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Kommentar

Werbeverbot für Süßwaren
Falscher Reflex, der Wirkung verfehlt

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ARCHIV - 30.01.2022, Nordrhein-Westfalen, Köln: Süßigkeiten sind auf einem Stand einer früheren Ausgabe der ISM - Internationale Süßwarenmesse zu sehen.  (zu dpa: «Höhere Kosten: Süßwaren-Branche produziert weniger») Foto: Henning Kaiser/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

ARCHIV - 30.01.2022, Nordrhein-Westfalen, Köln: Süßigkeiten sind auf einem Stand einer früheren Ausgabe der ISM - Internationale Süßwarenmesse zu sehen. (zu dpa: ´Höhere Kosten: Süßwaren-Branche produziert weniger») Foto: Henning Kaiser/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Chefreporter Thorsten Breitkopf findet, dass ein Werbeverbot nichts bringt, auch weil durch andere Lebensmittel „versteckt“ viel mehr Zucker aufgenommen wird als durch Süßigkeiten.

Süßigkeiten in zu großen Mengen zu essen, ist keineswegs gesund, für Kinder nicht und auch nicht für Erwachsene. Gummibärchen, Schokolade oder Lebkuchen sollten eine Belohnung bleiben, etwas Besonderes, ein Geschmacksgeschenk – kein Ersatz für gesundes Essen, keine Frage. Großbritannien hat Werbung für Süßkram nun tagsüber verboten. Viele liebäugeln auch mit einem solchen Verbot. Der deutsche Reflex, alles was irgendwie schädlich sein könnte, gleich zu verbieten ist überzogen. Ein Werbeverbot für Süßigkeiten wird den Zuckerkonsum der Deutschen nicht nachhaltig reduzieren. Dafür sprechen mehrere Argumente. Die größten Zuckermengen nehmen die Deutschen nicht durch Haribo und Rittersport zu sich.

Den meisten Zucker nehmen wir durch unverdächtige Nahrungsmittel auf. Besonders viel Zucker versteckt sich in Konserven und Fertigprodukten, in denen wir ihn aufgrund des eher herzhaften Inhalts gar nicht vermuten. So weisen etwa Gewürzgurken, Rollmops, Ketchup, Soßen und Rotkraut einen hohen Zuckergehalt auf. Sogar Wurst kann Zucker enthalten. Wollen wir Werbung für diese Produkte auch noch unisono verbieten? Ich würde davor dringend warnen. Verglichen mit diesen hochverarbeiteten Lebensmitteln sind Süßigkeiten sogar sehr ehrlich und transparent. Wer Schokolade isst, weiß, dass Zucker drin ist. Bei den Gewürzgurken wäre ich mir da nicht so sicher.

Meister Zucker aus Soft-Drinkts

Die möglicherweise größte Menge an Zucker nehmen die deutschen Konsumenten ebenfalls nicht per Weingummi und Schokohasen zu sich, sondern als erfrischende Cola oder Limonade. Als Zwischenfazit lässt sich sagen: Durch ein Süßigkeiten-Werbeverbot wird recht wahllos eine einzelne Warengruppe sanktioniert. Oder anders gefragt: Wer definiert, was Süßigkeiten sind?

Fraglich ist auch, wie das Werbeverbot wirken soll. Es kommt nicht auf die naschenden Kinder an, sondern darauf, wer den Familieneinkauf managed, und das sind in aller Regel die Eltern und nicht deren zuckersüße Kinder. Erwachsenen ist zuzutrauen, selbst zu erkennen, dass Produkte von Ritter nicht zwingend etwas mit Sport zu tun haben.

Obendrein verspricht die Werbung ja nicht in erster Linie, Süßigkeiten an sich zu verzehren, sondern das entsprechende Produkt eines Konzerns zu bevorzugen, und nicht das des Konkurrenten.

Am Ende ist es auch eine Frage der Freiheit. Konsumenten sollten frei entscheiden dürfen, was sie kaufen. Und die Industrie sollte die Freiheit haben, ihre Produkte bestmöglich zu bewerben. Auch das ist Soziale Marktwirtschaft. Und zu guter Letzt: Schokoladenwerbung verbieten? Aber vor jedem Fußballspiel das auch Kinder gucken kommt Werbung für das berauschende Getränke, das aus „Felsquellwasser gebraut“ wurde? Irgendwie schief, oder?