Knapp dreieinhalb Monate ist es her, dass über den Abstieg des SC West Köln in die Fußball-Kreisliga B ohne sportliche Beteiligung des Ehrenfelder Vereins entschieden wurde: im umstrittenen Wiederholungsspiel zwischen dem FC Pesch II und Olympia Köln (4:2).
Am letzten Spieltag der Kreisliga A hatte ein 19 Jahre alter Schiedsrichter die Partie zwischen Pesch II und Olympia beim Stand von 4:3 für Olympia kurz vor Schluss abgebrochen. Er fühlte sich von einem Pescher Spieler bedroht. Zunächst wurde das Spiel 2:0 für Olympia gewertet und der Spieler für sechs Partien gesperrt – Pesch wäre abgestiegen, der SC West hätte die Klasse gehalten.
Das Bezirkssportgericht kassierte das Urteil jedoch: Der Schiedsrichter habe nicht alle Mittel zur Fortsetzung der Partie ausgeschöpft. Die Wiederholung fand im Juli und damit in der neuen Spielzeit statt. Pesch trat mit seiner Landesliga-Mannschaft an und gewann 4:2. Der SC West rutschte auf einen Abstiegsplatz. Alle Anträge gegen die Wertung des Wiederholungsspiels oder auf Aufstockung der Kreisliga A wurden abgeschmettert. Im Interview äußert sich Kurt Nürnberg (73), Präsident des Traditionsvereins, zu den Auswirkungen.
Herr Nürnberg, welche Folgen hatte der Abstieg im Sommer für den SC West?
Die Folgen sind schon erheblich. Wir haben jetzt zwei Kreisliga-B-Mannschaften. Wir hatten keine Planungssicherheit im Sommer. Deshalb sind natürlich die Jungs aus der Kreisliga A irgendwo anders hingegangen. Dann mussten wir eine neue Mannschaft zusammensetzen. Das haben wir auch geschafft, aber alles auf den letzten Drücker.
Die zweite Mannschaft steht sportlich momentan sogar besser da als die erste.
Das ist nicht leicht zu organisieren. Eigentlich ist die Reserve ja der Grundstock für die erste Mannschaft – aber jetzt sind sie auf einer Ebene und fühlen sich teilweise nicht gerecht behandelt. Für die erste Mannschaft gibt es eine Siegprämie, für die zweite nicht. Die Zweite spielt in der rechtsrheinischen Staffel. Die Jungs bekommen also keine Siegprämie und müssen auch noch längere Strecken fahren. Das ist schon manchmal chaotisch. Da muss man sehr auf den Umgang mit den Jungs achten. Und was passiert, wenn die zweite Mannschaft aufsteigt? Wird es dann die erste? Das ist alles ein Rattenschwanz dieses Abstiegs.
Wie stehen Sie seit dem Abstieg zum Fußballkreis Köln und zum FVM?
Für mich geht es hauptsächlich um die Themen Gerechtigkeit und Anstand. Das habe ich auch vor einigen Wochen auf einer Verbandstagung gesagt: Muss eine Entscheidung immer „gerecht“ sein – oder reicht es manchmal nicht, wenn wir sie für richtig, vernünftig und anständig halten? Im Amateurfußball gibt es unzählige Paragraphen und Vorschriften. Sie sind notwendig. Sie sollen Ordnung schaffen und gleiche Voraussetzungen gewährleisten. Aber Paragraphen können nicht jede Lebenssituation vorhersehen. Wenn zum Beispiel ein Entscheidungsspiel sechs Wochen nach dem eigentlichen Saisonende ausgetragen wird, haben sich die Voraussetzungen möglicherweise grundlegend verändert. Spieler sind gegangen, neue Spieler sind gekommen, Verletzungen und andere Umstände haben Mannschaften verändert. Dann stellt sich doch die Frage: Ist das noch derselbe sportliche Wettbewerb – und haben beide Mannschaften tatsächlich noch die gleichen Voraussetzungen? Es genügt aus meiner Sicht nicht zu fragen, was der Paragraph erlaubt. Sondern, was unter den Umständen fair und verantwortbar ist. Denn Paragraphen geben uns den Rahmen. Den Anstand in Ihrer Bewertung müssen die Verantwortlichen aufbringen.
Wie waren die Reaktionen?
Die Vereinsvertreter haben applaudiert und mir auf die Schulter geklopft. Von Verbandsseite habe ich hingegen viel Ignoranz vernommen – da wurde dieser ganze Vorgang aus dem Sommer noch einmal verteidigt. Das war schon sensationell, diese fehlende Einsicht. Das sind Funktionäre, die es teilweise schon seit Jahrzehnten machen und nichts verändern wollen. Die kleben an ihren Posten. Natürlich ist mir klar, dass es keine dankbaren Jobs sind – trotzdem kann man sie besser erfüllen. Weshalb wir sie ja auch damals zum Rücktritt aufgefordert haben.
Hat Ihr Konfrontationskurs mit den Verbänden Auswirkungen auf den Klub?
Ich habe schon das Gefühl, dass man uns als SC West auf dem Kieker hat.
Beim Blick auf die Kölner Kreisliga A fällt auf: Der FC Pesch II ist abgeschlagenes Tabellenschlusslicht. Was macht das mit Ihnen?
Natürlich ärgere ich mich. Wäre Pesch mit dieser Truppe im Wiederholungsspiel gegen Olympia angetreten, wären sie abgestiegen – und nicht wir. Das ist absolut unfair und hat etwas mit Anstand zu tun. Aber die Paragraphen haben es zugelassen. Auch, dass der Trainer der ersten Mannschaft an der Seitenlinie stand und im Interview mit Ihnen etwas von einem „Testspiel mit Fokus auf das Ergebnis“ erzählt hat. Für uns ging es um alles.
Gab es noch einmal Kontakt mit dem FC Pesch?
Das will ich gar nicht. Ich bin einfach enttäuscht. Ich habe hier auch ganz andere Baustellen beim SC West.
Haben Sie die Hoffnung, dass die Verbände am Regelwerk schrauben, damit sich die „Causa SC West“ nicht wiederholt?
Gute Frage. Nach meinem Vortrag gab es schon ein paar Stimmen, die gesagt haben, dass es zeitnah auf die Tagesordnung kommt. Ich glaube, dass es nur Blabla ist. Wenn sie wirklich etwas ändern und ich mich irre, freue ich mich natürlich. Uns bringt es leider nichts mehr.




