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Kölner Parteienlandschaft im Umbruch – Linke könnte CDU einholen

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Politischer Konkurrenzkampf am Laternenpfahl: Viele Wahlplakate für die Kommunalwahl 2025 auf der Venloer Straße.

Politischer Konkurrenzkampf am Laternenpfahl: Das Bild zeigt Wahlplakate für die Kommunalwahl 2025 auf der Venloer Straße. 

Welche Partei hat die meisten Mitglieder in Köln? Was heißt das für Wahlerfolge? Ein Parteiexperte erklärt die neuesten Entwicklungen.

Gerade rund um Wahlen gewinnen die Parteien in Köln häufig Mitglieder. Doch der Blick des „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf die Mitgliederentwicklung in den vergangenen zehn Jahren zeigt: SPD und CDU mit weitem Abstand vorneweg und danach lange nichts – das war einmal. Die fünf wichtigsten Erkenntnisse. 

1. Die einst großen Spitzenreiter verlieren Mitglieder

Lange Jahre waren CDU und SPD die Parteien in Köln mit den meisten Mitgliedern: Die CDU etwa hatte im Jahr 1978 insgesamt 9757, die SPD im Jahr 1990 insgesamt 10.975. Das ist lange her und vorbei. Mittlerweile sind es bei der Union unter 4000, und zwar 3949. Die Sozialdemokraten versammeln noch 4867 (zu den Angaben der SPD siehe auch der Infotext).

Die CDU nannte als Ursache, dass „viele Parteien“ Mitglieder verlören, das sei ein „allgemeiner Trend“. Und der Kölner Kreisverband habe seine Datenbank bereinigt, „etwa wenn Mitglieder nach einem Umzug nicht mehr erreichbar sind oder der Erhöhung des durch die Bundespartei vorgegebenen Mindestbeitrags nicht zustimmen wollten“. Wie mehrfach berichtet, hatte die Kölner CDU viele Mitglieder, die teils über Jahre keine Beiträge gezahlt hatten. Ex-Parteichef Karl Mandl hatte angekündigt, das zu ändern.

Die SPD ging auf Anfrage nicht auf mögliche Gründe für den Mitgliederverlust ein.

Die Grafik zeigt die Mitgliederentwicklung der vergangenen zehn Jahre in Köln.

Die Grafik zeigt die Mitgliederentwicklung der vergangenen zehn Jahre in Köln.

Uwe Jun, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Trier, sagte über die Mitgliederverluste: „Die demografische Struktur der CDU und SPD ist der Grund für die Entwicklung ihrer Mitgliederzahlen: Es sterben mehr Mitglieder, als neue eintreten. Diese Entwicklung ist seit vielen Jahren zu beobachten und schreitet immer weiter voran.“

Und: „Wenn die gesellschaftliche Verankerung zurückgeht, ist das ein Problem für SPD und CDU. Sie laufen Gefahr, immer unattraktiver für junge Wählerinnen und Wähler zu werden und sind für Wahlerfolge noch stärker auf ihre älteren Wählerinnen und Wähler angewiesen.“

2. Grüne und Linke werden immer stärker

Die Grünen in Köln haben sich in zehn Jahren versechsfacht, die Linken mehr als verfünffacht. Laut einer Grünen-Sprecherin haben einige Ereignisse besonders stark neue Mitglieder angezogen, beispielsweise 2018 die Protestbewegung zum Hambacher Forst, 2021 die Kanzlerkandidatur von Annalena Baerbock oder 2024 der Bruch der Ampelkoalition.

Sie sagte: „Wir erleben immer wieder, dass die Tabubrüche der AfD Menschen mobilisieren, sich politisch zu engagieren, weil wir als Gegenentwurf zur AfD wahrgenommen werden. Genauso haben wir durch die Klimabewegung eine kontinuierliche Mobilisierung erlebt.“

Uwe Jun, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Trier.

Uwe Jun, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Trier.

Laut Nadine Mai, Co-Sprecherin der Linken, nennen die neuen Mitglieder ein gestiegenes politisches Problembewusstsein als Motivation. „Viele berichten, dass sie den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen mit Sorge begegnen und sich deshalb aktiv einbringen möchten. Dazu zählen insbesondere ein wahrgenommener Rechtsruck in Deutschland und international, etwa im Zusammenhang mit dem Erstarken rechter Kräfte wie der AfD sowie politischen Entwicklungen in den USA.“

Die Bundes-Linke hatte in jüngerer Vergangenheit noch Sorge um ihre Zukunft, doch unter anderem die Rede der Fraktionschefin im Bundestag, Heidi Reichinnek, Anfang des Vorjahres, verschaffte der Linke viel Aufmerksamkeit. Reichinnek forderte Widerstand gegen den Faschismus.

