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Psychische Gewalt „Seelenprügel sind so schädlich wie Schläge“

Porträt eines Mädchens, das traurig in ein Licht schaut, das runde Schatten auf sein Gesicht wirft.

Jedes dritte Kind weltweit ist von seelischer Gewalt betroffen.

Noch immer verbinden viele Menschen Gewalt „nur“ mit blauen Flecken und gebrochenen Knochen. Dass seelische Gewalt aber dieselben Schäden anrichten kann wie körperliche oder sexuelle Gewalt erklärt die  Psychologin Anke E. Ballmann.

Frau Ballmann, jedes Kind hat ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. So steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch und regelt, dass neben körperlicher auch psychische Gewalt strafbar ist. Was bedeutet das genau und was unterscheidet sie von emotionalem Missbrauch?

Anke Elisabeth Ballmann: Beide Begriffe werden meist synonym verwendet, wobei psychische Gewalt wissenschaftlich dadurch definiert wird, dass ein Mensch wiederholt abgewertet wird. Psychische Gewalt ist also ein Angriff auf die Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein eines Menschen. Emotionaler Missbrauch, wie etwa Vernachlässigung, ist eine von vielen Formen psychischer Gewalt und bedeutet, dass ein Kind zu wenig Anerkennung bekommt, ihm liebevolle, zugewandte Beziehungen verwehrt sind.

Die Psychologin und Pädagogin Anke Elisabeth Ballmann steht vor einem Bücherregal. Sie ist Expertin für gewaltfreie Pädagogik und hat das Institut „Lernmeer“ sowie die „Stiftung Gewaltfreie Kindheit“ gegründet.

Dr. Anke Elisabeth Ballmann ist Expertin für gewaltfreie Pädagogik und sie hat das Institut „Lernmeer“ sowie die „Stiftung Gewaltfreie Kindheit“ gegründet.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Gewalt häufig „nur“ mit blauen Flecken oder gebrochenen Knochen assoziiert und seelische Gewalt als „Luxusproblem“ bagatellisiert – oder sogar negiert.

Diese Meinung begegnet mir oft, die Fakten sprechen dagegen. Denn inzwischen ist eindeutig erwiesen: Seelenprügel sind so schädlich wie Schläge, psychische Gewalt richtet die gleichen Schäden an, wie physische und sexualisierte Gewalt. Allein seit dem Jahr 2018 sind mehr als 10000 wissenschaftliche Beiträge zum Thema „psychische Gewalt gegen Kinder“ erschienen – und es werden täglich mehr. Studien zufolge haben mindestens 15 Prozent der deutschen Erwachsenen in ihrer Kindheit emotionalen Missbrauch erlebt, 49,5 Prozent emotionale Vernachlässigung.

Auch deshalb, weil seelische Gewalt zunächst unsichtbar und daher nicht greifbar ist?

Und auch weil Kinder psychische Gewalt nicht als solche erkennen können. Sie denken, es sei okay, wie Erwachsene sie behandeln. Wenn sie dann im Kindergarten oder in der Schule, ihre Rechte kennenlernen, erfahren sie vielleicht, dass es nicht in Ordnung ist, wenn sie angeschrien oder erniedrigt werden. Dann ist es aber schon besagter Alltag für sie, den sie nicht in Frage stellen können, weil Kinder Erwachsenen vertrauen müssen, um zu überleben.

Psychische Gewalt richtet dieselben Schäden an wie körperliche oder sexualisierte Gewalt 
Dr. Anke Elisabeth Ballmann

Sie sagen, psychische Gewalt hinterlässt erwiesenermaßen sichtbare Spuren, auch körperliche?

