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Lebenshilfe Köln„Inklusion muss zur Normalität werden“

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Eine Schulbegleiterin sitzt in einem Klassenraum an dem Tish eines Jungen im Rollstuhl und hilft ihm bei den Schulaufgaben.

Leider ein seltenes Bild an deutschen Regelschulen. Für Inklusion fehlen oft die personellen und finanziellen Ressourcen.

Die Lebenshilfe Köln setzt sich seit 60 Jahren für eine inklusive Bildung ein – erstmals mit eigenem Stand auf der „didacta“.

Inklusion ist ein Menschenrecht und zählt zu den großen bildungspolitischen Themen – auf der Kölner Bildungsmesse „didacta“ spielte sie jedoch bislang kaum eine Rolle. Das möchte die Lebenshilfe Köln ändern. Deshalb war der Verein, dessen Projekte seit vielen Jahren auch von „wir helfen“ gefördert werden, dort in diesem Jahr erstmals mit einem eigenen Informationsstand vertreten.

„Unser Ziel ist es, das Thema Inklusion stärker in den Fokus der Bildungsdebatte zu rücken“, sagt die Vorständin der Lebenshilfe Köln Silke Mertesacker. Der Messestand sei deshalb bewusst in der Nähe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung platziert worden. Gute Bildung für Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf und kognitiven Beeinträchtigungen müsse selbstverständlich werden – auch an weiterführenden Schulen. „Inklusion darf kein Randthema bleiben, sie muss zur Normalität werden.“

Silke Mertesacker ist Vorständin der Lebenshilfe Köln, sie träg eine rote Kurzhaarfrisur und eine große, graue Brille

Silke Mertesacker ist Vorständin der Lebenshilfe Köln.

Wir müssen Inklusion als Menschenrecht stärker in die bildungspolitische Debatte bringen
Silke Mertesacker, Vorständin der Lebenshilfe Köln

Diese Forderung steht eigentlich außer Frage. Seit 2009 gilt auch in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention und damit das Recht auf inklusive Bildung. Auch auf der Website der Stadt Köln heißt es: „Alle Kinder – mit und ohne Behinderung – sollen optimal gefördert und niemand ausgegrenzt werden. Dafür müssen wir geeignete Rahmenbedingungen schaffen.“

Inklusion stößt auch an Kölner Regelschulen an ihre Grenzen

Doch die Realität an vielen Schulen sieht anders aus. Gerade an den weiterführenden ist es schwierig, mit den vorhandenen Ressourcen Inklusion umzusetzen. Lehrkräfte und Schulleitungen stoßen dabei häufig an ihre Grenzen. Ein Beispiel ist die Katharina-Henoth-Gesamtschule mit derzeit rund 1.330 Schülerinnen und Schülern. Die Schule liegt im rechtsrheinischen Höhenberg, an der Grenze zu Vingst, einem sozial benachteiligten Stadtteil.

Martin Süsterhenn, Schulleiter der Katharina-Henoth-Gesamtschule, trägt ein buntes Hemd und eine graue Brille

Martin Süsterhenn, Schulleiter der Katharina-Henoth-Gesamtschule.

Die Bildungspolitik arbeitet an der Realität vorbei. Wir brauchen strukturelle Veränderungen – etwa eine Lockerung des traditionellen Stundenplans, mehr Freiheit und mehr Praxisorientierung
Martin Süsterhenn, Schulleiter der Katharina-Henoth-Gesamtschule

Schulleiter Martin Süsterhenn beschreibt die Situation nüchtern: Inklusion sei im Schulalltag längst angekommen – die notwendigen Ressourcen jedoch oft nicht. Es fehle an sonderpädagogischer Unterstützung, an multiprofessionellen Teams und an ausreichend Zeit für individuelle Förderung. Süsterhenn plädiert dafür, den Begriff der Inklusion weiter zu fassen. Es gehe nicht nur um Kinder mit einer geistigen Beeinträchtigung, sondern auch um Kinder, die einen amtlich festgestellten Unterstützungsbedarf haben etwa in den Bereichen Sprache, Motorik oder in der emotional-sozialen Entwicklung.

Zehn Schulbegleiter für 120 Kinder mit Unterstützungsbedarf

„Wir haben etwa 120 Kinder mit amtlich festgestelltem Unterstützungsbedarf, aber nur rund zehn Schulbegleiter“, sagt Süsterhenn. „Obwohl wir seit einem Jahr mit der Lebenshilfe Köln in der Schulbegleitung kooperieren, wissen viele unserer Eltern gar nicht, dass sie Unterstützung beantragen können. Oder sie nehmen das Hilfsangebot aus Scham nicht an und fürchten eine Stigmatisierung ihrer Kinder. Wir müssen Eltern oft erst dazu ermutigen, einen Schulbegleiter oder eine Schulbegleiterin zu beantragen.“

