LP von Campino und seinen Bandkollegen einen Flug wohin auch immer – Rom, Helsinki, Braga – finanzieren. Oder zwei Übernachtungen im Hotel in Basel. Oder die Lebenshaltungskosten für 48 Stunden Florenz. Ich denke in meiner eigenen Währung. Der eines Vinyl sammelnden Fußballfans, dem der Fußball jederzeit noch ein bisschen wichtiger ist als die Musik.
Und ich spreche nach einem halben Jahr Conference-League aus Erfahrung: Eine Beatles-LP-Box deckt die Kosten für den Flug nach Belgrad. Oder beschert das Geld für die Zugfahrt nach Nizza. Farbiges, limitiertes Vinyl sichert im halben Dutzend locker zwei Nächte im Vier-Sterne-Hotel in Budapest oder Brünn.

Unser Autor Frank Weiffen ist für den FC durch halb Europa gereist.
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Und ich versichere: Ich verkaufe meine über Jahre gesammelten Platten gänzlich bei Sinnen, um durch Europa zu touren. Weil ich mir einrede, für diese wundervollen Erlebnisse auch leiden zu müssen – man bekommt nichts geschenkt. Und weil Europa mit dem eigenen Verein, der einem häufig genug schon bodenloses Leid beschert hat, schlichtweg das Größte ist. Europa ist die Währung des FC. Mit Europa zahlt er zurück.
Einfaches Fanleben in den 80ern
Fan wurde ich 1982. Sprich: Zu einer Zeit, als ich noch dachte, dieser Verein spiele einfach so, automatisch, Jahr für Jahr im Europacup. Weil es eben der 1.FC Köln ist. Und als man – mal nebenbei bemerkt – zum Spielort fuhr, eine Karte kaufte und ohne Leibesvisitation ins Stadion ging. Also, ich meine: einfach so. Erst später merkte ich, dass auch mein Club sich jedes Mal für Europa qualifizieren muss.
Aber da war es dann schon zu spät: Ich wurde Allesfahrer – und der 1.FC Köln qualifizierte sich nicht mehr. Erst 2017 leckte ich wieder Blut: Europa League! Nach 25 Jahren Abstinenz! Ein Wunder! London unvergesslich. Mehr davon! Dachte ich. Stattdessen gabs den Abstieg. Und Markus Gisdol. Und Corona. Und die Relegation gegen Kiel.
Ungarn im Sommer
Bis Steffen Baumgart kam. Und mit ihm völlig überraschend die Conference League und knapp drei Monate voller Erlebnisse und Eindrücke und Planungen auf des Messers Schneide, deren Eigendynamik mich einmal mehr in dieses seltsame Paralleluniversum des Fußballfans katapultierten.
In der Qualifikation für die Gruppenphase wartete der Fehérvár FC aus Székesfehérvár, Ungarn. Die Stadt liegt nur sechzig Kilometer von Budapest entfernt. Und Budapest ist wunderschön. Erst recht im August. Freunde und Bekannte waren skeptisch. Setzten auf ein eventuelles Weiterkommen, zumal die Sommerferien ja gerade erst vorbei waren. Aber mir war klar: Man muss nehmen, was kommt. Mal schauen, wohin es mich führen würde. An eine komplette Europa-Tour ohne verpasstes Spiel dachte ich noch nicht. Eins nach dem anderen. Et kütt, wie et kütt.
Die verzweifelte Jagd nach Tickets
Es folgten Dinge wie: Eintrittskarten, gekauft über eine ungarische Internetseite, die dann storniert wurden. Facebook-Nachrichten an seit einem Vierteljahrhundert verschollene ungarischen Abi-Kollegen mit der Bitte um Hilfe bei der Ticketbeschaffung. Mails der Art „über einen guten Freund, der jemanden kennt, der wiederum eine kennt“ an die deutsche Leiterin einer Discounterkette in Ungarn. Tage der Ungewissheit. Nächte der Schlaflosigkeit. Dann das Glück bei der Kartenverlosung des FC. Und schließlich Budapester Biergärten an lauen Sommerabenden, Wiedersehen mit alten Freundinnen und Freunden – so viel besser als jedes Klassentreffen! - sowie ein wie wild aufspielender, 3:0 siegender FC. Kurzum: Dinge, die all die Mühsal vergessen ließen. Haken dran.
Die Auslosung der Gruppenphase sah ich während der Rückreise beim Zwischenstopp am Flughafen München via Tablet. Das Bild war unscharf und schmierte immer wieder ab. Dennoch bekam ich alles mit, was wichtig war. Kugel eins: Nizza. Mittelmeer! Traumlos! Kugel zwei: Partizan Belgrad. Nach Roter Stern 2017 die Chance, diese fußballverrückte Stadt in Serbien fußballerisch zu komplettieren! Famos! Kugel drei: 1.FC Slovacko. Wie bitte? Aber Tschechien geht ja immer. Ich knipste das Tablet aus, ging zum Boarding. Und von da an sollte nichts mehr irgendwie normal laufen. Irgendwas würde immer sein. Europapokal eben. „Erste Runde Budapest…“.
Nizza als Film mit rasanten Schnitten
Die folgende Reise nach Nizza etwa konnte ich erst 72 Stunden vor dem Spiel buchen, da ich erst dann die Gewissheit hatte, auch freinehmen zu können. Ich gelangte zwar über glückliche Umwege an ein Ticket. Dennoch gibt es bessere Voraussetzungen: Flüge waren längst ausgebucht oder exorbitant teuer oder hätten mich über Mallorca und Barcelona (!) nach Nizza gebracht. 15 Stunden im Auto hin, 15 Stunden im Auto zurück? Ich bin doch keine 20 mehr! Also fuhr ich mit dem guten, alten Interrailpass – Tipp eines Freundes – via Paris an die Cote d’Azur. Und hinein in 24 Stunden des gerafften Wahnsinns.

