Die Kleinfeld-Liga will als Ergänzung des klassischen Fußballs dienen. Bastian Schweinsteiger erklärt ihre Vorteile.
Kings League in KölnIn Ossendorf wird der Deutsche Meister gesucht

Die Kings League trägt ihre Spiele in den MMC-Studios in Ossendorf aus.
Copyright: Maximilian Koch/Quality Sport Images/Kings League
Es war ein unscheinbarer Moment in Barcelona, der den Anstoß zur Gründung einer neuen Fußballliga gab. Gerard Piqué – Weltmeister, Champions-League-Sieger, Barça-Legende – verlässt mit dem spanischen Content Creator Ibai Llanos (Fast 16 Millionen Abonnenten auf Youtube, Anm. d. Red.) ein Restaurant. Eine Gruppe Jugendlicher nähert sich. Piqué rechnet mit dem Üblichen: Selfies, Autogramme. Doch die Gruppe läuft an ihm vorbei – direkt zu Ibai. So erzählt es Djamel Agaoua, Geschäftsführer der Kings League, im Gespräch mit dieser Zeitung.
Kings League findet in Köln statt
Kurz zuvor hatte Piqué zu Hause eine ähnliche Erfahrung gemacht. Er ist eine Barça-Legende, Fußball gehört zur Familienreligion – und trotzdem konnten seine Kinder kaum zehn Minuten während eines Spiels ruhig sitzen bleiben. Zwei Beobachtungen, eine Frage: Was müsste Fußball sein, damit die nächste Generation hinschaut?
Piqué begann, mit Ibai Inhalte zu produzieren. Zunächst absurd Einfaches: eine Luftballon-WM in einer Wohnung, bei der zwei Leute einen Ballon über Möbel hinweg in der Luft halten mussten. Die Zuschauerzahlen auf den Videoplattformen Twitch und Youtube waren enorm. „Was passiert, wenn man die Nummer-eins-Sportart der Welt mit der Creator-Community verbindet?“, fragt Agaoua. „Die Antwort heißt Kings League.“

Djamel Agaoua, Geschäftsführer der Kings League
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Das im November 2022 angekündigte Format existiert seit Januar 2023 und ist mittlerweile in sieben Regionen aktiv: Spanien, Italien, Mittlerer Osten/Nordafrika, Brasilien, Mexiko, Frankreich und Deutschland. Das deutsche Final-Four-Turnier findet am Sonntag in der CUPRA-Arena in den MMC-Studios in Köln-Ossendorf statt.
Doch mit dem Fußball, den man kennt, hat es nur bedingt zu tun. Gespielt wird sieben gegen sieben, auf einem Feld halb so groß wie das übliche, in zwei Halbzeiten zu je 20 Minuten. Eine neue Abseitsregel, Tore zählen je nach Spielphase unterschiedlich. Hinzu kommen Sonderregeln: Jede Mannschaft darf eine sogenannte „Secret Card“ einsetzen – einen vorab per Zufall gezogenen Vorteil. Das kann ein Elfmeter auf Knopfdruck sein, ein zusätzlicher Feldspieler für begrenzte Zeit oder die Regel, dass das nächste Tor doppelt zählt.
Neymar und Yamal sind Botschafter
Die Kader setzen sich aus Amateurspielern und Ex-Profis zusammen. In der deutschen Liga, Austragungsort Köln, spielen etwa Christian Clemens, Moritz Leitner oder Danny Blum. Die Teamleiter verbinden Fußballprominenz mit digitaler Popkultur: Neben WM-Finaltorschütze Mario Götze und dem früheren Bayern-Sportdirektor Hasan Salihamidžić stehen auf Creator-Seite mit Papaplatte und Trymacs zwei der meistgefolgten Streamer Deutschlands, der Tiktok-Star Younes oder der Webvideoproduzent und Musiker Filow.
International setzt die Liga auf ähnliche Mischung: Sergio Agüero, Iker Casillas, Neymar, Lamine Yamal, Luca Toni – die Teilnehmerliste liest sich wie ein Best of des vergangenen Fußballjahrzehnts. Ligapräsident in Deutschland ist Bastian Schweinsteiger. Wer mitspielen will – ob Straßenkicker, Amateurspieler oder Ex-Profi –, kann sich über öffentliche Tryouts bewerben. Die Besten werden in einen Pool aufgenommen, aus dem die Teamleiter ihre Kader dann in einem Draft-Verfahren zusammenstellen.
Die Zahlen können sich sehen lassen. Im Jahr 2025 generierte die Kings League 150 Millionen gestreamte Stunden und mehr als 13 Milliarden Impressionen auf den offiziellen Kanälen. Nach NFL und NBA war sie die Sportliga mit den drittmeisten Videoaufrufen auf Tiktok weltweit. Die Spiele laufen auf Twitch, YouTube, Tiktok und X – kostenlos, jederzeit abrufbar.
„Wir unterscheiden uns grundlegend vom traditionellen Sport, der seine Rechte teuer verkauft“, sagt Agaoua. Das Ziel: in drei bis fünf Jahren rund 30 Länder zu erreichen. Das Konstrukt ruht auf einem Fundament, das die Liga selbst als Stärke begreift: die Abhängigkeit von Influencern und Plattformen. Die Auswahl der Creator läuft intern aufwendig ab.