Seit dem Schuljahr 2024/25 gehört seine Schule auch zum Startchancen-Programm von Bund und Ländern. Die Initiative unterstützt mit gezielt Schulen in sozial benachteiligten Regionen. Ziel ist es, die Bildungschancen der Kinder zu verbessern und insbesondere die Basiskompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen und emotional-soziale Entwicklung – zu stärken. „Ich glaube an das Modell in dieser Form nicht. Der bürokratische Aufwand ist enorm, die Vorgaben sind wie ein Korsett und lassen zu wenig Freiräume. Ab dem fünften Schuljahr müssen die Schülerinnen und Schüler Inhalte bearbeiten, die oft über ihre Köpfe hinweg geplant werden. So kann Inklusion nicht erfolgreich sein.“

Andere Lernwege bei den Basiskompetenzen - ohne Notendruck

Gerade bei den Basiskompetenzen bräuchten viele Kinder andere Lernwege. Als Beispiel nennt der Schulleiter das Lesen. Am liebsten würde er eine tägliche Lesestunde für alle Schülerinnen und Schüler einführen – ohne Noten und Leistungsdruck. „Wenn Kinder vom fünften bis zum zehnten Schuljahr jeden Tag eine Stunde lesen, kommen am Ende 36 Bücher zusammen. Für viele unserer Schülerinnen und Schüler wäre das ein großer Erfolg.“ Entscheidend sei, dass sie entdecken: Lesen kann Spaß machen.

Die Katharina-Henoth-Gesamtschule verstehe sich aus tiefster Überzeugung als inklusive Schule, könne eine umfassende Inklusion – wie sie in der UN-Behindertenrechtskonvention formuliert ist – in der Praxis jedoch nicht umsetzen. „Die Bildungspolitik arbeitet an der Realität vorbei.“ Die finanzielle Unterstützung vom Staat sei zwar wichtig, reiche aber nicht aus. „Wir brauchen auch strukturelle Veränderungen – etwa eine Lockerung des traditionellen Stundenplans, mehr Freiheit und mehr Praxisorientierung.“

Inklusion als Menschenrecht in die Debatte bringen

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Organisationen wie die Lebenshilfe Köln die Sichtbarkeit des Themas auf der „didacta“ für so wichtig halten. „Wir müssen Inklusion als Menschenrecht stärker in die Debatte bringen“, sagt Mertesacker. Ziel sei es, Wege zu finden, wie inklusive Bildung an weiterführenden Schulen funktionieren kann – und nicht nur auf dem Papier existiert. „Warum muss ein zehnjähriges Kind im fünften Schuljahr zehn Fächer haben, obwohl es eine amtliche Bescheinigung hat, dass es in Sprache, Motorik und in der emotional-sozialen Entwicklung Unterstützung braucht?“, fragt Süsterhenn.

Schule müsse stärker vom Kind aus gedacht werden. „Es fällt mir jeden Tag schwer, diese Diskrepanz zwischen verordneter Bildungsbürokratie und den tatsächlichen Bedürfnissen meiner Schülerinnen und Schüler auszuhalten.“ Süsterhenns Appell an die Bildungspolitik ist deutlich und endet mit den Worten des Kinderbuchautors Otfried Preußler: „Seid gut zu allen Kindern. Wir haben nichts Besseres.“


So können sie helfen

Auszug aus dem neuen wir helfen-Folder 2025_2026

  1. Mit unserer Jahresaktion „wir helfen: Kinder frühzeitig auf einen guten Weg zu bringen“ bitten wir um Spenden für präventive Projekte in Köln und der Region, die gefährdete Kinder und Jugendliche schützen , fördern und ihnen zu einer guten Zukunftsperspektive verhelfen.
  2. Die Spendenkonten lauten: wir helfen e.V.
  3. Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 3705 0299 0000 1621 55
  4. Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 3705 0198 0022 2522 25
  5. Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung, geben Sie bitte +S+ im Verwendungszweck an. Sollten sie regelmäßig spenden, ist auch eine jährliche Bescheinigung möglich. Bitte melden Sie sich hierzu gerne per E-Mail bei uns.
  6. Soll Ihre Spende nicht veröffentlicht werden, notieren Sie +A+ im Verwendungszweck. Möchten Sie anonym bleiben und eine Spendenbescheinigung erhalten, kennzeichnen Sie dies bitte mit +AS+.
  7. Bitte geben Sie in jedem Fall auch immer ihre komplette Adresse an. Auch wenn Sie ein Zeitungsabonnement der „kstamedien“ beziehen, ist Ihre Adresse nicht automatisch hinterlegt.
  8. Sollten Sie per PayPal spenden, beachten Sie bitte, dass Ihre Spende immer anonym ist. Wünschen Sie eine Spendenbescheinigung schicken Sie eine E-Mail an uns.
  9. Möchten Sie anlässlich einer Trauerfreier, einer Hochzeit oder eines Geburtstags zu einer Spendenaktion aufzurufen, informieren Sie uns bitte vorab per E-Mail über die Aktion. Sehr gerne lassen wir Ihnen dann, zwei Wochen nach dem letzten Spendeneingang, die gesammelte Spendensumme zukommen.
  10. Kontakt: „wir helfen e.V.“, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, Telefon: 0221-224-2789 (Allgemeines, Anträge, Regine Leuker/Meike Vojta), 0221-224-2130 (GD/Redaktion, Caroline Kron) wirhelfen@kstamedien.de Mehr Infos und die Möglichkeit, online zu spenden, finden Sie auf unserer Vereinshomepage www.wirhelfen-koeln.de