Fitness ist angesagt, besonders Plattformen wie Urban Sports Club wachsen. Was für für viele ein Segen ist, kann für kleine Studios zum Fluch werden.
„Risiko der Kannibalisierung“Fitnessstudios in Köln verändern sich durch Trend radikal

In einer loftartigen, umfunktionierten Fabrikhalle in Ehrenfeld bieten Nils und Saskia Barkhoff unter anderem Fitnesskurse für Schwangere und Mütter oder Hyrox-Training an.
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Freitag, 17.48 Uhr: Vor einem Kölner Fitnessstudio staut es sich im Eingangsbereich, gleich beginnt der Cycling-Kurs. Grund für die Schlange ist – neben den sportlichen Neujahrsvorsätzen – ein weißer Zettel. Die Kursteilnehmer zücken ihr Handy, scannen den abgebildeten QR-Code, das Display färbt sich grün – Zugang freigegeben. Das Prozedere ist Teil einer Entwicklung auf dem Fitnessmarkt, die durch sogenannte Aggregatoren geprägt wird. Das sind Plattformen, wie die des Marktführers Urban Sports Club und der Firmenfitnessanbieter Wellpass, Hansefit und Wellhub, die verschiedenste Sportangebote in einem einzigen Mitgliedschaftstarif bündeln.
Für Aktive ist das attraktiv: Montag zum Pilates ins kleine Studio nach Ehrenfeld, Dienstag ein paar Bahnen ziehen im Hallenbad Lentpark, Mittwoch die besagte Cycling-Session oder doch der Rückenfit-Kurs im Club in Riehl – als Nutzer der Apps lässt sich die Liste ewig so weiterführen. Die Bindung an ein spezifisches Studio entfällt, stattdessen kann man im Falle von Urban Sports Club dem Unternehmen zufolge deutschlandweit zwischen 7000 Partnerstandorten wählen. Das Konzept sei insbesondere in Großstädten und bei jungen bis mittelalten, gebildeten Menschen beliebt, sagt Christoph Breuer, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln.
1,2 Millionen Mitgliedschaften bei Fitness-Aggregatoren wie Urban Sports Club
Bei dem schier endlosen Angebot ist es kaum verwunderlich, dass sich immer mehr Menschen für eine Mitgliedschaft bei einem der Aggregatoren entscheiden, zumal sie teilweise vom Arbeitgeber subventioniert wird. 2024 zählte die Unternehmensberatung Deloitte in ihrer Studie „Der deutsche Fitnessmarkt“ 11,71 Millionen Kunden stationärer Betreiber. Erstmals knackte der Markt das Vor-Pandemie-Niveau. Sport ist angesagt. Die Fitness-Plattformen steuerten den Ergebnissen zufolge weitere 1,2 Millionen Menschen hinzu – mit einer Steigerung von 64 Prozent innerhalb eines Jahres ebenfalls ein Rekord. Gleichzeitig sei auch die Anzahl der Partnerstandorte von 32.300 in 2023 auf 40.000 in 2024 gestiegen. Aufwärts ging es auch beim Umsatz der Aggregatoren, die laut Studie mit 480 Millionen Euro netto ein Plus von 41 Prozent verbuchten.
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Mehr Sporttreibende, mehr und individuellere Angebote, mehr Umsatz, Wachstum – das klingt nach einer Erfolgsstory der Sport- und Gesundheitsbranche. Geprägt von diesen Entwicklungen, verändert sich der Fitnessmarkt derzeit rasant. Im Frühjahr 2025 wurde bekannt, dass die Berliner Fitnessstudio-App Urban Sports Club (USC) an den US-Konkurrenten Wellhub verkauft wird. Für rund 600 Millionen US-Dollar (etwa 511 Millionen Euro) wurde der Deal im September abgewickelt.

Mit dem Verkauf seiner Fitness-Plattform Interfit verhalf der Kölner Unternehmer Frank Böhme Urban Sports Club zur Marktführung.
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Auswirkungen hatte das auch auf einen Kölner Unternehmer: Frank Böhme ist nicht nur Chef der regionalen Fitness-Kette Just Fit, sondern war auch Anteilseigner bei Urban Sports Club. Er beschreibt sich selbst als Erfinder dieser Art von Plattformen. Anfang der 2000er Jahre gründete er mit Interfit einen der ersten Aggregatoren, spezialisiert auf Firmenfitness. 2018 verkaufte er das Unternehmen für einen Millionenbetrag an Urban Sports Club und verhalf den Gründern zur Spitzenposition im Markt, „wo sie in Deutschland bis heute sind“, so Böhme.
