Im Fußball regieren gefühlte Wahrheiten. Sie entstehen schnell, halten sich hartnäckig und werden zu selten überprüft. Über Bayer 04 liegt seit Wochen das Gefühl eines durchwachsenen Saisonstarts. Dafür verantwortlich ist vor allem das 2:3 zum Auftakt bei Aufsteiger Elversberg. Die Niederlage prägt die Wahrnehmung bis heute, dabei war sie die einzige Pflichtspielniederlage der Saison.
Das 2:2 beim FC Augsburg wurde ebenfalls kritisch beäugt. Dieses Urteil sollte spätestens nach dem Remis des FC Bayern in der Fuggerstadt am vergangenen Samstag korrigiert werden. Wer die Punkte des Rekordmeisters als Maßstab nimmt, muss das Ergebnis aus Leverkusener Sicht neu bewerten.
Die Bilanz spricht eine andere Sprache. Vier Siege in Folge, das Weiterkommen im DFB-Pokal, ein Platz in der Bundesliga-Spitzengruppe, einen Punkt hinter dem FC Bayern. Am Donnerstag gewann die Mannschaft in Posen 4:0, steht in der Europa League als Zweiter der Ligaphase da, mit voller Punktausbeute und ohne Gegentor. Bayer 04 liegt also voll im Soll.
Der kritische Blick rührt womöglich daher, dass im Kader und bei nahezu jedem Spieler noch Potenzial zur Leistungssteigerung steckt. Die Ausnahme ist Torgarant Patrik Schick. Wer Reserven sieht, muss aber keine Krise diagnostizieren. Das ist die eigentliche gute Nachricht.
Rotation von Martínez funktioniert
Carles Martínez konnte in Posen zudem beobachten, dass seine Rotation funktioniert. Sechs neue Spieler standen in der Startelf, und das Spiel trug trotzdem. In den vollgepackten Wochen im Herbst braucht der Trainer den ganzen Kader. Der Ausfall von Martin Terrier macht die Lage dünner und zwingt zu weiteren Wechseln im Angriff.
Martínez spricht gern von Standards, die er mit seiner Mannschaft setzen will. Gemeint ist ein Leistungsniveau und ein Anspruch an sich selbst, der nie unterschritten werden darf. Leverkusen ist nach dem zweiten großen Kaderumbruch im Sommer auf einem guten Weg, dieses Selbstverständnis zu erarbeiten. Es wächst etwas zusammen, das war in Posen auch außerhalb des Platzes zu beobachten. Die Mischung aus Lockerheit, Freude am Beruf und nötiger Ernsthaftigkeit scheint zu stimmen.
Am Sonntag kommt der SC Freiburg mit mindestens ebenso großem Selbstvertrauen als Spitzenreiter in die BayArena. Es ist die erste echte Standortbestimmung der jungen Saison. Nach den Misserfolgen der Vorsaison fehlt es noch an Vertrauen in die Beständigkeit der Mannschaft. Ein Sieg, der im Brustton der Überzeugung herausgespielt wird, würde die gefühlte Wahrheit vom durchwachsenen Saisonstart endgültig ins Reich der Fabeln verweisen.
Die Tabelle hat die Mannschaft längst entlastet. Jetzt braucht es die letzte Überzeugungsarbeit auf dem Platz.



