Abo

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg im Interview„Wir hinken den Männern immer noch 50 Jahre hinterher“

6 min
Deutschlands Trainerin Martina Voss-Tecklenburg

DFB-Trainerin Martina Voss-Tecklenburg sieht im Frauenfußball noch viel Verbesserungspotenzial.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg über den Frauenfußball, die Bedeutung der WM-Vorrunde und ihren Traumjob.

Seit November 2018 ist Martina Voss-Tecklenburg (55) Fußball-Bundestrainerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft. Die gebürtige Duisburgerin bestritt selbst 125 Länderspiele und gewann vier EM-Titel. Mit der DFB-Auswahl will sie nun in Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August) auch Weltmeisterin werden. Das Team flog am Dienstagabend ab und wird am frühen Donnerstagmorgen in Sydney erwartet.

Frau Voss-Tecklenburg, 1991 waren Sie bei der ersten Frauenfußball-WM in China dabei. Welche Erinnerungen haben Sie noch?

Martina Voss-Tecklenburg: Nach einer EM, die wir 1989 ja gewonnen hatten, war die erste WM der nächste logische Schritt. Und ein Meilenstein mit vielen positiven Erlebnissen. Bei einem Training saßen auf einmal 6000 Chinesen im Stadion, um uns anzufeuern. Wir wussten gar nicht, warum sie da waren, aber es war schön. Übrigens war auch Pelé dabei, der sagte, dass die Nummer sieben bei den Deutschen eine gute Spielerin ist. Das war ich … (lacht)

Nun spielen bei der WM erstmals 32 Nationen mit. Ist der Fußball bei den Frauen schon so weit?

Das weiß ich auch noch nicht so richtig. Die Fifa ist 2019 in Frankreich schon auf 24 Teams hochgegangen. Ich bin selber gespannt, wie jetzt die Ergebnisse in der Gruppenphase sein werden, weil es ein paar Nationen mit sportlichem Nachholbedarf gibt. Es wird sich zeigen, ob dieser Schritt vielleicht zu früh kommt, denn wir hatten einerseits vor vier Jahren schon heftige Resultate mit einem 13:0. (USA gegen Thailand, Anm. d. Red.). Andererseits liegt in einer Teilnahme für jedes Land auch die Chance, eine Entwicklung einzuleiten, um den Frauen- und Mädchenfußball weltweit zu fördern.

Ihre Gruppe mit Marokko, Kolumbien und Südkorea scheint eine Wundertüte zu sein. Haben die holprigen Tests gegen Vietnam (2:1) und Sambia (2:3) gezeigt, dass die WM kein Selbstläufer wird?

Auf uns kommen drei komplett unterschiedliche Mannschaften zu, vor denen ich deshalb warne, weil es keine Gegner sind, die man bei einer WM heutzutage mal eben so besiegt. Marokko ist Neuling, und dann macht er gleich das erste Spiel gegen Deutschland, weshalb er alle Emotionen auf dem Platz lassen wird. Dann haben wir die zweite Partie gegen Kolumbien: Das ist mit ihrer Zweikampfhärte und Mentalität eine richtig gute Mannschaft, die den offenen Schlagabtausch suchen wird. Und dann haben wir noch Südkorea. Ein technisch gutes Team mit Trainer Colin Bell, der den deutschen Fußball mit allen Facetten gut kennt.

Sie beziehen in Wyong ein abgelegenes Quartier rund 90 Kilometer nördlich von Sydney. Machen Sie nicht denselben Fehler wie die Männer bei der WM in Katar? Droht ein Lagerkoller?

Ich weiß nicht, ob die Männer schlechte Erfahrungen gemacht haben, ich habe kein Mäuschen spielen dürfen (lacht). Wir haben ein gutes Umfeld, in dem wir uns wohlfühlen. Fakt ist, dass wir am Tag vor jedem Spiel in einem Transferhotel sind – und damit direkt in Großstädten. Wir haben die Spielerinnen vorher gefragt. Als erste Antwort, was ihnen wichtig ist, kommt immer: Ein kurzer Weg zum Trainingsplatz. Das ist die absolute Priorität. Ich denke, wir haben ein Quartier mit vielen Vorteilen, aber auch einigen Nachteilen. Dieses Team hat doch genau die Stärke, keinen Lagerkoller zu empfinden.