Experte Jun sagte dazu: „Dass Grüne und Linke erfolgreich sind, ist vor allem in Großstädten wie Köln der Fall, das gilt sowohl für die Mitglieder als auch die Wähler. Die Grünen sind vor allem in den mittleren Altersjahrgängen und bei Akademikern populär. Die Linke sind insbesondere bei jungen Menschen beliebt, insbesondere im studentischen Milieu.“

3. CDU und SPD werden überholt oder drohen überholt zu werden

Da die SPD als einzige Partei die Mitgliederzahlen nicht zum 1. März 2026 angibt, bleibt offen, ob sie tatsächlich noch die größte Partei in Köln ist – oder nicht doch die Grünen.

Parteispitze der Grünen: Kirsten Jahn und Cyrill Ibn Salem.

Parteispitze der Grünen: Kirsten Jahn und Cyrill Ibn Salem.

Für die Grünen sagten die beiden Vorsitzenden Kirsten Jahn und Cyrill Ibn Salem: „In zehn Jahren haben wir unsere Mitgliederzahl versechsfacht und gehören inzwischen zu den beiden größten Parteien Kölns. Das zeigt: Die Kölnerinnen und Kölner wollen eine Politik, die Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und Weltoffenheit zusammendenkt.“

Noch ist die CDU auf Platz drei, doch die Linke hat massiv zugelegt im vergangenen Jahr und liegt nur noch 420 Mitglieder hinter der CDU. Hält der Trend an, könnte die Kölner CDU bald hinter SPD, Grünen und Linken nur noch die viertgrößte Partei in Köln sein. Nadine Mai, Co-Sprecherin der Linken, sagte: „Dass wir so dicht an der CDU dran sind, hätte ich nicht gedacht und überrascht mich. Das freut uns.“

4. Mitgliederzahlen alleine sind nicht entscheidend

Parteiexperte Jun warnte davor, nur auf die Mitgliederzahlen zu schauen: „Man darf allerdings nicht einfach von der Mitgliederzahl auf Wahlergebnisse schließen. Trotzdem wird es für CDU und SPD in Großstädten zunehmend schwerer, Erfolge zu erzielen.“

Bei der vergangenen Kommunalwahl holte die Linke knapp 50.000 Stimmen, das entsprach 10,8 Prozent aller Stimmen und reichte für zehn Sitze im 90-köpfigen Stadtrat. Das ist noch ein gutes Stück entfernt von CDU und SPD, die gut 91.000 Stimmen (19,9 Prozent) einsammelten. Diese Anzahl reichte für jeweils 18 Sitze im Rat. Rund 115.000 Menschen wählten die Grünen (25 Prozent, 22 Sitze).

5. Unterschiedliche Entwicklungen bei FDP, Volt und AfD

Bei den Wählerinnen und Wählern hat die FDP gerade arge Probleme, schaffte es nicht mehr in die Landtage von Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg. In Köln bleibt die Anzahl der Mitglieder relativ konstant bei 1100. Damit ist der Kölner Kreisverband laut Vize-Chef Filip Günther der größte in Deutschland.

Filip Günther von der FDP.

Filip Günther von der FDP.

Günther bezeichnete die Lage als „recht stabil. Klar ist, dass wir aufgrund schwindender bundespolitischer Berichterstattung noch härter um Aufmerksamkeit für liberale Politik kämpfen müssen.“

Erst 2018 war Volt in Deutschland gegründet worden, zwei Jahre später zog die vierköpfige Fraktion in den Stadtrat ein und bildete direkt ein Mehrheitsbündnis mit Grünen und CDU. Mittlerweile hat die Partei in Köln 452 Mitglieder, vor fünf Jahren waren es nur 189.

Eine Sprecherin sagte: „Betrachtet man das Zeitfenster seit 2021, hat Volt Köln die Mitgliederzahl mehr als verdoppelt. Dies werten wir als deutliches Zeichen dafür, dass unser pan-europäischer und pragmatischer Ansatz in der Kölner Stadtgesellschaft dauerhaft Fuß gefasst hat.“

Mehr als verdoppelt hat sich auch die AfD auf 331 Mitglieder. Laut des Kölner Parteichefs Crister Cremer „können das Heizungsgesetz im Jahr 2023, die vorgezogene Bundestagswahl aber auch die Kommunalwahl als Ereignisse, die das Wachstum getrieben haben, identifiziert werden“.