Köln – Frau Roters, Sie sind seit einem halben Jahr die Vorsitzende des Fördervereins des Kölner Kinderschutzbundes? Warum engagieren Sie sich für die Kölner Kinder?
ANGELA ROTERS: Es gibt in Köln einen großen Bedarf an Hilfe. Viele Kinder werden vernachlässigt oder sogar geschlagen, andere haben keinen Zugang zu einer guten Bildung. Ich bin dafür, dass alle Kinder die gleichen Chancen bekommen sollten. Als Vorsitzende des Fördervereins des Kinderschutzbundes möchte ich die Anliegen der Kinder in die Öffentlichkeit tragen und die Arbeit des Kinderschutzbundes aktiv unterstützen. Und als Ehefrau des Kölner Oberbürgermeisters habe ich hoffentlich auch die Möglichkeit dazu.
Welche Ziele verfolgt der Kölner Kinderschutzbund 2013?
ROTERS: Wir wollen die bestehenden Angebote - wie die Eltern-Cafés - ausbauen, um möglichst viele Familien zu erreichen und Kinder vor Gewalt und Vernachlässigung zu schützen.
MARLIS HERTERICH: Wenn man so viel macht wie wir, kann man nicht immer neue Pläne schmieden. Wir müssen gucken, was sich bewährt hat und was droht zu kippen, weil die finanzielle Unterstützung wegfällt. Manche unserer Projekte sind über Stiftungsgelder nur zeitweise gesichert. Zum Beispiel das Kalker Projekt "Hand in Hand im Veedel: Arbeit mit Familien mit Zuwanderungsgeschichte", das über vier Jahre von der Stiftung Rhein-Energie gefördert wurde und nun ausläuft. Dass wir die Arbeit nicht auf null fahren können, ist klar. Wir überlegen daher, ob wir mehr in Bezirken wie Kalk für ältere Kinder und Jugendliche anbieten müssen.
Stichwort Gewalt: Laut Bundeskriminalamt sterben drei Kinder pro Woche durch Gewalt in Deutschland. Wie kann man Kinder besser schützen?
ROTERS: Das ist eine unglaublich erschreckende Zahl. Es gibt Kinder in Deutschland, die werden verprügelt oder bekommen nichts zu essen, bis sie verhungern. Da hilft nur, dass die Gesellschaft genau hinguckt. Die Ursachen sind sicherlich ganz unterschiedlich: Psychische Erkrankungen der Eltern, die oft nicht auf Anhieb zu erkennen sind, spielen dabei eine Rolle. Viele Eltern sind auch schlecht informiert: Ich treffe schon mal auf Eltern, die nicht wissen, dass man Babys nicht schütteln darf, wenn sie schreien. Die schütteln und die Babys schreien noch mehr.
Sind die Eltern heute mit der Erziehung überfordert?
ROTERS: Heute befasst sich die Öffentlichkeit zum Glück viel stärker mit dem Thema als früher. Ein kleines Beispiel: Ich bin in einem Dorf in Niedersachsen aufgewachsen. Da gab es etwas außerhalb einen Bauernhof, da wurde ein Kind grün und blau geschlagen, weil es nicht gehört hat. Viele Jahre später hat sich herausgestellt, das Kind konnte gar nicht hören - es war taub. Und die Eltern haben versucht, irgendetwas hineinzuprügeln. Die Nachbarn haben aber nicht reagiert, damals ging keiner zur Polizei.
Im Fernsehen gibt es beliebte Sendungen wie die "Super-Nanny". Der Beratungsbedarf der Eltern scheint groß zu sein.
HERTERICH: Der Beratungsbedarf wird den Eltern aber auch suggeriert. Der Anspruch an Eltern ist größer geworden. Heute sollen die Kinder ganz früh gefördert werden - Klavierstunden bekommen und in drei Sportvereinen sein. Ich komme mit gut ausgebildeten Frauen zusammen, die fragen mich ernsthaft, ob es in Ordnung ist, dass sie viel Zeit mit ihrem Kind verbringen. Oder ob es nicht besser wäre, das Kind in dieser Zeit in einen Englisch-Kurs zu schicken. Das wäre früher keinem eingefallen. Außerdem sind die Familien heute anders als früher strukturiert: Als meine Tochter klein war, gab es in unserem Haus fünf andere kleine Kinder. Da konnte ich mich mit den anderen Eltern austauschen, wenn irgendwas nicht in Ordnung war. Das ist heute viel weniger so. Wir als Kinderschutzbund versuchen, diese verloren gegangene Nachbarschaftshilfe durch unsere Eltern-Cafés zu ersetzen.