Content-Creator Mert tritt im Anzug zum Elfmeter an.
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„Wir nutzen künstliche Intelligenz für ein erstes Screening – Reichweite, Inhaltsvolumen, Profil, Entwicklung“, erklärt Agaoua. Wichtiger als Zahlen sei aber die Haltung: „Für uns sind die Content Creator keine bezahlten Darsteller, sondern Mitgründer des Produkts.“ Die Plattform-Abhängigkeit räumt er ein: „Wir sind abhängig – bewusst. Wenn eine Plattform an Bedeutung verliert, spüren wir das. Aber meistens entsteht gleichzeitig woanders Wachstum.“
Bastian Schweinsteiger ist Präsident
Und dann ist da Deutschland. Ein Land, in dem Vereinsbindung über Generationen vererbt wird, Fußballtradition einen hohen Stellenwert hat und 90 Minuten als natürliche Einheit des Spiels gelten. Wer damit aufgewachsen ist, dem erscheint ein Joker-Elfmeter auf Knopfdruck wie ein Eingriff in etwas Unveränderbares. Schweinsteiger kennt den Einwand und erklärt im Gespräch mit dieser Zeitung: „Am Anfang ist in Deutschland immer Skepsis da, vielleicht etwas mehr als in anderen Ländern. Aber sobald die Leute das Spiel sehen, merken sie: Da steckt Qualität und Emotion drin. Ich sehe den deutschen Markt nicht als Hürde, sondern als Chance, etwas Nachhaltiges aufzubauen.“
Die häufigste Kritik – die Kings League sei kein richtiger Fußball – weisen beide zurück. „Schaut selbst mal rein und gebt dann eine Einschätzung. Viele beurteilen das aus der Ferne, haben es noch nie live gesehen“, sagt Schweinsteiger. Agaoua geht weiter: „Die Kritiker haben recht. Wir sind kein traditioneller Fußball, und das werden wir auch nie sein.“
Was die Kings League stattdessen sein will: Ein ergänzendes Format, das sowohl bestehende Fußballfans anspricht als auch neue Zielgruppen – insbesondere aus der Gaming- und Streaming-Community, die zuvor wenig Berührungspunkte mit dem Sport hatten. „Rund die Hälfte unserer Zuschauer sind keine Fußballfans im klassischen Sinne. Die kommen aus der Gaming-Kultur, weil unser Format aussieht wie ein Videospiel. Wer über uns zum Fußball kommt, schaut vielleicht irgendwann auch Real Madrid“, berichtet der Geschäftsführer.

Bastian Schweinsteiger (l.) ist Ligapräsident der Kings League in Deutschland.
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Dass ähnliche Formate gescheitert sind, registriert Agaoua ohne Aufregung. Die Baller League, das deutsche Pendant, wurde im Januar aufgelöst, weil sich das Hallenformat nicht mehr rechnete. „Eine gute Idee ist so gut wie nichts wert. Was zählt, ist die Ausführung. Wir haben nicht nur Sieben-gegen-Sieben-Fußball erfunden. Wir haben ein Produkt gestaltet, eine Art zu filmen entwickelt, eine Community aufgebaut.“
Oberbürgermeister zu Gast beim Finale
Schweinsteiger schätzt vor allem die Dramaturgie: „Die Spiele können sich brutal schnell drehen. Diese Intensität auf so einem kleinen Raum, die vielen Eins-gegen-eins-Situationen – das passt zu einem modernen Spielertyp.“ Und: ein Sprungbrett. „Spieler, die sich auf engem Raum durchsetzen, können sich hier für Vereine im Ligabetrieb empfehlen“, sagt der Weltmeister von 2014.
Agaoua fasst es zusammen: „Unser eigentliches Produkt ist nicht Fußball. Es ist die Fähigkeit, Sport und Videospielkultur zu verbinden und daraus emotionale Erlebnisse für eine junge Generation zu schaffen.“ In zehn Jahren, glaubt er, könnte die Kings League in 50 Ländern aktiv sein. Dabei betont er, dass die Kings League neben dem „traditionellen Fußball“ bestehen wird, anstatt ihn zu ersetzen: „Wir sind nicht die Zukunft des Fußballs. Wir sind ein Einstiegskanal für junge Menschen, die dann vielleicht den Weg zu Real Madrid oder Bayern finden. Und genau das ist gut so.“
Unter den Augen von Ligapräsident Schweinsteiger und Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester wird am Sonntag in Ossendorf aus den vier Halbfinalisten (Tiki Tacker Fußball Freunde, Youniors F.C., No Rules FC und G2 FC) der deutsche Kings-League-Meister ermittelt.