Annika Ingenpaß„Wir wollen bei Bayer Leverkusen ein stabiler Zweitligist sein“

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22.12.2024, Handball-Bayer-Neckarsulm

mitte: Annika Ingenpaß (Bayer)

Foto: Uli Herhaus

Annika Ingenpaß (Mitte) ist bei den Handballerinnen von Bayer Leverkusen als Spielerin und Sportlche Leiterin aktiv. 

Die Spielerin und Sportliche Leiterin der Elfen spricht im Interview über Herausforderungen und Ziele.

Frau Ingenpaß, seit einem Jahr Sind Sie Spielerin und Sportliche Leiterin bei den Handballerinnen von Bayer Leverkusen. Wenn Sie auf diese zwölf Monate zurückblicken: Was hat Sie in der Doppelrolle am meisten überrascht?

Annika Ingenpaß: Überrascht hat mich in der Rolle der Sportlichen Leiterin relativ wenig. Mir war von Anfang an bewusst, dass nach dem Abstieg aus der Ersten Liga – nach mehr als 50 Jahren – eine sehr herausfordernde Phase auf uns wartet. Die Komplexität der Aufgabe war mir klar, genauso wie die Tatsache, dass in einem solchen Jahr extrem viel passiert und viele Entscheidungen getroffen werden müssen. Was mich als Spielerin weiterhin überrascht, ist die enorme Unberechenbarkeit der Zweiten Liga. Es kann wirklich fast jeder jeden schlagen, und es gibt immer wieder überraschende Ergebnisse. Dieses Maß an Ausgeglichenheit habe ich in meinen 13 Jahren in der Ersten Liga so nicht erlebt.

Wie schwierig ist es, gleichzeitig Mitspielerin und Entscheiderin zu sein?

Natürlich bin ich als Spielerin jeden Tag extrem nah an der Mannschaft – im Training, in der Kabine und auch rund um die Spiele. Dadurch bekommt man viele Dinge sehr direkt mit, die man in einer reinen Leitungsfunktion vielleicht anders wahrnehmen würde. Gleichzeitig ist es manchmal eine Herausforderung, zwischen der Rolle als Mitspielerin und der Rolle als Sportlicher Leiterin zu unterscheiden. In bestimmten Situationen muss man Entscheidungen treffen oder Themen ansprechen, die Teamkolleginnen betreffen. Das verlangt Klarheit in der Kommunikation.

Welche Entscheidung aus Ihrem ersten Jahr als Sportliche Leiterin würden Sie heute anders treffen?

Ich glaube, jede Erfahrung bringt einen persönlich weiter – auch die, bei denen man im Nachhinein vielleicht Dinge anders machen würde. Ich bin noch relativ jung und übernehme diese Verantwortung zum ersten Mal. Natürlich habe ich in diesem Jahr nicht alles perfekt und sicherlich auch Fehler gemacht. Wichtig ist für mich, Dinge zu reflektieren, daraus zu lernen und sie in Zukunft besser zu machen.

Für mich steht grundsätzlich weniger das Geschlecht im Vordergrund, sondern vielmehr die fachliche Qualität, die Persönlichkeit und die Philosophie einer Trainerin oder eines Trainers
Annika Ingenpaß über das Trainerprofil

War es richtig, nach dem Abstieg zunächst an Michael Biegler als Trainer festzuhalten?

Aus unserer Sicht ja. Michael Biegler ist ein äußerst erfahrener Trainer, der im deutschen Handball seit vielen Jahren sehr hohe Anerkennung genießt. Er hat eine hohe Kompetenz, viel internationale Erfahrung und kennt unseren Verein sowie die Strukturen bei Bayer 04 Leverkusen sehr gut. Gerade nach dem Abstieg aus der Bundesliga war uns wichtig, in einer schwierigen Phase Stabilität und Kontinuität zu bewahren.

Der Verein hat Biegler im Oktober ohne Angabe von Gründen freigestellt und bis heute nichts darüber verlauten lassen. Wissen Sie mehr?

Wir haben die Freistellung bestätigt, aber uns bewusst dazu entschieden, die Hintergründe nicht öffentlich zu kommentieren. Es gab interne Gespräche, und wir wollten die Situation respektvoll und einvernehmlich mit Herrn Biegler klären. Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal für die Arbeit von Michael und das, was er für den TSV alles geleistet hat, bedanken.

Mit Sybille Gruner als Interimstrainerin kamen die ersten Erfolgserlebnisse in dieser Saison. Wie bewerten Sie die Entwicklung der Mannschaft unter ihr?

Mit ihr haben wir in der Trainingsstruktur ein paar Anpassungen vorgenommen. Zusätzlich haben wir einen Athletiktrainer eingestellt, der zweimal pro Woche Einheiten mit der Mannschaft übernimmt. Das hat uns in der täglichen Arbeit noch einmal neue Impulse gegeben. Grundsätzlich bringt jeder Trainer seine eigene Philosophie und Herangehensweise mit – und das ist auch gut so. Unterschiedliche Perspektiven können einer Mannschaft immer weiterhelfen. Gleichzeitig möchte ich mich ausdrücklich bei Bobby (Gruners Spitzname, Anm. d. Red.) bedanken, dass sie in dieser Phase eingesprungen ist. Mit einem 40-Stunden-Job nebenbei ist das absolut nicht selbstverständlich, und dafür verdienen sie und ihr Engagement großen Respekt.

