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MikroplastikEin Gully, der Reifenabrieb schluckt – eine Dürener Traditionsfirma hat’s erfunden

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Zwei Männer halten eine großen blauen zylinderförmigen Gegenstand in die Kamera.

Marco Hanz und Sascha Nengelken mit dem neuen Gullyeinsatz. Das System sorgt dafür, dass weniger Reifenabrieb und damit weniger Mikroplastik in den Wasserkrelslauf gelangt.

Das neue System fängt das Mikroplastik auf, bevor es in der Kanalisation landet. Es kann in jedem handelsüblichen Gully ohne Umbauten eingesetzt werden und ist nahezu wartungsfrei. Erfolgreiche Tests liefen schon in Berlin und Kopenhagen.

Bei Marco Hanz und Sascha Nengelken sitzt jeder Handgriff. Das muss auch so sein, weil die Wartung und Reinigung der Gullys und Kanäle mit dem Saugwagen im Stadtgebiet von Düren aus Sicht der Autofahrer vor allem ein Verkehrshindernis ist. Gullydeckel auf, Laubeimer raus, Saugrüssel rein, reinigen, Saugrüssel raus, Laubeimer rein, Gullydeckel zu. Fertig. Wie bei der Truppe des Dürener Service Betriebs (DSB) läuft das vom Prinzip in jeder Stadt. 

Nur in Düren ist seit ein paar Monaten alles etwas anders. Dort ist Gully nicht mehr gleich Gully. Das liegt an der Gebrüder Kufferath AG (GKD), einem familiengeführten Traditionsunternehmen in vierter Generation, das 2025 das hundertjährige Bestehen feiern konnte. Seit zwei Jahren beschäftigt man sich hier mit der Lösung eines Umweltproblems, das europaweit gigantische Ausmaße hat.

Feinste Partikel gelangen in Gewässer, auch ins Trinkwasser

Es geht um den Abrieb von Autoreifen, feinste Partikel, die bei Regen von der Fahrbahnoberfläche in die Straßenabläufe gespült werden und über die Entwässerungssysteme in Bäche, Flüsse und andere Gewässer gelangen – teilweise auch in Trinkwasserressourcen nachweisbar sind. Und um eine Innovation aus Düren, die das künftig verhindern soll.

In der EU entstehen nach verschiedenen Studien jährlich bis zu 500.000 Tonnen Reifenabrieb. Das Umweltbundesamt schätzt die Menge in Deutschland auf knapp 100.000 Tonnen.

Das System wird von den beiden Männern gezeigt.

Tobias Küpker und Markus Knefel, Ingenieure beim Dürener Unternehmen GKD, mit einem Kanaleinsatz des neuen Systems, das mehr Schadstoffe aus der Kanalisation filtert.

Hanz und Nengelken öffnen den Gullydeckel und befreien das Innenleben mit dem Saugrüssel von allem möglichen Unrat. Das Einzige, was fehlt, ist der Laubeimer. Er wird ersetzt durch einen durchströmbaren Gewebezylinder aus Edelstahl, der ebenso einfach wie genial erscheint. Genial deshalb, weil er den Großteil der Feststoffe aus dem Oberflächenwasser zurückhält – einschließlich des Reifenabriebs.

Einfach vor allem, weil der Filter, der im klassischen Sinne gar keiner ist, in jedes bestehende Stadtentwässerungssystem einsetzen lässt, keine Umbauten erforderlich sind und sich an den Wartungsroutinen nichts ändert. Das System ist unten offen und nutzt die natürliche Bewegung des Wassers, braucht keinen aktiven Antrieb und daher auch keinen Strom.

Keine Umrüstung der Gullys nötig

Nahezu perfekt also. Bis auf eine Kleinigkeit, die technisch noch gelöst werden muss. Der klassische Laubeimer ließ sich automatisch ansaugen, der Filter muss per Hand herausgezogen werden. „Das ist dann schon ein Mehraufwand“, merkt die Saugwagen-Truppe an.

„Das kriegen wir auch noch hin“, sagt GKD-Ingenieur Markus Knefel. In Kopenhagen und Berlin laufen bereits Praxistests unter dem Titel Urbanfilter. Sie haben ergeben, dass 77 Prozent des Reifenabriebs zurückgehalten werden. Bei Straßenkehricht beträgt die Quote 97 Prozent, bei Plastikpellets 99, bei Zigarettenstummeln 92 Prozent. Das hat ein Gutachten der TU Berlin ergeben.

Auch Düren hat mit Tests begonnen. DSB-Chef Benjamin Savelsberg ist zufrieden. „Unsere Mitarbeitenden können die Straßenabläufe weiterhin wie gewohnt reinigen und kontrollieren – ohne neue Schulungen, Spezialwerkzeuge oder komplizierte Abläufe. Das erleichtert die Umrüstung enorm und sorgt dafür, dass der Umweltschutz ganz selbstverständlich in unsere bestehende Infrastruktur integriert wird.“

Zwei Gläser mit Flüssigkeiten: die eine fast klar und transparent, die andere dunkel, fast schwarz.

Abwasser aus der Kanalisation nach und vor der Reinigung im Klärwerk.

