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Blick nach vornDer Olympia-Traum ist geplatzt – so will Köln die Euphorie retten

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Und er merkt nicht, was er tut: DOSB-Präsident Thomas Weikert nimmt die Ergebnisverkündung vorweg. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) findet es lustig, Moderatorin Esther Sedlaczek eher nicht.

Und er merkt nicht, was er tut: DOSB-Präsident Thomas Weikert nimmt die Ergebnisverkündung vorweg. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) findet es lustig, Moderatorin Esther Sedlaczek eher nicht. 

Nach der Wahl in Baden-Baden wollen die Sieger aus München und Verlierer Köln-Rhein-Ruhr die Sommerspiele zusammen nach Deutschland holen.

Eine kleine Unachtsamkeit im entscheidenden Moment kann große Momente im Sport unverhofft zunichte machen. Athletinnen und Athleten wissen das. Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und einst Bundesligaspieler im Tischtennis, weiß das auch.

Deshalb hatte er geprobt, wie er den Zettel aus dem Umschlag holt, ohne die allseits erwartete Information zur Unzeit zu präsentieren. Doch am Samstagnachmittag im Kurhaus von Baden-Baden ging das Manöver schief. Während Weikert noch mit Moderatorin Esther Sedlaczek sprach, zuppelte er ohne hinzugucken am Umschlag herum und jeder konnte sehen, was noch nicht gezeigt werden sollte: München.

Sedlaczek hatte sichtlich Mühe, nicht aus der Haut zu fahren angesichts dieser Panne. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dagegen lächelte amüsiert. Er war extra angereist, um den nationalen Bewerber um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 zu verkünden. Nun improvisierte er: „Wer es noch nicht gesehen hat, dem sage ich: Der Sieger ist München.“

Freudige Erwartung vor der Entscheidung in Köln. Nachdem München als Sieger verkündet feststand, leerte sich das Sport & Olympia Museum schnell.

Freudige Erwartung vor der Entscheidung in Köln. Nachdem München als Sieger verkündet feststand, leerte sich das Sport- und Olympia-Museum schnell.

Die bayrische Delegation im Kurhaus in Baden-Baden, angeführt von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und von Münchens Oberbürgermeister Dominik Kraus (Grüne), begann immerhin erst jetzt mit dem Jubel. Fecht-Olympiasiegerin Britta Heidemann, eines der Gesichter der NRW-Bewerbung, fand folgende Worte für die Situation: „Als der Umschlag schon vor der Verkündung zu sehen war, war das einen kurzen Moment sogar ein bisschen lustig. Bis mir klar wurde, dass da München steht.“

Köln scheitert mit Olympia-Bewerbung

München, nicht Köln-Rhein-Ruhr. Die NRW-Olympiaträume sind damit zerplatzt. Hunderte Menschen aus Sport und Politik erlebten diesen Moment im Deutschen Sport- und Olympia-Museum bei einer vom Land NRW und von der Stadt Köln organisierten „Watch-Party“. Ein Raunen ging durch die Menge, die fröhliche Anspannung schlug um in Fassungslosigkeit.

Nach der Entscheidung leerte sich das Museum rasch. Die große After-Show-Party stieg in München, nicht in Köln. Die Entscheidung war zu einem Duell zwischen München und Köln-Rhein-Ruhr geworden, da mit Hamburg und Berlin die beiden weiteren Interessenten im Bewerbungsprozess vorzeitig ausgestiegen waren.

In München wurde nach dem Entscheid in Baden-Baden gefeiert.

In München wurde nach dem Entscheid in Baden-Baden gefeiert.

Vor der Ergebnisverkündung hatte Steinmeier gesagt: „Nutzen wir den Schwung der Bewerbung und bringen wir unser Land nach vorn. Zeigen wir, dass wir ein Land der Möglichkeiten sind.“ Und: „Nutzen wir den Schwung der Bewerbung aber auch, um zu bekräftigen, wer wir sind und bleiben wollen: ein weltoffenes, liberales und demokratisches Land. Freundlich, zuversichtlich und zupackend. Ein Land, das die Erinnerung wachhält und sich der Verantwortung bewusst ist, die aus seiner Geschichte erwächst.“

Die achte deutsche Olympiabewerbung nach sieben Niederlagen sei bisher „ein langer, sicher nicht immer einfacher Weg“ gewesen, hatte DOSB-Präsident Weikert in seiner Rede zur Eröffnung der Versammlung gesagt. Anschließend geriet die Veranstaltung mehr zu einem bunten Plädoyer für den olympischen Sport und hatte nur noch wenig von einer reinen Sportfunktionärssitzung.