Mit Franziska Garcia haben Sie sich wieder für eine Frau auf dieser Position entschieden. Welche Unterschiede gibt es, von einer Frau oder einem Mann trainiert zu werden?

Für mich steht grundsätzlich weniger das Geschlecht im Vordergrund, sondern vielmehr die fachliche Qualität, die Persönlichkeit und die Philosophie einer Trainerin oder eines Trainers. Jeder bringt seine eigene Herangehensweise, Kommunikation und Ideen mit – unabhängig davon, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Entscheidend ist für uns, dass die Person zur Mannschaft, zum Verein und zu unserer Philosophie passt. Genau das sehen wir bei unserer neuen Trainerin Franziska Garcia. Franzi war selber als Spielerin bei uns und kennt unsere Elfen-DNA. Sie setzt sich unheimlich für die Entwicklung junger Spielerinnen ein und fungiert zusätzlich als Jugendkoordinatorin. Das Gesamtpaket stimmt hier einfach.

Ich habe eine tiefe Verbundenheit zu diesem Traditionsverein. Schon als kleines Kind bin ich mit meinem Vater in die Ostermann-Arena gefahren und es war für mich immer eine Ehre, das Bayer-Kreuz zu tragen
Annika Ingenpaß über ihre Identifikation mit den Elfen

Mit welcher Perspektive konnten Sie Franziska Garcia überzeugen?

Wir konnten sie vor allem mit den sehr guten strukturellen Voraussetzungen und den professionellen Rahmenbedingungen hier in Leverkusen überzeugen. Der Verein bietet optimale Bedingungen, um leistungsorientiert zu arbeiten und gleichzeitig nachhaltig zu entwickeln. Ein wichtiger Punkt war außerdem, dass ihre Philosophie stark auf Nachwuchsarbeit und Entwicklung ausgerichtet ist. Das passt perfekt zu unserem Konzept der Nachwuchsförderung, das ein zentraler Bestandteil der Arbeit in Leverkusen ist. Entscheidend war letztlich auch die gemeinsame Perspektive: Wir wollen langfristig zusammenarbeiten, Vertrauen aufbauen und diesen Weg gemeinsam gehen.

Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen Kabine und Büro?

Ich habe eine tiefe Verbundenheit zu diesem Traditionsverein. Schon als kleines Kind bin ich mit meinem Vater in die Ostermann-Arena gefahren, und es war für mich immer eine Ehre, das Bayer-Kreuz zu tragen. Ich mache meine Arbeit wirklich gerne, liebe den Handball und kann meine Rollen gut miteinander verbinden. Das große Vertrauen, das mir vom Verein entgegengebracht wird, bestärkt mich zusätzlich.

Wie lange können Sie sich eine Doppelrolle noch vorstellen?

Handball macht mir nach wie vor wahnsinnig viel Spaß, und ich hatte das große Privileg, nie schwer verletzt gewesen zu sein. Gleichzeitig ist mir aber auch mein beruflicher Weg sehr wichtig. Deshalb prüfen wir gerade gemeinsam, wie meine Zukunft langfristig aussehen wird.

Der Frauenhandball steht wirtschaftlich und strukturell vor vielen Herausforderungen. Wo sehen Sie die größten Baustellen?

Das betrifft viele Vereine gleichermaßen. Auch bei uns geht es darum, sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln und die vorhandenen Strukturen kontinuierlich zu stärken. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass wir in unserer Region mit Vereinen wie Solingen-Gräfrath oder dem Bergischen HC starke direkte Konkurrenz haben. Deshalb ist es für uns umso wichtiger, unser Profil weiter zu schärfen und die Stärken des Standorts auszubauen.

Ist der Standort Leverkusen finanziell gesichert, selbst wenn es zu einem weiteren Abstieg käme?

Ja, auch, wenn der Abstieg eintreten sollte, ist der Standort Leverkusen finanziell gesichert. Im Falle eines Abstiegs lautet unsere Mission jedoch klar: direkter Wiederaufstieg. Der Verein verfolgt weiterhin das Ziel, leistungsorientierten Handball auf höchstem Niveau zu spielen.

Wie intensiv verfolgen Sie die Ergebnisse in der Dritten Liga? Je nach Abschneiden von Leihgestern und Bad Wildungen hätte Bayer unabhängig der Platzierung den Klassenerhalt sicher.

Natürlich behalte ich auch die Ergebnisse in der Dritten Liga im Blick, da sie eine Rolle für unsere Situation spielen könnten. Trotzdem sollte man sich nicht allein auf diese Konstellation verlassen. Unser eigener sportlicher Anspruch bleibt klar: Wir wollen keinesfalls auf einem Abstiegsplatz landen.

Was sind Ihre kurz- und mittelfristigen Ziele mit Bayer?

Kurzfristig ist es unser Ziel, mit den Personalien, die wir für die kommende Saison haben, eine konstante Basis zu bilden – sowohl bei den Elfen als auch bei den Juniorelfen. Langfristig streben wir an, ein stabiler Zweitligist zu sein und auch in der A-Jugend möchten wir wieder zu den Spitzenteams aufschließen.