Leverkusen – Als Hannes Wolf am 23. März von Bayer 04 Leverkusen zum vorübergehenden Nachfolger von Peter Bosz gemacht wurde, verglich er die vor ihm liegende Aufgabe mit einem 800-Meter-Lauf. Acht Spiele, ein Auftrag: Qualifikation für den Europapokal, im günstigsten Fall noch für die Champions League. In dieser Metapher liegen 600 Meter hinter ihm. Champions League geht nicht mehr. Aber der große Auftrag könnte mit dem siebten Abschnitt erfüllt sein. Ein Sieg über Union Berlin im letzten Heimspiel der Saison würde die Qualifikation für die Europa League bedeuten. Der Werksklub läge acht Punkte vor Union und mindestens fünf vor Borussia Mönchengladbach. Der Saisonabschluss gegen Borussia Dortmund könnte dann mit Gelassenheit angegangen werden.
„Wir denken nur daran, dass Spiel gewinnen zu wollen“, sagt Hannes Wolf am Freitagnachmittag. Auf Hochrechnungen, wonach schon ein Punkt genügen könnte bei derzeit fünf Punkten Vorsprung und um neun Treffer besserer Tordifferenz gegenüber Mönchengladbach, mag er sich nicht einlassen. Er wolle nicht warten und nicht rechnen, erklärt der 40-Jährige, allerdings trifft Bayer 04 im letzten Heimspiel der Saison, das wegen der Abwesenheit von Zuschauern wieder kein Heimspiel ist, auf einen Gegner, der die Unbeugsamkeit perfektioniert hat. „Wir wissen schon, wem wir gegenüber stehen“, sagt Wolff. Union Berlin hat so kurz vor dem Ziel, das niemand für möglich hielt, natürlich auch große Lust auf Europa. „Wir haben noch eine Möglichkeit, noch mal angreifen zu können. Dafür braucht es Punkte“, erklärte Trainer Urs Fischer, der den Ehrgeiz hat, die für seine Mannschaft untypische 0:3-Niederlage der Vorwoche gegen Wolfsburg zu tilgen.
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Der Kollege Wolf muss auf den unter ihm effektivsten Angreifer verzichten. Leon Bailey fällt mit einem Zehenbruch für den Rest der Saison aus. Allerdings kann der Interimstrainer dafür einfach Moussa Diaby nominieren, der zuletzt nicht in der Stammelf stand. „Bei diesem Kader hast du trotzdem eine gute Mannschaft auf dem Platz“, sagt Wolf, der die in ihn gesetzten Erwartungen mit elf Punkten in sechs Spielen einigermaßen erfüllt hat. Es sei für ihn weiterhin sehr einfach, die Gedanken an seine persönliche Zukunft (Vertragsverlängerung) bis nach dem letzten Saisonspiel am 22. Mai in Dortmund zurückzustellen, sagt er, denn: „Diese Mannschaft hat einen Trainer verdient, der zu 100 Prozent bei ihr ist, das ist hier ja auch kein Wettrennen.“ Dem Eindruck eines täglichen Castings im Vergleich zu unsichtbaren Konkurrenten will sich Wolf entziehen, zumal für ihn keine Lebensentscheidung falle. „Ich weiß, dass es für mich gut weitergeht“, meint der ehemalige Coach des VfB Stuttgart und Hamburger SV, „ich werde nicht ins Ausland gehen müssen, um Trainer sein zu können." Davor schützt ihn schon sei nur ruhender Vertrag als U-18-Nationaltrainer des DFB. Wenn er den letzten Schritt mit Bayer 04 erfolgreich gehen würde, wäre ein Ausbleiben weiterer Angebote aber überraschend.
Darüber, dass die letzten Tage dieser Saison in der von der DFL angeordneten Quarantäne noch einmal psychisch anstrengend werden, mag sich Wolf auch nicht beklagen. „Das hat sich natürlich keiner so ausgesucht, aber wir werden nicht jammern, denn wir können unseren Beruf ausüben“, sagt er mit maximaler Professionalität. Das Quarantäne-Hotel Lindner ist schließlich im Stadion integriert. Die Wege sind kurz. Zuletzt hat man Minigolf gespielt. Alle sind erwachsen und haben elektronische Endgeräte. Was zum kleinen Glück noch fehlt, ist ein Sieg.