Zehn Jahre Grundlagenforschung und Entwicklung stecken in dem neuen Gully. „Wir wollten optimierte Materialien zur Entfernung von Mikroplastik entwickeln“, sagt Knefel. Zunächst habe man Wasserproben aus Kläranlagen entnommen. „Wir wollten wissen, was ist das überhaupt, dieses Mikroplastik? Und wie setzt es sich zusammen? Es gab Thesen von zersetzten Plastiktüten, Peeling-Cremes, Plastikgranulat, Zahnpasta. Wir haben das Abwasser analysiert und zu unserer Überraschung festgestellt. Das stimmt alles gar nicht. Das ist vor allem Reifenabrieb.“

Es brauchte weitere fünf Jahre, in denen das Unternehmen in dem Urbanfilter-Forschungsprojekt mit der TU Berlin, Reifenherstellern, der Audi Umweltstiftung und weiteren Partnern der Frage nachgeht, wo der Reifenabrieb entsteht und in die Umwelt gelangt. Mit der nächsten Überraschung: Es sind weniger Autobahnen noch Schnell- und Landstraßen, sondern 50er- und 70er-Zonen mit Ampeln in Großstädten, weil Abrieb vor allem durch Bremsen entsteht. Und in Kreisverkehren: „Die erzeugen eine Querreibung. Das mögen Reifen ganz und gar nicht“, sagt Knefel.

Jährlich landen zwischen 98.000 und 120.000 Tonnen auf den Straßen

Mit Spezialbesen aus Pferdehaar lassen die Wissenschaftler an verschiedenen Straßen, Kreuzungen und Kreisverkehren in Berlin auf abgesperrten Flächen den Dreck auffegen und analysieren. Der Rest ist eine Rechenaufgabe: Wie viele Autos fahren in Deutschland? Wie viele Flächen, die den Berliner Testarealen entsprechen, gibt es bundesweit? Wie viele Kilometer fahren die Deutschen im Schnitt, wie viele Reifen werden verkauft?

Die Hochrechnung für Deutschland ist erschreckend: Zwischen 98.000 und 120.000 Tonnen feinsten Mikroplastiks aus dem Abrieb von Autoreifen verschwinden jedes Jahr in der Kanalisation und tauchen überall in der Umwelt wieder auf.

Mitarbeiter des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima (LANUK), entleeren auf dem Laborschiff Max Prüss einen Mantatrawl nach der Probenentnahme.

Mitarbeiter des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima (LANUK), entleeren auf dem Laborschiff Max Prüss einen Mantatrawl nach der Probenentnahme. An mehreren Abwasserströmen am Rhein ist industriell hergestelltes Mikroplastik festgestellt worden. Das größte Problem ist der Reifenabrieb.

Das bestätigt auch eine Studie des Landesamts für Natur, Umwelt und Klima (Lanuk) im Auftrag des NRW-Umweltministeriums zur Belastung des Rheins mit Mikroplastik an neun Messstellen zwischen Bonn und Duisburg, die im August 2025 vorgestellt wurde. „Der größte Teil der Verschmutzung mit Mikroplastik im Rhein entsteht sekundär“, sagt Umweltministerminister Oliver Krischer damals. „Vor allem durch den Reifenabrieb.“

EU arbeitet an neuen Grenzwerten

Um die Emission dieser Reifenteilchen zu reduzieren, hat die EU im Rahmen der neuen Schadstoffnorm Euro 7 Grenzwerte für Reifenabrieb angekündigt. Die Regelung soll Ende 2026 verabschiedet werden und am 1. Juli 2028 für Pkw in Kraft treten. Für Lkw folgen die Vorgaben 2030 bzw. 2032 – abhängig von der Fahrzeugklasse. Die Industrie soll ausreichend Zeit zur Anpassung bekommen, deshalb die Staffelung.

Bei der GKD ist man vom Erfolg der neuen Technologie überzeugt. „Wir sind noch in einer sehr frühen Phase“, sagt Tobias Küpker, der für den Vertrieb der GKD-Produkte verantwortlich ist. Dass die Umweltrichtlinien für Mikroplastik über kurz oder lang verschärft werden, steht für ihn außer Frage. Den finanziell klammen Kommunen werde es dann vor allem darum gehen, ein System zu installieren, das möglichst keine großen technischen Umbauten und keine zusätzlichen Betriebskosten verursacht. Letztlich müssen das die Bürger über ihre Abwassergebühren bezahlen.

In der Versuchsphase müsse man pro Gewebezylinder derzeit mit 2800 Euro rechnen. Ein Planungsbüro habe für eine Studie 250 Stück bestellt. „Da konnten wir einen Stückpreis von 1680 Euro anbieten.“

Und wenn ein Großteil der Städte und Gemeinden auf dem Gebiet der Bezirksregierung Köln ihre Gullys an den Straßen mit hohen Reifenabrieb mit dem GKD-System nachrüstet? Bei diesem Gedanken strahlt Markus Knefel über das ganze Gesicht. Je größer die Stückzahl, die GKD in Düren herstellt, desto billiger wird es. „Die Mengen sind nicht das Problem. Die Kapazitäten haben wir.“

Knefel hat nur noch eine persönliche Bitte. „Wir haben im Laufe der Zeit so viele Systeme getestet. Dann kam unser Kollege Dominik Herper auf diese coole Idee. Wir müssen etwas konstruieren, das keinen zusätzlichen Aufwand verursacht. Er ist im Grunde der Erfinder und leider vergangenes Jahr gestorben. Mit Mitte 30. Wir sollten ihn nicht vergessen.“