Kölner JugendpsychiaterSo steht es um die psychische Gesundheit unserer Jugend

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Ein Mädchen sitzt auf einem roten Stuhl unter dunklen Wolken.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die wegen psychischer Probleme Hilfe suchen, hat sich in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt.

Ein Gespräch mit dem Kölner Kinder- und Jugendpsychiater Stephan Bender über die mentale Gesundheit junger Menschen nach der Pandemie und mögliche Hilfen.

Professor Bender, wie steht es um die mentale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in Köln?

Leider ist die Situation in Köln ähnlich dramatisch wie in ganz Deutschland. Psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen gab es auch vor der Pandemie, aber in den vergangenen zwei Jahren hat sich auch die Zahl der Erkrankten, die Hilfe suchen, deutlich erhöht, in bestimmten Bereichen sogar verdoppelt. Die Pandemie hat wie ein negativer Katalysator gewirkt: soziale Isolation, keine feste Tagesstruktur, erschwerte Lernsituationen, alles das scheint die Fässer, die schon vorher voll waren, zum Überlaufen gebracht zu haben.

Die pandemiebedingten Ein- und Beschränkungen sind Vergangenheit, bedeutet das auch einen Rückgang der psychischen Probleme?

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Stimmt, der Lockdown ist schon lange zu Ende, auch das Homeschooling, aber trotzdem bleiben die Patientenzahlen auf einem unverändert hohen Level. Das ist aus medizinischer Sicht alarmierend. Die Ampel steht nicht auf Dunkelorange, sondern tatsächlich auf Rot.

Auch nach der Pandemie bleiben die Patientenzahlen auf einem unverändert hohen Level. Das ist aus medizinischer Sicht alarmierend. Die Ampel steht nicht auf Dunkelorange, sondern tatsächlich auf Rot.
Professor Dr. Stephan Bender, Uniklinik Köln

Wie genau äußern sich diese psychischen Probleme?

Die Kinder und Jugendlichen haben keine Freude am Leben, sie sind depressiv, leiden unter Stimmungsschwankungen, haben Angst in der Schule und zwar nicht nur vor Leistung, sondern auch vor Mobbing. Ein sehr kritischer Bereich sind schwere Essstörungen. Da sind die Zahlen geradezu explodiert und haben sich mehr als verdoppelt.

Welche Kinder und Jugendlichen sind besonders gefährdet?

Betroffen sind vor allem Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren, wobei emotionale Störungen wie Ängste, Depressionen und Essstörungen bei Mädchen häufiger auftreten als bei Jungen. Wenn es den Jungen nicht so gut geht, brechen sie die sozialen Regeln und hauen dem anderen beispielsweise eher auf die Nase. Prinzipiell sind diese psychischen Störungen in allen gesellschaftlichen Schichten zu finden, aber bei beengten Wohnverhältnissen, in denen nicht jedes Kind sich in ein eigenes Zimmer zurückziehen kann, oder bei sprachlichen Problemen etwa in Familien mit Migrationshintergrund sind die Risikofaktoren natürlich höher.

Ab wann sollten bei den Eltern die Alarmglocken läuten?

Wenn sich Kinder zurückziehen, starke Stimmungsschwankungen auftreten, wenn sie ängstlich sind, sich nur noch selten oder gar nicht freuen können. Häufiger über Kopf- und Bauchschmerzen klagen, immer dünner werden, nicht gerne oder gar nicht in die Schule gehen, schlechte Noten schreiben, der Freundeskreis immer kleiner wird; das alles sind Punkte, bei denen Eltern Alarm schlagen sollten.

Bei diesen Symptomen sollten Eltern Hilfe suchen

  • Kinder ziehen sich zurück
  • Stimmungsschwankungen 
  • Ängstlichkeit
  • Keine Freude mehr
  • Häufige Kopf- und Bauchschmerzen
  • Gewichtsverlust
  • Schulverweigerung
  • Schlechte Noten
  • Freundeskreis wird kleiner

Wie kann diesen Kindern und Jugendlichen präventiv geholfen werden?

