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Arroganztraining für Frauen: Hier lernen weibliche Führungskräfte die Geheimnisse männlicher Sprache

Wer als Frau im Job erfolgreich sein will, muss auch die Sprache der Männer verstehen.

Wer als Frau im Job erfolgreich sein will, muss auch die Sprache der Männer verstehen.

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Irgendwann war es für Peter Modler kaum noch zu ertragen. Als Dozent an der Uni bot sich ihm folgendes Bild: Die Studentinnen waren in der Regel top vorbereitet, ihre Seminararbeiten sehr gut. Aber wenn es um die Präsentation der Ergebnisse ging, meldeten sich die Studenten. „Oft waren das Schaumschläger mit mittelmäßiger Seminararbeit, die einfach drauflosredeten.“ Im ersten Semester dachte Modler: „Zufall“. War aber nicht so. „Im nächsten Semester exakt das gleiche Bild.“

In seiner Tätigkeit als Unternehmensberater war es nicht anders: Immer wieder fand Modler kompetente Frauen auf Abschiebeplätzen: „Da war jemand Schreibkraft in der Vertriebsabteilung, die hätte den Vertrieb auch leiten können“, erzählt der 59-jährige Vater von zwei Töchtern, promovierter Theologe und gelernter Zimmermann. Das Gerede von „Die Zukunft ist weiblich“ kam ihm vor wie ein Mythos, den man gerne als Realität annehmen möchte. Frauenquote, transparente Gehälter, alles schön und gut. Aber das Problem liege tiefer: Erstens: Frauen unterschätzen, wie zentral es ist, die eigene Leistung herauszustellen. „Sie gehen davon aus, dass es für eine Karriere genügt, gute Arbeit abzuliefern.“ Und zweitens: „Wer erfolgreich sein will, muss kapieren, dass Männer völlig anders kommunizieren als sie selbst.“

Massenhaft Anfragen

Um dem anderen Geschlecht diese Fremdsprache zu vermitteln, entwickelte er als Coach das „Arroganztraining für Frauen“. Mehr als 1200 weibliche Führungskräfte – Managerinnen von Großkonzernen, Personalverantwortliche, Hochschulprofessorinnen – haben schon teilgenommen, er kann sich vor Anfragen kaum retten. Dabei will der Autor des Bestsellers „Das Arroganzprinzip“ Arroganz keineswegs als Lebenshaltung propagieren, sondern als „Werkzeug in bestimmten Situationen, wenn frau das Gefühl hat, jemand nimmt sie nicht ernst.“

Sein Konzept: Er lässt am Mann üben. Mit Hilfe eines Sparringspartners spielen Frauen im Seminar Situationen ihres Berufsalltags nach. Der Mann wartet vor der Tür und wird nur reingerufen, wenn die Teilnehmerinnen eine Szene nachspielen wollen. Dann erfährt er seine Rolle: Chef, unverschämter Kollege, Untergebener. Modler unterbricht immer wieder die Szene und fragt den Mann, wie er sich fühlt. Den Sparringspartner sucht er beliebig aus: „Egal ob Akademiker oder Automechaniker, Männer reagieren alle gleich.“ Ungläubiges Staunen bei den Teilnehmerinnen seines Seminars in Köln.

Julia Braun* ist Anwältin in einer renommierten Kanzlei. Engagiert, qualifiziert. Aber irgendwie wird sie das Gefühl nicht los, von den Kollegen nicht als gleichrangig akzeptiert zu werden. Da ist etwa die Geschichte mit ihrem Kollegen Dr. Peter Heise, Partner in der Kanzlei, der ohne Gruß ihr Büro betrat und mit einem süffisanten „Ich darf doch mal kurz?“ einen Stift aus der Schreibtischschublade nahm. „Lächerlich, dass der das nötig hat“, meint Braun. Albern, da zu reagieren. „Falsch. Das ist ein klarer Affront durch Revierokkupation“, analysiert Modler. Ein Fall für den Sparringspartner, der reingerufen wird. Braun wählt eine Teilnehmerin, die ihre Rolle einnimmt, sie selber ist Beobachterin. Auch das ist Teil des Konzepts.

„Sie sind Partner in der Kanzlei, Frau Braun ist Anwältin“, lautet die Regieanweisung. Die Bürotür steht offen. Der Sparringspartner kommt ohne Anklopfen rein, zieht die Schublade auf, nimmt einen Stift raus. „Ich darf doch, oder?“, sagt er lächelnd. Braun bleibt sitzen, schaut kurz von ihrer Arbeit auf, lächelt verblüfft zurück. „Was glauben Sie, wie wird der mit den Kollegen über Sie reden?“, fragt Modler in die Runde und bittet den Sparringspartner um sein Feedback: „Mit der kann ich machen, was ich will“, meint er. „Sehen Sie“, merkt Modler an. „Die Braun ist politisch nicht wichtig, das ist die Botschaft.“

Zweiter Versuch: Diesmal steht Braun auf, als der Sparringspartner reinkommt „Wissen Sie eigentlich, was Sie da machen? Den Stift brauche ich selbst“, sagt sie. „Schon besser“, findet Modler. „Aber noch einfacher. Keine Rechtfertigung. Mehr Körpersprache.“ Im dritten Versuch steht Braun auf, geht dem Sparringspartner entgegen. „Du bist Partner. Und das ist MEIN Büro“, sagt sie akzentuiert. „Nicht lächeln, das relativiert“, ruft Modler. Der Sparringspartner weicht zurück. Sein vielsagendes Feedback: „Die steht jetzt ihren Mann.“