Boris Becker unterhält mit Anekdote

So unterhielt etwa Boris Becker mit einer Geschichte von seinem Olympiasieg 1992 im Tennis-Doppel zusammen mit seinem damaligen Erz-Rivalen Michael Stich: „Wir haben bis zum Halbfinale nicht miteinander geredet.“ Danach wurde gesprochen und zusammen gewonnen – aber nicht gemeinsam gefeiert. Vor dem von ihm organisierten Abendessen sei Stich bereits abgereist, sagte Boris Becker. Erst in diesem Jahr, fast 35 Jahre später, hätten sie das gemeinsame Essen doch noch nachgeholt. Über den Sieg von damals sagte Becker: „Im Alter bedeutet die olympische Goldmedaille mehr als die Wimbledonsiege.“ Und: „Sport ist grenzenlos, Sport hat keine Religion, Sport bringt Menschen zusammen.“ Das könne das Land aktuell gut gebrauchen.

Mit Boris Becker auf der Bühne warb die Kölnerin Kathrin Marchand für die Spiele und den Sport insgesamt. Sie war zweimal als Ruderin bei Olympia und nach einem Schlaganfall als Pararuderin und Paralangläuferin einmal bei Sommer- und einmal bei Winter-Paralympics. „Ich bekomme selbst Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke, was man mit Sport alles erreichen kann“, sagte die 35Jahre alte Ärztin. Sie hatte ihre sportliche Karriere beendet, als sie den Schlaganfall erlitt. Seither lebt sie mit Einschränkungen in der Funktionalität ihrer linken Körperseite. Sie kehrte als Paraathletin zurück in den Sport und sagt: „Sport zu machen, hat mir so viel Kraft und Selbstvertrauen gegeben.“

Athleten wollen Mut machen mit Olympia

Seinen ersten großen Auftritt als Sport-Staatsminister hatte Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe. „Bevor Olympia für mich ein Erfolg war, war es eine Inspiration“, sagte der 44-Jährige: „Und das kann es für Kinder und Jugendliche in Deutschland wieder werden. Olympische und Paralympische Spiele können ein ganzes Land in Bewegung bringen, Menschen verbinden und Mut machen.“

Dressurreiterin Isabell Werth, die bereits acht Olympiasiege feiern konnte, argumentierte ähnlich: „Wir haben es gerade sehr nötig, ein gemeinsames Ziel vor Augen geführt zu bekommen.“ Hinter diesem gemeinsamen Ziel Olympia versammelten sich am Samstag sehr schnell sowohl Gewinner als auch Verlierer.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte, es gehe jetzt nicht mehr um eine bayrische Bewerbung, sondern um eine deutsche: „Wir wollen alles geben, damit wir am Ende gemeinschaftlich als Deutschland, als Partner für Nord, für Süd, für Ost und West unser Land repräsentieren. Das ist unser Ziel, und dafür wollen wir arbeiten.“ Sein NRW-Amtskollege Hendrik Wüste (CDU) erklärte, jetzt „voll ins Geschirr“ gehen zu wollen für diese deutsche Bewerbung.

Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) gönnte sich in Baden-Baden einen kurzen Moment der Freude darüber, Markus Söder und das Münchner Team zum Zittern gebracht zu haben: „Wir haben sie in Bedrängnis gebracht, haben aber letztlich verloren, das akzeptiere ich.“ Wie viele andere aus Sport und Politik, die in die Bewerbung von Köln-Rhein-Ruhr involviert waren, richtete Burmester sein Augenmerk dann schnell auf das, was bleiben könnte von dem Engagement.

Es sei wichtig, „dass wir all das, was wir in Köln und der Region an Energie für den Sport geschaffen haben, in eine Initiative überführen. Ich möchte das ‚Veedel in Bewegung‘ nennen. Wir müssen dafür sorgen, den Sport weiter zu den Menschen zu bringen, in die Vereine, damit das alles nicht verloren geht, was wir jetzt an Begeisterung für den Sport erreicht haben.“