Trading-Apps machen den Börsenhandel zum Spiel. Experten warnen: Die spielerischen Elemente können süchtig machen.
Zocken statt AnlegenWie Trading-Apps Nutzer zum spekulativen Handeln verleiten

Trading-Apps liegen im Trend: Wer dabei vor allem den Nervenkitzel durch schnelle Gewinne oder Spekulationen sucht, kann aber suchtähnliches Verhalten entwickeln.
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Börsengeschäfte lassen sich via Smartphone sekundenschnell abwickeln. Der Erwerb und die Veräußerung von Wertpapieren wie Aktien, Kryptowährungen oder Derivaten sind durch Trading-Anwendungen rund um die Uhr durchführbar. Was für einige als nützlich empfunden wird, verführt andere zu wiederholtem, riskantem Agieren.
Der Begriff Trading bezeichnet dabei nicht ausschließlich kurzfristige, sondern häufig auch spekulative Transaktionen mit Börsenprodukten. Mittels Applikationen, die in der Regel selbsterklärend und anwenderfreundlich konzipiert sind, können gegenwärtige Entwicklungen an den Finanzmärkten mühelos beobachtet werden. Sie regen zudem auch Neulinge zu spontanen An- oder Verkaufsentscheidungen an.
Allerdings birgt der Umgang mit Trading-Anwendungen Gefahren und kann ein Suchtpotenzial entfalten. «Die hinter Trading-Apps steckenden Neobroker tun alles, um das Trading für Nutzer einfach und unterhaltsam zu machen», äußert Prof. Falk Kiefer, Ärztlicher Direktor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Vorstand der Deutschen Suchtstiftung.
So werden in den Anwendungen zum Beispiel komplizierte Finanzinstrumente oft in einer spielerischen Form dargeboten. Anwender werden mittels Challenges, Badges (Abzeichen) und Levels dazu motiviert, die Applikation möglichst oft zu starten und zu handeln.
Spielerische Elemente fördern Dopamin-Ausschüttung
Wenn beispielsweise Aktien oder ein ETF erworben werden, erscheinen Konfetti-Animationen oder digitale Rubbelkarten. «Das kann bei App-Nutzenden dazu führen, dass bei ihnen ähnlich wie bei Glücksspielen verstärkt das Glückshormon Dopamin freigesetzt wird», so Kiefer. Eine mögliche Konsequenz ist impulsives anstelle von überlegtem Handeln sowie eine zu hohe Risikobereitschaft.
Des Weiteren ist der Handel über das Mobiltelefon jederzeit möglich. Push-Benachrichtigungen von Trading-Anwendungen liefern Kursinformationen in Echtzeit. «Die Angst, etwas Wesentliches zu verpassen, kann dazu führen, dass man permanent über die App die Kurse checkt und handelt», so Kiefer.
Hinzu kommt, dass die Betreiber mit extrem niedrigen oder gar kostenlosen Transaktionsgebühren werben, um Nutzer zu möglichst vielen Transaktionen zu bewegen. «Die Broker bekommen statt der klassischen Ordergebühren vom Kunden Rückvergütungen von den Handelsplätzen, und damit verdienen die Broker Geld», sagt Marc Oliver Rieger, Professor für Bank- und Finanzwirtschaft an der Universität Trier. Für die Broker stellt es ein unrentables Geschäft dar, wenn eine Person die Trading-Anwendung nicht regelmäßig verwendet.
Wiederholtes Handeln über Trading-Anwendungen ist meist nicht profitabel, sondern oft mit erheblichen Einbußen verknüpft. Die Forschung belegt laut Rieger, dass private Investoren am profitabelsten agieren, wenn sie passiv in einen breit gestreuten Aktienindex investieren – also ein Finanzprodukt erwerben und es im Depot belassen. «Alles andere ist bestenfalls Spiel, schlimmstenfalls Sucht», so Rieger.
Wer besonders anfällig für Trading-Sucht ist
Wer ist für ein suchtgleiches Verhalten im Kontext des Tradings besonders empfänglich? «Es trifft eher Männer», sagt Rieger. Laut Kiefer sind zudem Personen stark gefährdet, die prinzipiell eine hohe Risikobereitschaft und eine Neigung zu impulsivem Handeln aufweisen.
«Anfällig für ein Suchtverhalten sind außerdem Menschen, die mithilfe von Trading etwas gegen Einsamkeit, Depressionen oder Langeweile tun möchten», so Kiefer. Auch Individuen, die bloß den «Nervenkitzel» durch schnelle Profite oder Spekulationen anstreben, können durch Trading-Anwendungen ein suchtähnliches Verhalten ausbilden.
Warnsignale für problematisches Handelsverhalten
Es existieren Warnsignale, die darauf hindeuten, dass das persönliche Trading-Verhalten bedenkliche Merkmale annimmt. Kiefer rät, sich selbst genau zu beobachten: Nimmt das Trading zu viel Zeit in Anspruch und werden dadurch soziale Kontakte, Hobbys oder sogar der Job vernachlässigt, ist das ein erstes Alarmsignal. Weitere Hinweise können sein, dass Nutzerinnen und Nutzer
Wege aus der Sucht: Einsicht ist der Anfang
Es gibt jedoch Methoden, dieses Verhalten abzulegen. «Wichtig ist die Selbsterkenntnis, dass man in Sachen Trading ein Suchtverhalten entwickelt hat», sagt Kiefer. Um für sich selbst einen Beleg zu schaffen, kann das Führen eines Tagebuchs hilfreich sein. «Darin schreibt man wahrheitsgemäß auf, wie oft man täglich handelt, welche Gewinne und Verluste man dabei macht und welche Folgen die Verluste für einen haben», so Kiefer.
In einem folgenden Schritt können Betroffene versuchen, durch klare Obergrenzen für die investierte Zeit und das eingesetzte Geld die Nutzung der Trading-App auf ein normales Maß zu senken.
Daneben sollten Betroffene ergründen, aus welchen Motiven sie permanent die Trading-App nutzen und handeln: Geschieht es aus Langeweile? Aus Einsamkeit? Dann ist es ratsam, den Fokus auf andere Lebensbereiche anstelle des Handelns zu legen. «Etwa auf soziale Kontakte oder Hobbys wie Sporttreiben», sagt Kiefer.
Professionelle Unterstützung bei Trading-Sucht
Reicht die Selbsthilfe nicht aus, sollten Betroffene Suchtberatungsstellen etwa der Caritas, psychosoziale Beratungsstellen oder ambulante Suchtambulanzen an Universitäten aufsuchen.
«Wenn Betroffene das Handeln über die Trading-App trotz schwerwiegender negativer Konsequenzen wie etwa hohen Schulden fortsetzen, ist oftmals eine Therapie angezeigt», sagt Kiefer.
Eine Option könne etwa die kognitive Verhaltenstherapie sein. Mit ihr lassen sich auslösende Mechanismen wie etwa Gier oder Selbstwertprobleme identifizieren und das Verhalten mit Blick auf die Trading-App verändern.
(dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.