Eltern sollten auf der einen Seite konsequent sein, Regeln vorgeben und die Kinder nicht zu sehr mit Samthandschuhen anpacken, das ist wichtig. Sie sollten aber auch gut zuhören und schauen, wie es ihrem Kind wirklich geht. Trotz Homeoffice und Energiekrise sollten die Eltern einen guten Blick auf ihren Nachwuchs haben.

Und wenn es die Eltern alleine nicht schaffen?

Dann müssen die pädagogischen Systeme eingreifen. Wir brauchen eine engere Zusammenarbeit zwischen den Kindergärten, Schulen, Kinderärzten, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten, Kinderpsychiatern und den Familien, um möglichst früh eingreifen zu können. Ein niederschwelliges Angebot im Frühstadium wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Falsch ist es dagegen zu warten, bis das Kind eine Therapie braucht.

Klingt einfach, funktioniert aber anscheinend nicht?

Früherkennung ist immer schwierig. Lehrerinnen und Lehrer haben ihren Lehrplan, den sie abarbeiten müssen, vielleicht sollten die zuständigen Bildungspolitiker genau hinschauen, ob einzelne Inhalte nicht doch entbehrlich sind – und den Lehrplan entschlacken zum Wohl der Schützlinge. Schulunterricht ist keine Fließbandarbeit, die Pädagogen bräuchten mehr Zeit zum Durchatmen und Beobachten ihrer Schülerinnen und Schüler. Vielleicht könnte man mit anonymen Fragebögen à la „Wie geht es mir?“ arbeiten, um die Situation in der jeweiligen Klasse zu erfragen.

Welche Angebote bietet die Stadt Köln?

Das Lehrpersonal fordert zu Recht eine Fortbildung, um die richtigen Instrumente an die Hand zu bekommen, um psychische Störungen zu erkennen. Deshalb arbeiten wir an der Entwicklung von Online-Fortbildungsmaterialien für Lehrerinnen und Lehrer. Wir koordinieren in Köln Teilprojekte des nationalen Netzwerks Universitätsmedizin. Im Rahmen des Projekts „Cover Child“ entstehen in Kooperation mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Uniklinik in Ulm entsprechende Unterrichtsmaterialien zum Thema psychische Störungen. Außerdem arbeiten wir von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sehr eng mit dem Kölner Jugendamt und dem Amt für Schulentwicklung zusammen.

Psychische Probleme können jede und jeden treffen. Und es sollte selbstverständlich sein, wenn man sich dann professionelle Hilfe holt.
Professor Dr. Stephan Bender, Uniklinik Köln

Über ein psychisches Problem bei Kindern in der Öffentlichkeit zu sprechen, scheint ein Tabu?

Wir arbeiten daran, dass es kein Tabu bleibt. Ähnlich wie jeder junge Mensch mit einem Beinbruch in der Kinderchirurgie landen kann, kann ein Kind auch eine psychische Störung erwischen, aufgrund derer es die Kinderpsychiatrie aufsuchen muss. Diese Krankheit kann jede und jeden treffen. Und es sollte selbstverständlich sein, wenn man sich dann professionelle Hilfe holt.

Das Start-up „Teech“ hat ein Programm entwickelt, bei dem betroffene Jugendliche sich virtuell mit gleichaltrigen Influencerinnen und Influencern über Tabuthemen, wie Depression austauschen können. Was halten Sie von solchen Programmen?

Die Betreiber des Portals sind keine Mediziner, sie müssen deshalb darauf achten, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer keinen ernsthaften psychischen Krankheitsgrad erreicht haben. So ein Austausch mit gleichaltrigen Influencern kann ein Baustein sein, ein Türöffner, um erst einmal anonym über ein Problem in größerer Runde zu sprechen. Solche Formate können eine medizinische Beratung nicht ersetzen, sie sind aber grundsätzlich ein guter Ansatz. 

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