Bei der EM in England spielte das Team ohne Druck groß auf. Nun sprechen Sie selbst vom Titel.

Natürlich macht es etwas mit einem, wenn man mehr zu verlieren hat als zu gewinnen. Vor der EM war es so, dass wir schwer einzuschätzen waren. Bei dieser WM melden acht, neun Nationen berechtigte Ansprüche an, um den Titel zu spielen – und diese Qualität haben wir auch.

Ich bin über den Fußball zu einer Persönlichkeit geworden.
Martina Voss-Tecklenburg

Nach der EM gab es Länderspiele vor 30.000 Zuschauern zur Primetime, Spiele in der Bundesliga vor großer Kulisse. Sehen Sie endlich einen nachhaltigen Effekt?

Ich habe durch das vergangene Jahr erstmals das Gefühl, dass sich alles so zusammenfügt, dass ein stabiles Fundament entstanden ist. Wir haben jetzt große Lizenzklubs, in denen der Frauenfußball teilweise auf einem richtig guten Niveau integriert ist. Dieses Rad wird nicht zurückgedreht. Die Zuschauer kommen gerne zu uns, weil es auch eine andere Atmosphäre ist. Familiär und nah, aber herausragende Leistungen bleiben die Basis. Wenn die Spielerinnen nicht auf dem Platz so gut agiert hätten, wären die Leute nicht gekommen. Aber natürlich haben wir immer noch ganz viele Themen, die nicht selbstverständlich sind. Sonst hätten wir uns nicht so lange über eine TV-Vermarktung einer Frauen-WM unterhalten. Im Männerfußball hätte es diese ungeklärte Situation so lange nicht geben! Daran sehen wir noch das Verbesserungspotenzial. Wir hinken immer noch 50 Jahre hinter dem Männerfußball hinterher.

Woran denken Sie?

Wir haben in kurzer Zeit sehr, sehr viel erreicht, aber wir haben immer noch viel an der Basis zu tun, wenn ich an die Talentgerechtigkeit oder die weitere Professionalisierung denke. Die einen sagen, wir müssen die Liga größer machen, da sage ich aber: Das hilft aktuell noch nicht, weil wir schon genug Mannschaften mit Problemen haben, die entsprechenden Leistungen zu bringen. Wir dürfen das Rad nicht überdrehen.

Sie sind jetzt fünf Jahre Bundestrainerin. Haben Sie Ihren Traumjob gefunden?

Ich bin super stolz, super privilegiert. In dem, was ich am liebsten mache, nämlich Fußball, darf ich so viel erleben. Erst lange als Spielerin, jetzt als Trainerin. Ich weiß genau, was mir dieser Sport gegeben hat. Ich bin über den Fußball zu einer Persönlichkeit geworden. Trotzdem bin ich gut damit gefahren, mir gewisse Dinge offenzulassen, weil sich Lebenssituationen ganz schnell ändern können. Nehmen wir das Worst-Case-Szenario: Wir scheiden im Achtelfinale bei der WM aus, und die Leute machen sich Gedanken, ob Martina wirklich noch die richtige Bundestrainerin ist. Ich bin nicht naiv, dass es nicht auch in eine andere Richtung gehen kann. Oder ich stelle in einigen Jahren fest, dass ich nicht mehr den gleichen Impuls geben kann. Die Dinge nutzen sich vielleicht auch mal ab. Da versuche ich, wachsam zu bleiben.

Männer-Bundestrainer Hansi Flick hat einmal gesagt, der Martina würde er alles zutrauen. Also auch einen Job im Männerfußball. Wäre das was für Sie?

Ich würde mir immer alles anhören, völlig klar. Aber ich kann gar nicht sagen, was kommt denn dann, wenn ich 60 bin. Derzeit stehe ich immer noch am liebsten auf dem Trainingsplatz. Vielleicht will ich bestimmte Dinge irgendwann aber gar nicht mehr. Ich habe auch noch ein Privatleben, das mir wichtig ist.

(RND, Frank Hellmann)