Bayer 04 zeigt derzeit eindrucksvoll, wie schnell sich die Stimmung rund um einen Profiklub drehen kann. Vor zwei Wochen war nach dem Sieg bei OFI Kreta alles wunderbar. Leverkusen lag in der Bundesliga auf Kurs, in der Europa League erst recht.
Und der Vorausblick auf das Derby beim 1. FC Köln rund 14 Tage später fiel eindeutig aus: Es müsse schon mit dem Teufel zugehen, wenn die Werkself das rheinische Duell nicht für sich entscheide. Inzwischen hat der Teufel angeklopft. Vier Pflichtspiele, drei Niederlagen, zehn Gegentore. Den einzigen Sieg, im DFB-Pokal gegen den Zweitligisten Nürnberg, holte Bayer nach einer desolaten Anfangsphase und einem 0:2-Rückstand. Rund um die BayArena stimmt aktuell zu wenig.
Da sind zunächst die Verletzten. Trainer Carles Martínez will sie nicht als Ausrede gelten lassen, führt sie aber gern als Teil der Erklärung an. Das ist nachvollziehbar: Sechs Ausfälle, fünf davon in der Offensive, wirken auf eine Mannschaft, die im Drei-Tages-Rhythmus spielt. Als Befund reicht es nicht. Die verbliebenen Profis können besseren Fußball spielen als beim 0:1 gegen Marseille am Donnerstag.
Unruhe um Tillman und Andrich vs. García
Gefährlicher wird die Lage durch die Unruhe im Kader. Malik Tillman wurde bei seiner Einwechslung gegen Stuttgart von Teilen der Fans deutlich vernehmbar ausgepfiffen und wirkt mental so angeschlagen, dass ein Einsatz im Derby gut abgewogen sein will. Robert Andrich, der im Sommer ausgebootet werden sollte, kritisierte nach dem Marseille-Spiel öffentlich seinen Positionskonkurrenten Aleix García. Wer nach einem Ballverlust einfach stehen bleibe, sagte er, zeige eine Einstellung, die „nie passieren“ dürfe. In der Sache mag Andrich recht haben. Doch ein Führungsspieler, der den Kollegen vor laufender Kamera maßregelt, beschreibt keine Gruppe, die zusammenrückt. Er beschreibt eine, die sich gegenseitig die Schuld zuweist.
Martínez hat das Problem erkannt. Einige Spieler dächten zu sehr an das Negative, sagte er; vor drei Wochen hätten sie sich noch für unschlagbar gehalten. Das ist eine ehrliche Diagnose und zugleich ein Eingeständnis: Der Kopf ist derzeit das größere Problem als die Beine. Köln wird das registrieren. Der FC braucht im Derby keine zusätzliche Motivation. Ein verunsicherter Gegner liefert sie trotzdem.
Für Martínez heißt das: Verliert Bayer in Köln, wartet auf ihn die erste sportliche Krise seiner Amtszeit. Und das in einer Länderspielpause, in der große Teile des Kaders auf Reisen sind und kaum Zeit bleibt, im Training etwas zu korrigieren. Immerhin herrscht im Klub Ruhe. Die Verantwortlichen sind von der Arbeit des Spaniers weiter überzeugt und geben ihm Rückendeckung. Das ist ein Wert, entbindet ihn aber nicht von der Aufgabe, aus einer verunsicherten Elf jene Haltung herauszukitzeln, die ein Derby verlangt. Leidenschaft lässt sich nicht verordnen. Ein Trainer kann sie aber einfordern. Am Sonntag wird sich zeigen, ob Leverkusen sie noch hat.



