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Digitales HilfsportalFür Kinder, deren Zuhause zur Gefahr wird

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Ein Junge versucht sich vor den Schlägen seines Vaters zu schützen.

Kinder sucht- oder psychisch kranker Eltern sind nicht selten auch von Gewalt betroffen.

Bundesweite Kampagne der Drogenhilfe Köln klärt über die Situation von Kindern suchtkranker Eltern und über Hilfsangebote auf.

Trigger-Warnung: Der folgende Text thematisiert häusliche und sexuelle Gewalt und kann auf manche Menschen belastend oder retraumatisierend wirken.

Wenn Eltern ein schweres Suchtproblem haben, psychisch krank oder gewalttätig sind, leiden vor allem die Kinder darunter. Rund 3,8 Millionen junge Menschen sind in Deutschland im Laufe eines Jahres mit einer psychischen oder Suchterkrankung eines Elternteils konfrontiert, das bedeutet: rund jedes fünfte Kind ist betroffen. Für viele von ihnen kann das langfristige Folgen für die eigene psychische Gesundheit – und auch für den Bildungserfolg – haben.

Diesen Kindern steht in Köln seit mehr als 20 Jahren das, von Beginn an von „wir helfen“ geförderte, digitale Hilfsprojekt „KidKit“ der Drogenhilfe Köln zur Seite. Über eine Online-Beratung können sich Kinder und Jugendliche anonym und kostenlos Hilfe holen. „Ich heiße Franka und berate dich gerne zu den Themen Sucht, Gewalt und psychische Belastungen in deiner Familie. Mir ist es wichtig, dass du dich in der Beratung sicher und wohl fühlst“, heißt es zu Beginn des Chats auf der Webseite von „KidKit“.

Anonymität hilft betroffenen rund 3,8 Millionen Kindern und Jugendlichen

„Der Kontakt ist anonym und das ist auch sehr wichtig, sonst würden sie sich niemals melden. Nur ganz wenige der betroffenen Kinder suchen eine Beratungsstelle auf. Die Aussagen sind zum Teil erschreckend – das Spektrum reicht von zu Hause ist es richtig schlimm! oder Ich habe keine Kraft mehr bis hin zu Am liebsten wäre ich einfach tot!“, sagt Anna Buning, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Leiterin von KidKit.

Bestsellerautor Frank Schätzing, Anna Buning (Leiterin der Onlineberatung Kidkit) und Tanja Ruppert, Sozialarbeiterin bei NACOA Deutschland e.V., präsentieren die neue Plakataktion am Kölner Neumarkt.

Bestsellerautor Frank Schätzing, Anna Buning (Leiterin der Onlineberatung Kidkit) und Tanja Ruppert, Sozialarbeiterin bei NACOA Deutschland e.V., präsentieren die neue Plakataktion am Kölner Neumarkt.

In den Monaten Juli und August waren bundesweit großformatige Plakate mit dem Slogan „Schreiben statt Schweigen“ an ÖPNV-Haltestellen und anderen zentralen Orten zu sehen. Die Kampagne unter der Schirmherrschaft von Bundesfamilienministerin Karin Prien sollte auf das Online-Beratungsangebot von „KidKit“ und NACOA Deutschland e.V. im Verbundprojekt „Hilfen im Netz“ aufmerksam machen. Der gemeinnützige Verein NACOA versteht sich als Interessenvertretung von Kindern, die in Familien mit Alkohol-, Drogen- oder anderen Suchterkrankungen aufwachsen.

162 Prozent mehr Hilfegesuche junger, betroffener Menschen

Die Kampagne zeigte Wirkung: Im Vergleich zu den Vormonaten stieg die Zahl der Hilfeanfragen in der Online-Beratung um 162 Prozent. Besonders erschreckend: 56 Prozent der Anfragen bezogen sich auf häusliche oder sexualisierte Gewalt. Darunter waren viele Fälle, bei denen eine massive Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde und eine Inobhutnahme eingeleitet werden musste, um die betroffenen Kinder vor weiterer Gewalt zu schützen. „Diese Zahlen machen deutlich, dass solche Kampagnen keine Seifenblasen sind. So erfahren die betroffenen Kinder, dass es diese Hilfe gibt“, sagt Buning.

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Die Beratung beginnt meist vorsichtig. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter chatten anonym und behutsam mit den Kindern. So soll Vertrauen entstehen und das „Eis“ gebrochen werden. In einem Chat schrieb ein Kind: „Mein Stiefvater macht Sachen mit mir, die wehtun.“ Die Beraterin fragte nach: „Ja, was macht er denn mit dir?“ Die Antwort:„Der steckt mir Sachen in den Po.“ Die Beraterin: „Ich helfe Dir. Du musst sofort die Polizei anrufen!“ Das Kind: „Was soll ich denn da sagen?“ ...

