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Bayer 04 vor dem Topspiel
Calmunds Kopfwäsche allein löst das Problem nicht

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Kapitän Lukas Hradecky entschuldigte sich in Elversberg bei den Fans

Leverkusen – Bayer 04 Leverkusen hatte die Woche nach dem Debakel von Elversberg fast schon ohne öffentliche Abrechnung zu Ende gebracht, da meldete sich die mächtige Stimme aus der Vergangenheit. Reiner Calmund, der als Wahl-Saarländer vor Ort war, als der Werksklub in der ersten Runde des DFB-Pokals mit 3:4 Toren am Drittliga-Aufsteiger scheiterte, berichtete vom Grad seiner Enttäuschung. „Ich saß bei schönstem Wetter in einem wunderschönen Stadion. Wunderbares Essen, nette Leute, alles vom Feinsten, nur nachher musste ich kotzen, aber nicht wegen dem Essen, sondern wegen der Mannschaft, was die gespielt haben“, sagte der langjährige Manager in einem Podcast.

Am Donnerstag legte er via Twitter nach. „Das ist nicht zu entschuldigen, nicht akzeptabel“, schrieb Calmund. Er habe „ein arrogantes Auftreten von A bis Z“ gesehen: „Vor allem die Abwehr war eine Vollkatastrophe. Die vier Tore waren hochverdient. Wenn sie Pech hätten, hätten sie noch zwei mehr gekriegt. Da muss es richtig Doktor Dralle geben, das ganz scharfe Haarwasser auf den Kopf, dass sie klar werden in der Birne.“

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Die Wortmeldung platzte mitten in die Vorbereitung des Werksklubs auf den Bundesliga-Start am Samstag in Dortmund (18.30 Uhr). Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes und Trainer Gerardo Seoane hatten sich schon am Tag nach dem Verlust der einzigen realistischen Titelchance von Bayer 04 für die kontrollierte Defensive entschieden. Man übte Kritik, streute Asche auf sein Haupt, versprach Besserung und begab sich an die fußballerische Detailarbeit. Eine emotionale Abrechnung mit der Mannschaft, in der sich die Enttäuschung der Fans wiederfinden konnte, gab es nicht.

„Natürlich war das alles nicht gut, aber wir dürfen nicht alle Stärken, die wir uns erarbeitet haben, über Bord werfen“, erklärte Simon Rolfes am Donnerstag im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Erschreckend war allerdings, dass von diesen Stärken, wie von Calmund beschrieben, vor allem in der Defensivarbeit nichts zu sehen war. Rolfes selbst hatte dem Team direkt nach dem Spiel eine vollständige defensive Verweigerung vorgeworfen. Jetzt aber soll es nur um Lösungen gehen.

Trainer Gerardo Seoane, der nach außen streng analytisch und kontrolliert wirkt, sei in der Kabine zu Emotionalität im Umgang mit den Spielern fähig, erklärt Rolfes, der bei fast allen Team-Sitzungen anwesend ist. Persönliche Vorwürfe und Abrechnungen werde es aber nicht geben. „Es sind gute Jungs, die die Kritik verstehen“, sagt Rolfes, „wir müssen jetzt das Vertrauen in die eigenen Stärken wiedergewinnen. Denn es kann jetzt plötzlich nicht alles schlecht sein.“

Die Defensivarbeit allerdings war es in jedem Bereich. Und das wird Folgen haben. Linksverteidiger Mitchel Bakker, der seine Fehler seit Monaten beharrlich und mit großer Konsequenz wiederholt, wird in Dortmund zu Spielbeginn wohl ebenso wenig auf dem Platz stehen wie Innenverteidiger Odilon Kossounou, dem in Elversberg alles misslang. Hier versprechen Piero Hincapie und Jonathan Tah durch bloßes Erscheinen mehr Stabilität.

Dazu kommt eine zwingend notwendige Änderung im defensiven Mittelfeld. Sie detailliert zu prophezeien, fällt allerdings schwerer. Keines der Sechser-Pärchen, die Trainer Seoane in Elversberg spielen ließ, hat funktioniert. Nicht Andrich/Aranguiz, nicht Andrich/Demirbay, nicht Demirbay/Palacios. Wahrscheinlich ist, dass Charakterspieler Robert Andrich vorangehen soll. Mehr nicht.

Systemwechsel unwahrscheinlich

Dass Gerardo Seoane nach dem Pokal-Aus die bewährte 4-2-3-1-Grundordnung umwirft, ist nicht anzunehmen, denn es handelte sich in Elversberg nicht um ein System-Versagen. Ein Champions-League-Teilnehmer mit einem Kaderwert von mehr als 450 Millionen Euro muss einen Drittligisten mit einem Kaderwert von fünf Millionen Euro zu jeder Zeit in jedem System schlagen können. Und die Frage, was passiert, wenn man am Samstag gegen das Top-Team von Borussia Dortmund mit seinem Talent und seiner Schnelligkeit vor 80 000 Zuschauern so auftritt wie sieben Tage zuvor in Elversberg, erlaubt nur eine Antwort: etwas ganz Schlimmes.

Insofern hat Reiner Calmund Recht. Alle brauchen eine Kopfwäsche. Allerdings wird Dr. Dralle nicht mehr helfen können. Das Hamburger Traditionsunternehmen wurde 1991 an L’Oreal verkauft und dann geschlossen.

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