Jetzt wird er nach und nach vom neuen Eigentümer Wellhub ausgezahlt. Der US-Konzern wolle „keine fremden Shareholder vor sich hertreiben“. Mit wie viel Prozent er an USC zuletzt hielt, verrät Böhme nicht, nur so viel: „Die Anteile waren hoch.“ Von der Übernahme, insbesondere dem frühen Zeitpunkt, zeigt er sich überrascht, sagt aber auch: „Umgekehrt bin ich immer davon ausgegangen, dass es irgendwann Konsolidierungsprozesse geben wird, bei denen die Großen, Potenten die unternehmergeführten Firmen übernehmen.“
Marktbereinigung durch Aufkäufe in der Fitnessbranche – höhere Mitgliedsbeiträge könnten folgen
Sportökonom Christoph Breuer spricht in dem Zusammenhang von einer Marktbereinigung. „Relativ wenige Anbieter werden sich durchsetzen und den wachsenden Markt unter sich aufteilen“, prognostiziert er. Die Zusammenschlüsse fördern die Betriebsfähigkeit, man erhoffe sich strategische Vorteile. Noch seien die meisten Aggregatoren nicht profitabel. Erst einmal gehe es darum, möglichst viele Endkunden zu generieren und somit hohe Marktanteile zu erzielen. „Sie sind noch in der Investitionsphase, um in einem zweiten Schritt wirtschaftlich erfolgreich operieren zu können.“
Für die Kunden werde sich das zunächst in einem noch größeren Angebot niederschlagen, das es am Beispiel von Urban Sports Club zu monatlichen Beiträgen zwischen 29 Euro und 159 gibt – je nach Art und Umfang der enthaltenen Leistungen. Mit der Konzentration von Marktmacht können es sich die mächtigen Aggregatoren langfristig vermutlich erlauben, nochmal ordentlich an der Preisschraube zu drehen, prognostiziert Breuer. Für Sportlerinnen und Sportler könnte es auf höhere Mitgliedsbeiträge hinauslaufen, für Partnerunternehmen auf geringere Margen, so ein mögliches Szenario.
Kleine, inhabergeführte Clubs hängen betriebswirtschaftlich am Tropf der Aggregatoren
Gewinner der Entwicklung, so scheint es, sind die Plattformen. „Sie schneiden sich den größten Teil des Kuchens ab“, sagt Frank Böhme. Schon jetzt machen sie ihm zufolge 15 bis 25 Prozent des Umsatzes in diversen Fitnessstudios aus. Das sei Fluch und Segen zugleich. Insbesondere „kleine, inhabergeführte Clubs hängen betriebswirtschaftlich am Tropf der Aggregatoren“, so Böhme. Mit eigenen Mitgliedern können die Studios langfristig planen, eine emotionale Bindung aufbauen und monatliche Beiträge abrechnen. Anders bei Plattformkunden. Sei ein Konkurrent attraktiver, würden im Zweifel von heute auf morgen die Kunden wegbrechen. „Unter Umständen gehen die Clubs dann schnell über den Jordan.“
Da sei eine gewisse Vorsicht geboten, sagt der Betreiber eines deutlichen kleineren Kölner Sportanbieters, der anonym bleiben will. Wir nennen ihn Jörg Münchner. „Als Unternehmen muss man aufpassen, nicht zu abhängig von den Aggregatoren zu werden“, sagt er. Die Vergütung pro Check-in sei Verhandlungssache. Der Eintrittspreis für Direktkunden liegt in seinem Laden, der sich auf eine spezifische Sportart konzentriert, aktuell bei 12,50 Euro. Buchen die Kunden über eine Plattform, sei es hingegen weniger, bei Urban Sports Club zwischen 15 und 20 Prozent. Von Kollegen aus der Branche wisse er, dass sie zum Teil deutlich höhere Rabatte in Kauf nehmen müssen, obwohl die Kosten pro Besucher natürlich gleich blieben. „Und wenn man die Preise anhebt, gehen die Aggregatoren nicht sofort mit. Da muss man bis zur nächsten Verhandlungsrunde warten“, das sei ein Problem des Geschäftsmodells. Trotzdem könne man sich nicht entziehen.