Die Fußballreise nach Nizza musste binnen 72 Stunden organisiert werden. Der Lohn: Das Mittelmeer.
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Man muss sich die Gemengelage der Gefühle wie einen Film in rasanter Schnittechnik vorstellen: Ich reiste im Zug zu einem Spiel meines Vereins – und hatte rechterhand das Mittelmeer vor Augen! Ich ging im Fanmarsch zum Stadion – das Mittelmeer diesmal über Kilometer hinweg links von mir. Vorfreude. Cut. Randale und Tränengas im Stadion. Mit Adrenalin vollgepumpte Menschenschränke, die im Block an mir vorbeirasen. Drohender Spielabbruch. Jonas Hectors emotionale Ansprache. Cut.

Ein paar Wochen nach dem Tag am Meer in Nizza: Rauch und Qualm in Belgrad.
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Eine erste Halbzeit, in der der FC den etatmäßig dreifach überlegenen Gegner an die Wand spielt. 1:0. Cut. 1:1. Cut. Die Rückfahrt zum Hotel mit sorgenvollen Blicken links, rechts und über die Schulter nach hinten. Cut. Ich erlebte in Nizza binnen weniger Stunden Dinge, für die ein ganzes Leben Bundesliga nicht ausreicht. Und ich sortierte weiter Platten aus.
Ein Belgrad-Ticket von Nicola
In Belgrad umging ich die auf Nizza folgende Sperre für Auswärtsfans, weil mir der Freund der Cousine einer guten Freundin – ein in Belgrad lebender, bosnischer Restaurantbetreiber namens Nikola – ein Ticket auf seinen Namen besorgte.
Vor dem Spiel dann: Ein Feuerwerk hinter der Fankurve. Während des Spiels: Rauchtopfqualm, der das Stadion minutenlang mit einer dicken Rauchsuppe füllte. Belgrad in Flammen. Und in der Pause: Ich, der sich mit verbissenem Blick, schweigend und möglichst schnell den Weg über die gesamte Heimtribüne zur Stadiontoilette bahnte – einmal durch die glatzköpfigen, aufgedrehten Heimfans, die sich irgendwie passenderweise Grobari, Totengräber, nennen, und zurück. Partizan auswärts – das waren mit die unheimlichsten Minuten meines bisherigen Fanlebens.
Meine 12 Jahre alte Tochter würde sagen: Echt creepy. Ich indes wusste: Ich war jetzt da, wo nur wenige andere waren. Jetzt wird es ernst. Jetzt muss die Serie halten! Den Spieltagsschal aus dem Partizan-Fanshop nahm ich entsprechend wie eine Trophäe mit nach Hause. Legte ihn liebevoll in meine Europacup-Kiste zu all den anderen Schals, Shirts, Trikots, Stadtführern, Tickets, Reiseplänen, Souvenirs.
Fünf Platten für Slovacko
Die Zugfahrt zum 1.FC Slovacko nach Uherské Hradiste via Wien und Brünn zwei Wochen später war da schon gebucht – und mit fünf wertvollen Platten aus der Sammlung halbwegs bezahlt.
Fünf Platten für: Einen kölschen Buskonvoi von Brünn zum Spielort auf der Heide der Mährischen Slowakei. Ein siebenminütiges Nebelspiel im kleinsten Europacup-Stadion aller Zeiten zwischen Häuserzeilen und Gässchen. Grübeln und Hektik nach dem Abbruch in Minute 8. Ein Anruf daheim, der wie folgt lief: „Hallo!“ „Hi! Und, wie isses?“ „Schlecht. Die haben das Spiel abgebrochen. Wird morgen um 13 Uhr fortgesetzt. Ich…“ „Ja, schon gut. Meinen Segen hast Du!“ „Alles klar! Danke! Ich rufe später zurück. Ich muss schnell alles umbuchen!“ Ein 1:0 mit klarer Sicht. Und eine achtstündige Rückfahrt ohne Sitzplatzreservierung im Bord-Bistro des völlig überfüllten ICE 28 von Wien nach Köln. Kurzum: Eine unvergessliche Tour. Europacup eben.
Alles auf Anfang
Zurück zum Anfang. Zurück zum wichtigsten Spiel der jüngeren Vergangenheit: Der FC gewinnt es nicht. Spielt 2:2 gegen Nizza. Scheidet aus. Ein Tor fehlt. Nicht viel. Aber in Fußballtabellen manchmal eben eine kleine Welt. Immerhin ist dieses vorerst letzte europäische Spiel meines Vereins mitreißend gewesen. Die Niederlage bewahrt mich, auch das ist nicht zu unterschätzen, vor dem inneren Zwang, weitere Touren organisieren und die Urlaubsplanung der Familie ins Chaos stürzen zu müssen.
Übrigens: Natürlich stellte ich mit Anpfiff die Gedanken an meine Plattensammlung umgehend ein. Europa ist schließlich zum Genießen da. Alles andere muss raus aus dem Hirn. Erst auf der Rückfahrt nach Hause denke ich: Ich habe da ja noch diese paar Platten rechts im Regal, sie sind signiert... Dazu die drei Boxen oben auf dem Schrank, die LPs ungespielt... Aber lassen wir das. Sagen wir einfach: Es ist alles bereitet fürs nächste Mal.
