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„Kleine Fluchten“Künstlerische Intensiv-Station

3 min

"Endstation - Sankt Josef's letzter Sommer": So heißt der Titel der Kunstaktion im leerstehenden Krankenhaus Sankt Josef von Königswinter, die wir in unserer Serie „Kleine Fluchten“ vorstellen.

Königswinter – Günter Karl hat reichlich Gras gesät. Und es sprießt prächtig. Ein dichter Rasen führt mitten hinein ins beinahe tropische Idyll des Mannheimer Künstlers. Täglich verändert sich jener Garten in Zimmer 210, den der 65 Jahre alte Karl immer wieder neu erfindet. Bis in die frühen Morgenstunden arbeitet er stets an seinem Werk. "Am Anfang war es ein Trauerraum, den ich meiner verstorbenen Frau gewidmet habe", erklärt er und lädt ein zu einer Erkundungstour. Eintreten ist auf Etage 2 ausdrücklich erwünscht, Fußtritte im Grünen sind stets Teil des Konzepts, "es wächst ja alles nach".

Karl ist einer von 130 Künstlern, die eingezogen sind in das seit Juni 2011 leerstehende, frühere Sankt-Josef-Krankenhaus. "Endstation" heißt das skurrile Projekt, das Helmut Reinelt (56) dort gestartet hat: "Auf den 3000 Quadratmetern ist kaum noch Platz", betont er und freut sich über das Gelingen und die immense Beteiligung. Bis zum 26. August arbeiten die Kunstschaffenden in den Krankenzimmern, präsentieren auf den Stationen ihre Werke. Der Düsseldorfer Fotograf Gerhard Vormwald zählt zu den bekannten unter ihnen. Günter Karl indes ist Schüler von Hans Nagel (1926 bis 1978) und Mitglied einer Abschlussklasse der Werkkunstschule in Mannheim, die im Krankenhaus gerade ihr Wiedersehen feiert. 13 Nationen sind da vereint, Musik und Theater bilden das Rahmenprogramm. Und mehr als 4000 Schaulustige haben sich das Spektakel bisher angesehen.

Auf sechs Geschossen sind Installationen, Skulpturen, Plastiken, Zeichnungen und Gemälde zu sehen - bis das Gemäuer an der Bismarckstraße im Stadtzentrum abgerissen wird. Chris Wickenden aus Kerpen etwa hat einen Untersuchungsraum komplett weiß getüncht und mit Zeichnungen aus jeweils einer einzigen Linie versehen: Aus einer schwarzen formt sich der Untergang der Titanic, während eine rote Linie den Niedergang der Finanzmärkte offenbart. "Ein Thema ist keinem vorgegeben", betont derweil Initiator Reinelt. "Die spannungsgeladene Umgebung ist stark genug."

Geht es im Untergeschoss, der früheren Röntgen-Abteilung, eher moderat und bisweilen erotisch zu, so gleitet die Kunst auf der Intensivstation durchaus ins Hysterische: "Hirngespinst" heißt etwa die Installation von Franca Perschen aus Bad Honnef: Weiße Synapsen winden sich durch einen schwarzen Raum - fällt die Türe ins Schloss, könnte die Atmosphäre kaum beklemmender sein. Dabei sind auf den oberen Etagen die meisten Klinken nicht mehr intakt: Bevor die Künstler kamen, hat die GSG 9 dort geübt, wie man Geiseln befreit. Davon zeugen geborstenes Holz und die schwarzen Spuren von Sprengstoff.

Geprägt vom eigenen Leid ist auch der Raum der Bornheimerin Sabine Herting: Sie hat ihn tapeziert mit den Seiten medizinischer Bücher, die sich mit der eigenen, heute überwundenen Erkrankung beschäftigen. Und Helmut Reinelt erschrickt nun selbst, weil am Kopfende des alten Waschraumes mit Badewanne plötzlich eine Gestalt, die dritte Dimension gewinnend, aus der Wand hervortritt.

Die Krankenhausrealität nimmt Gisela Ellermann aus Troisdorf aufs Korn: "Steriler Raum mit Drecksecke" nennt sie ihr Werk salopp. Blaue Bahnen verhängen den Blick auf das Verbotene, eben auf einen Besen und einen Haufen Dreck. "Den gibt es doch in jedem Krankenhaus", sagt sie überzeugt. Der typische Geruch zumindest, der von Reinigungsmitteln und Desinfektion, der ist in Königswinter zum Glück verflogen.