Zum Beispiel in bestimmten Regionen des Gehirns, die bei fortgesetzter psychischer Gewalt Veränderungen aufzeigen. Je mehr Gewalt ein Kind erfährt, desto weniger arbeiten jene Regionen im Gehirn, die für Lernen und die Regulation von Emotionen zuständig sind. Und desto größer ist der Bereich, in dem die Angst regiert. Bestimmte Teile des Gehirns, Amygdala und Hippocampus, regeln auch die Stresshormone. Wenn ein Kind sehr früh viel Stress hat, werden entsprechend viele Stresshormone ausgeschüttet. Es kann dann sein, dass die Stresstoleranz dauerhaft beeinträchtigt wird. Das führt möglicherweise zu erhöhter Aggressivität und Konzentrationsmangel, zu Autoimmun-, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen bis hin zum Suizid.

Auch Worte können gewaltsam sein: Welche Formen oder Ausmaße psychischer Gewalt sind bekannt?

Die Definition der American Professional Society on the Abuse of Children (APSAC), die auch vom deutschen Kinderschutz-Zentrum Berlin benutzt wird, unterscheidet sechs Kategorien psychischer Misshandlungen, die einzeln auftreten, aber sehr häufig zusammen wahrgenommen werden können. Im Alltag bedeutet das zum Beispiel den Entzug von Aufmerksamkeit und Privilegien oder Androhungen wie „Wenn du nicht sofort x tust, dann werde ich y tun!“ Kinder werden bewusst angelogen, angebrüllt, bestraft, bloßgestellt, kritisiert, beleidigt, verspottet, eingeschüchtert und gedemütigt.

Das ist psychische Gewalt

Die Definition der American Professional Society on the Abuse of Children (APSAC), die auch vom deutschen Kinderschutz-Zentrum Berlin benutzt wird, unterscheidet sechs Kategorien psychischer Misshandlungen, die einzeln auftreten, aber sehr häufig zusammen wahrgenommen werden können:

  • Verächtliches Zurückweisen Kinder werden ständig kritisiert („Du nervst mit Deinem trotteligen Verhalten“), ihnen wird nichts zugetraut („Das kannst Du eh nicht/Nie kriegst Du etwas auf die Reihe“), sie werden weggeschickt („Lass mir meine Ruhe“)
  • Ausnutzen/Korrumpieren Kinder werden öffentlich gedemütigt und/oder mit anderen verglichen („Mach das doch mal wie xy, der/die kann das viel besser“)
  • Terrorisieren Kinder werden unrealistischen Erwartungen ausgesetzt  („Du könntest mir mal die Zuneigung geben, die Dein Vater mir verweigert“; „Wenn Du groß bist, kannst Du all das, was ich mir nicht zutraue “)
  • Isolieren Kinder werden in ihren sozialen Interaktionen beschnitten („Ich möchte nicht, dass Du Dich mit Freunden triffst oder Freund zu uns kommen“/ „Du gehst in keinen Verein, das durfte ich auch nicht“)
  • (Emotionale) Vernachlässigung Bedürfnisse, Interessen und die medizinische Versorgung der Kinder werden vernachlässigt, sie werden über- oder unterfordert
  • Versagen des emotionalen Echos Kinder werden gleichgültig behandelt und Interaktionen finden nur statt, wenn sie unbedingt erforderlich sind. („Ist mir egal, was Du tust oder woher Du Dein essen kriegst“/„Komm bitte nur zu mir, wenn ich das möchte“)
  • Quelle: APSAC

So können Sie helfen

Mit unser neuen Aktion „wir helfen: damit alle Kinder bei uns eine Zukunft haben“ bitten wir um Spenden für Projekte in Köln und Umgebung, die Kindern und Jugendlichen eine gute körperliche und geistige Entwicklung ermöglichen. Die gesamte Spendensumme wird weitergegeben, die Verwaltungskosten trägt der Verlag M. DuMont Schauberg.
Die Spendenkonten lauten:
„wir helfen – Der Unterstützungsverein von M. DuMont Schauberg e. V.“
Kreissparkasse Köln, IBAN: DE03 3705 0299 0000 1621 55
Sparkasse Köln-Bonn, IBAN: DE21 3705 0198 0022 2522 25
Mehr Informationen und Möglichkeiten zum Spenden unter www.wirhelfen-koeln.de.

Wie beeinflusst seelische Gewalt die Entwicklung der Kinder – und damit ihre Zukunftschancen?