In Köln ist Urban Sports Club der Marktführer – Kunden erwarten Kooperation
„Der Druck ist da. Man kann nicht einschätzen, wie die Besuchs- und Umsatzzahlen ohne die Plattformen aussähen. Die Kunden erwarten nun einmal die Kooperation, gerade in Köln.“ Hier ist Urban Sports Club der Platzhirsch. „Und darüber sind sie sich auch bewusst, die ziehen schon an.“ Der „Zeit“ sagte Urban-Sports-Club-Chef Moritz Kreppel, man nehme den Studios viel administrative Arbeit ab, „damit sie sich auf ihre Passion konzentrieren können, nämlich auf den Sport“. Ganz so selbstlos agieren sie dann aber doch nicht. Sei es vor einigen Jahren noch vermehrt um Akquise gegangen, merke Münchner nun, dass USC den besten Preis herausholen wolle. „Klar, die wollen Geld verdienen.“

Der Kölner Nils Barkhoff ist Geschäftsführer von Original Bootcamp – auch sein Unternehmen kooperiert mit Urban Sports Club und weiteren Plattformen.
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Nils Barkhoff sieht die Zusammenarbeit mit den Dienstleistern unterm Strich dennoch als Win-win-Situation: Zeiten, die durch den Hauptkundenstamm nicht ausgelastet seien, können gefüllt werden, die Sichtbarkeit und die Chance, neue Kunden zu erreichen, steige. Nils und seine Frau Saskia Barkhoff sind Gründer und Geschäftsführer von Original Bootcamp, einem Kölner Unternehmen, das in mehr als 200 deutschen Städten Outdoor-Fitness-Camps und in einer loftartigen umfunktionierten Fabrikhalle, der Bootbox, Sportkurse in Ehrenfeld anbietet. Etwa 10.000 Menschen bringe Original Bootcamp so im Jahr in Bewegung.
„Risiko der Kannibalisierung“ – Direktmitglieder wechseln zu Plattformen
Mit achtwöchigen Programmen setzen die Barkhoffs jedoch eigentlich auf den Gemeinschaftsgedanken und längere Verpflichtungen als es die flexiblen und punktuellen Buchungen von Plattformkunden zulassen. „Wir haben lange gesagt, die Kooperation macht für uns keinen Sinn.“ Doch die Vertriebler der Aggregatoren seien hartnäckig. „Das sind Profis.“ Barkhoff verhandelte Sonderkonditionen, die zu seinem Konzept passen. Im Bereich Outdoor-Fitness sei Original Bootcamp Marktführer: „Wir sind mit Abstand die größten. Das Interesse war groß, mit uns zusammenzuarbeiten und der Kontakt auf Augenhöhe“, sagt er. Studios mit weniger Verhandlungsmacht müssen sich hingegen den Bedingungen der Aggregatoren anpassen.
Ein Nebeneffekt, den Nils Barkhoff kritisch betrachtet: „Dadurch, dass der Payout pro Teilnehmer geringer ist, sieht man immer mehr Kurse, in denen 20, 30, 40 Leute in einem kleinen Raum in einem angemieteten Keller durchgeschleust werden. Exklusivere Angebote, weniger Leute und mehr Qualität, das ist in Zusammenarbeit mit den Aggregatoren zumindest schwieriger umsetzbar, weil man pro Kunde weniger verdient.“ Außerdem gebe es das „Risiko der Kannibalisierung“. Mit Mitgliedern, die vorher privat gebucht haben und über einen der Dienstleister zurückkommen, nehme man weniger ein.
Trotz steigender Nachfrage nach Sportangeboten müssen sich Einzelkämpfer und Neueinsteiger das große Geschäft im Wachstumsmarkt Fitness vor diesem Hintergrund wohl abschminken. „Das werden die Ketten und Aggregatoren unter sich ausmachen“, sagt Frank Böhme. Dem Rest bleibe nur, sich möglichst spitz aufzustellen, sich mit „extremst gutem Service“ ein gewisses Image aufzubauen und einzusehen, dass es nicht mehr ohne Aggregatoren gehe.