Sofort einschreiten, wenn das Kindeswohl gefährdet ist

„In solchen Situationen endet die Anonymität der Beratung. Es geht darum, das Kind schnellstmöglich zu schützen. Wir bauen eine Vertrauensbasis auf und schreiten sofort ein, wenn es notwendig ist“, erklärt Tanja Ruppert, Leiterin der Online-Beratung bei NACOA in Berlin. In einem anderen Chat berichtete ein 12 -jähriges Mädchen, dass ihre Eltern Nacktfotos von ihr machen und diese verkaufen, um damit ihren Drogenkonsum zu finanzieren, oder dass fremde Männer nach Hause kamen und das Kind dort gegen Geld missbrauchten.

Markus Wirtz ist Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln

Diese niedrigschwelligen Hilfsangebote sind für manche Kinder der erste Schritt aus einer schwierigen Situation. Mit einem kurzen Chat, einer einzigen Nachricht, bekommen sie schnell das gute Gefühl: Ich bin nicht mehr allein. Da ist jemand, dem ich meine Fragen stellen kann und der mir zuhört
Markus Wirtz, Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln

„Das Zusammenspiel mit den zuständigen Behörden funktioniert gut. Innerhalb von wenigen Minuten waren Polizei und Jugendamt vor Ort. Letztendlich wurden bei einer Inobhutnahme weitere fünf Kinder in benachbarten Familien entdeckt, denen es ebenfalls sehr schlecht ging“, sagt Ruppert.

Du bist nicht allein! Öffentliche Aufmerkamkeit kann viel bewirken

Die Kampagne „Schreiben statt Schweigen“ hat gezeigt, dass öffentliche Aufmerksamkeit viel bewirken kann. „Ich würde mir wünschen, dass diese Plakate ganzjährig zu sehen wären und damit die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum präsent ist. Leider ist das eine Finanzierungsfrage. Es ist zu teuer“, sagt Buning. „Diese niedrigschwelligen Hilfsangebote sind für manche Kinder der erste Schritt aus einer schwierigen Situation. Mit einem kurzen Chat, einer einzigen Nachricht, bekommen sie schnell das gute Gefühl: Ich bin nicht mehr allein. Da ist jemand, dem ich meine Fragen stellen kann und der mir zuhört“, sagt Markus Wirtz, Geschäftsführer der Drogenhilfe Köln.


5 Fragen an Schirmherr und Botschafter Frank Schätzing

Bestsellerautor und Botschafter der Plakatkampagne Frank Schätzing

Herr Schätzing, warum engagieren Sie sich seit Jahren für KidKit?

Frank Schätzing: Ich glaube, wir machen uns oft keine Vorstellung davon, wie schwer es Kinder haben, die in Familien mit Sucht, Gewalt oder psychischen Erkrankungen aufwachsen. Es ist unsere Pflicht, ihnen die Hand zu reichen. KidKit schafft genau das – anonym, niedrigschwellig und ohne Scham.

3,8 Millionen Kinder in Deutschland sind betroffen. Was löst diese Zahl bei Ihnen aus?

Diese Zahl ist erschreckend. Fast vier Millionen Kinder, die Angst haben, geschlagen oder sexuell missbraucht zu werden, sich aus Scham zurückziehen oder sogar Verantwortung für ihre kranken Eltern übernehmen. Man muss sich diese Dimension einmal bewusst machen – das ist viermal Köln.

Sie sind auch das Gesicht der bundesweiten Kampagne „Schreiben statt Schweigen“. Die wenigsten Kinder werden ein Buch von Ihnen gelesen haben.

Diese Kinder müssen mich nicht kennen, sie haben andere Sorgen. Ich möchte die Menschen erreichen, die helfen können. Jemand wie ich kann seine Prominenz in die Waagschale werfen und sagen: Euch geht es gut – helft mit, spendet.

Was kann Schreiben für ein Kind bewirken, das sich sonst niemandem anvertraut?

Gerade wenn Scham und Angst groß sind, kann es leichter sein, Gedanken zunächst aufzuschreiben. Man findet Worte für das, was einen belastet – und kann sich dadurch vielleicht zum ersten Mal öffnen. Die Kinder wissen, dass sie anonym bleiben können. Das senkt die Hemmschwelle enorm. Aus dem Schweigen kann so ein erster Kontakt entstehen und daraus echte Hilfe.

Was möchten Sie Kindern sagen, die gerade selbst in einer solchen Situation leben?

Ihr müsst euch nicht schämen. Es ist nicht eure Schuld. Holt euch professionelle Hilfe!