2011 wurde das Bundeskinderschutzgesetz vom Bundestag beschlossen. Was hat es gebracht?
HERTERICH: Wichtig sind die frühen Förderungen - die Familienhebammen, die Familienzentren und der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Bei der anvisierten Netzwerkarbeit muss man ein bisschen Geduld haben: Man versucht alle Akteure, die mit Kindern zu tun haben - etwa Kinderärzte, Schulen und Kindertagesstätten - in Netzwerken zusammenzubringen. Aber das dauert, bis es richtig funktioniert. Für unsere Arbeit als Kölner Kinderschutzbund und als Fachberatung ist es wichtig, dass andere Berufsgruppen wie Lehrer und Ärzte eine fachliche Beratung in Anspruch nehmen können. Ein Problem bleibt allerdings: Außer bei den Familienhebammen gibt es keine öffentliche Finanzierung.
Müsste der Staat nicht mehr Zwang auf Eltern ausüben? Im Gespräch sind verpflichtende Elternkurse.
ROTERS: Zwang ist immer problematisch. Verpflichtende Elternkurse sind nur sinnvoll, wenn Kinder schwer vernachlässigt oder Gewalt ausgesetzt werden und ein Gericht anordnet, dass die Familie eine Therapie in Anspruch nehmen soll. Man sollte lieber an die Eltern appellieren, dass Angebote wie die des Kinderschutzbundes freiwillig wahrgenommen werden.
Sind Sie für eine Kindergartenpflicht?
ROTERS: Ja. Genau wie die Schule nach dem sechsten Lebensjahr Pflicht ist, sollte der Kindergarten ab dem dritten Jahr gesetzlich vorgeschrieben werden. Davor sollten die Eltern die Möglichkeit haben, die Zeit mit ihrem Kind zu verbringen. Die Kindergartenpflicht ist gut, damit die Mädchen und Jungen schon früh den Zugang zu mehr Bildung bekommen. Sie werden dort sprachlich und motorisch gefördert, haben Zugang zu kulturellen Angeboten und bekommen ein regelmäßiges Mittagessen. Alles wichtige Dinge, die ein Kind braucht, um gut groß zu werden.
Was halten Sie vom Betreuungsgeld?
ROTERS: Ich halte es für überflüssig, weil es vor allem die bildungsfernen Eltern erreicht. Die nehmen die Gelegenheit wahr, zusätzlich Geld zu bekommen, anstatt ihre Kinder frühzeitig in eine fachliche Betreuung zu geben. Das Gesetz kostet 2,2 Milliarden Euro, die man besser in den Ausbau der Betreuungsplätze stecken sollte. Noch fehlen über 200 000 Kindergartenplätze in Deutschland. Wenn die Eltern das Betreuungsgeld annehmen und das Kind zu Hause lassen, fragen sie nicht mehr nach einem Betreuungsplatz. Dann sinkt der Druck, die fehlenden Kindergartenplätze zu realisieren.
Halten Sie das Betreuungsgeld für ein familienpolitisches Signal?
ROTERS: Ja. Ich glaube, in erster Linie will die CSU ihre Wähler beruhigen.
Jedes vierte Kölner Kind lebt in Armut. Was kann man tun?
ROTERS: Die Kinder sind arm, weil ihre Familien arm sind. Einen Ausweg sehe ich nur darin, Kindern einen besseren Zugang zu Bildung zu verschaffen.
HERTERICH: Die Stadt macht ja was, man muss sie auch loben. Da, wo der Bedarf besonders groß ist, gibt es Familienzentren, Beratungsstellen und Eltern-Cafés. Am Ende wird das nicht viel nützen, wenn wir die Bildungspolitik in der Republik nicht verändern. Wenn Bildung nicht vom Kindergarten bis zur Universität kostenlos sein wird. Ich bekomme immer einen Schock, wenn ich die OECD-Studien lese, nach denen die Bildungschancen der deutschen Kinder stärker als in anderen Ländern vom Geldbeutel der Eltern abhängen. Man muss allen Familien kostenlose Bildungsangebote machen, die man über Steuern wieder auffängt. Wir brauchen außerdem kleinere Klassen und mehr Förderunterricht in den Schulen, in denen es besonders viele benachteiligte Kinder gibt.
ROTERS: Da kann ich mich nur anschließen. Bildung muss in allen Bereichen kostenlos sein. Ich bin froh, dass die Studiengebühren wieder abgeschafft wurden.