Den Rang laut aussprechen

Nach der Szene gibt der Trainer Übersetzungshilfe: Für den Kollegen war dieses Eindringen in ihr Revier ein Rangspiel. Seine einzige Frage ist: Lässt sie es sich gefallen? Männer seien in ihrer Kommunikation hierarchisch orientiert – immer zum Chef hin. Vertikale Kommunikation nennt Modler das. Zentral seien Rang und Revier. „Betreten Sie nie das Büro Ihres Chefs, ohne hereingebeten zu werden. Das hat schon Karrieren beendet, bevor sie begonnen haben“, warnt er. Bei Gesprächen mit Vorgesetzten empfiehlt Modler, deren Rang laut auszusprechen, ihn damit also anzuerkennen, und dann erst das Anliegen vorzutragen. Das wirke Wunder. „»Sie sind der Chef«, das kriege ich nicht über die Lippen“, stöhnt Marion Hartung, Managerin in der Logistik-Branche. „Sie müssen das nicht toll finden, aber Sie müssen die Regeln kennen, wenn Sie mitspielen wollen“, erwidert der Coach.

Frauen ist diese Dimension oft fremd, für sie zählen vor allem Teamgeist und Inhalte. Dabei beruft sich Modler auf die Forschung der Soziolinguistin Deborah Tannen, die Kinder beim Spielen beobachtet hat und die Unterschiede schon dort festmacht: Kleine Jungs ringen im Spiel um die Rangordnung. Wichtig ist, wer der Anführer ist und dass jeder im Spiel den klar definierten Platz in der Gruppe klärt. Mädchen verbringen beim Spielen viel Zeit mit Sprechen. Sie lernen, dass sie sich in der Gruppe unbeliebt machen, wenn sie zu selbstsicher erscheinen. Das prägt.

Im Job wirke sich die Vorliebe fürs Sprechen oft negativ aus: „Frauen reagieren viel zu sehr ausschließlich verbal.“ So wie Managerin Laura Steffen, die in einem Rollenspiel des Seminars in einer Konferenz ihren Bericht präsentiert. Der Chef wirft mittendrin ein: „Die Ringe unter deinen Augen. War wohl alles viel in letzter Zeit.“ Steffen verstummt und setzt zu einer Rechtfertigung über den enormen Aufwand an. „Wer sich rechtfertigt, hat die Arschkarte“, ruft Modler. Solch ein Wechsel von der intellektuellen auf die Small-Talk-Ebene habe einzig die Funktion, „Ihnen vor Publikum eine reinzusemmeln“. Ignorieren sei – ebenso wie bei sexistischen Bemerkungen – genauso falsch, weil das wie eine Niederlage wirkt. Im dritten Versuch sucht Steffen Blickkontakt mit ihrem Chef: „Spielt keine Rolle“, kontert sie und setzt den Bericht fort.

Kurze Sätze, langsam sprechen und Mut zu Pausen – das sind in der Männerwelt wichtige Waffen. Gar nicht so einfach, wo Frauen gerade unter Druck oft mit der Erhöhung der Sprachgeschwindigkeit reagieren. „Das nervt Männer und führt sofort zu einer Abwertung.“ Die kämen mit klaren Ansagen viel besser zurecht als mit einem Schwall von Informationen.

Nächste Übung ist das, was der Coach „Move Talk“ nennt, die Königsdisziplin, da besonders wirksam. Konferenz: Marion Hartung, Controllerin eines großen Konzerns, ist zu spät dran, huscht mit schnellen Schritten die Wand entlang, um unauffällig einen freien Stuhl zu erreichen. „Langsam!“, ruft Modler. „Wer rennt, der signalisiert: Ich bin die Hilfskraft. Wer etwas zu melden hat, geht langsam. Oder haben Sie Angela Merkel jemals rennen sehen?“

Hartung schreitet nun langsam rein, sucht sich einen weit von der Tür entfernten Platz. Alle schauen auf. Die Controllerin ist für die Implementierung eines neuen Programms auf Daten angewiesen, die Hans Figge, Leiter einer anderen Abteilung, ihr beharrlich verweigert.

Showdown auf offener Bühne

Die Konferenz ist der Showdown auf offener Bühne. Der Sparringspartner wird reingerufen. Argumentativ versiert macht Hartung klar, warum sie die Daten braucht. „Seit Wochen warte ich darauf und habe sie mehrfach angemahnt“, endet sie. An dem Sparringspartner prallt das ab. „Nicht so hysterisch. Nur Geduld, Sie kommen schon noch an Ihre Daten.“ Modler unterbricht und fragt den Sparringspartner, wie Hartung auf ihn wirkt. „Nervige Sabbertante“, gibt der zurück.

Zweiter Versuch: „Sie sind der Abteilungsleiter. Ich bin die Controllerin. Und ich brauche die Daten.“ Der Sparringpartner setzt zur Abwehr an. „Ich brau-che Da-ten,“ wiederholt Steffes. Pause. „Da-ten“. Das Wort verklingt im Raum. „Da-ten“. Der Sparringspartner will das Schauspiel auf offener Bühne jetzt schnell beenden und sagt die Zahlen zu.

„Aber das ist doch nicht authentisch, so zu kommunizieren“, meint eine Teilnehmerin. Ein Einwand, den Modler häufig hört. „Nehmen Sie es als Spiel. Wenn Sie eine Fremdsprache lernen, bleiben Sie doch trotzdem Sie selbst. Führungskräfte müssen zweisprachig sein.“ Zum Schluss stellt Modler den Sparringspartner mitten in den Raum: „Schauen Sie genau hin: Das ist keine Frau. Das ist ein Mann. Der spricht anders und denkt anders.“ Das zu kapieren sei der Sinn des Seminars.

* Die Namen der Teilnehmerinnen wurden geändert


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