Neben den genannten körperlichen Auswirkungen können wir von insgesamt dramatischen Folgen psychischer Gewalt ausgehen. Ich warne allerdings davor, Kausalzusammenhänge herzustellen. Kinder reagieren sehr unterschiedlich, und es wäre fahrlässig zu behaupten, dass jedes Kind, das angebrüllt wird, sofort traumatisiert ist. Längst erwiesen ist aber: Je jünger Kinder sind, die psychische Gewalt erfahren und je öfter sie sich wiederholt, desto gravierender können die psychischen und physischen Folgen sein. Betroffene fühlen sich wertlos, ohnmächtig und haben kein Vertrauen in sich selbst. Emotionale Gewalt hat kurz,- mittel- und langfristige Folgen, denn Kinder lernen nicht, wie man positive Beziehungen aufbaut, sich gut um sich selbst kümmert. Sie haben oft Probleme in der Kita und in der Schule, was zu einem niedrigen Bildungsabschluss führen kann, der sich wiederum negativ auf die Berufslaufbahn auswirkt.

Was sind die Ursachen psychischer Gewalt? Geschieht sie immer wissentlich?

Vielen Menschen ist gar nicht klar, dass das, was sie tun, gewaltvolles Handeln ist. Manche Eltern haben emotionale Misshandlungen in ihrer Kindheit erfahren und nie gelernt, dass es Alternativen gibt. Viele denken auch, dass es ihnen nicht geschadet hat, wie sie erzogen wurden. Andere sind nicht bereit, sich selbst und ihre Kindheit unter die Lupe zu nehmen. In den meisten Fällen ist die Ursache psychischer Gewalt ein Mix aus Überforderung, Gedankenlosigkeit und mangelnder Kompetenz, den eigenen Stress zu regulieren. Viele Eltern stehen unter enormem Druck, den sie, weil ein natürliches Machtgefälle besteht, an ihre Kinder weitergeben. Deshalb beginnt für mich Gewalt dort, wo Macht missbraucht wird.

Eine friedliche Welt beginnt mit einer gewaltfreien Kindheit
Dr. Anke Elisabeth Ballmann

Welche Kinder sind besonders gefährdet?

Jedes Kind kann Opfer werden, aber viele junge Menschen haben eine stabile Basis, weil sie sichere Bindungen haben und andere schützende Ressourcen. Wie bei allen Formen von Missbrauch werden aber vor allem junge Kinder und Kinder mit einem herausfordernden Temperament, mit physischen oder psychischen Beeinträchtigungen, schneller Opfer.

Wo erhalten Betroffene Hilfe?

Es gibt Hilfetelefone wie die „Nummer gegen Kummer“, auch das Jugendamt hilft. Ich kenne allerdings bislang keine Anlaufstelle speziell für psychische Gewalt, die es aber zwingend in jeder Schule geben sollte.

Wie kann jede und jeder Einzelne, die Gesellschaft und die Politik Kinder vor seelischer Gewalt schützen?

Wie so oft, ist Aufklärung und Wissensvermittlung das Patentrezept. Aber Aufklärungskampagnen kosten Geld, das von der Politik kommen muss. Auf jeder Bäckertüte sollte stehen: „Kinder anbrüllen macht Kinder dumm!“ Denn im ersten Schritt muss es um das Wachrütteln gehen. Wir brauchen niedrigschwellige Kampagnen, die zeigen, wie man junge Kinder unterstützt, denn sie können noch nicht mit ihren Gefühlen umgehen. Das lernen sie durch eine Regulation von außen. Dafür brauchen wir Erwachsene, die dafür ausgebildet werden. Und wir brauchen Menschen mit Zivilcourage, die eingreifen, wenn sie Gewalt beobachten. Es geht nicht um Perfektion, es geht um einen Tabubruch, der uns allen helfen würde, empathischer miteinander umzugehen. Es würde sich lohnen, denn eine friedliche Welt beginnt mit einer gewaltfreien Kindheit.