Kölns ältestes Wohngebäude feiert seinen 1000. Geburtstag. Ein Besuch bei den heutigen Burgherren.
1000 Jahre Herler BurgZu Besuch bei Kölns ältesten und einzigen Burgherren

Kölns ältestes Wohngebäude: Die Herler Burg, hier vom Buchheimer Ring aus gesehen, wurde 1025 erstmals urkundlich erwähnt.
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Nur ein paar Meter neben dem lauten Buchheimer Ring herrscht fast idyllische Ruhe, als hätte eine Zeitmaschine den Besucher in ein anderes Jahrhundert katapultiert. Die Sonne spiegelt sich im Wasser des Grabens der Herler Burg, Zwerghühner laufen über die Wiese um eine dicke, über 500 Jahre alte Esskastanie. Der Herrenhof liegt am Rande eines Areals, das im Mittelalter „Paradyse“ genannt wurde. In dieser Umgebung braucht man nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es hier einmal aussah: Nur wenige Menschen lebten in Höfen und kleinen Dörfern zwischen Viehweiden, Wiesen, Äckern und Buschland. Zweimal im Jahr wurden gemeinschaftlich die riesigen Heuwiesen gemäht, während die Strunde, die man einst den „fleißigsten Bach Deutschlands“ nannte, zahlreiche Mühlen antrieb.
Nicht ohne Stolz zeigt der Burgherr Horst Schlaghecken das Anwesen in Buchheim. „Hier ist immer was zu tun.“ Reparaturen, Grünpflege, Baumbeschnitt – und abends werden die Enten gefüttert. „Auch das gehört zum Programm.“ Über die kleine Burggraben-Brücke seien früher die Kutschen mit den feinen Herrschaften gefahren, berichtet der 89-Jährige: „Adelige, die den Hof von anderen für sich bewirtschaften ließen.“ Zahlreiche frühere Eigentümer der Burg werden in Urkunden und anderen Dokumenten aufgezählt – vom Benediktinerkloster zu Deutz im 11. Jahrhundert über Mathias Johann Adam von Nagel, der 1663 das heutige Herrenhaus erbauen ließ, bis zum Industriebetrieb der Vereinigten Stahlwerke. „Wir zählen mit zu denen, die am längsten drin wohnen – und das als nicht-adelige, einfache Landwirte.“

1000 Jahre Herler Burg: Horst und Margret Schlaghecken auf der Treppe des Herrenhauses aus dem 17. Jahrhundert
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Das älteste Wohngebäude der Stadt feiert seinen 1000. Geburtstag. Auf der rechten Rheinseite gibt es kein älteres Gebäude. Auf der linken Rheinseite wird die Herler Burg, auch „Haus Herl “genannt, nur von einigen wenigen römischen Überresten getoppt. Keine romanische Kirche in Köln ist älter. Im Jahr 1025 wird die Burg, damals noch als „Hof zu Herle“, erstmals in einer Urkunde König Konrads II. erwähnt. Auf Drängen seiner Frau, Königin Gisela, und auf Anraten der Erzbischöfe von Köln und Mainz übergab der „Kaiser der Römer und Mehrer des Reiches“, wie sich Konrad auf dem Urkundensiegel nannte, „zu seinem und seiner Eltern Seelenheil“ ein Stück Land mit einem Hof, Mühlen und einer Kapelle an den Benediktiner-Orden. Hier beginnt die offizielle Geschichte der ehemaligen Wasserburg an der Merheimer Heide. Tatsächlich dürfte der Hof bereits lange vorher existiert haben.

1000 Jahre Herler Burg: Traumgarten mit 500 Jahre alter Esskastanie
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Das Älteste, was man heute noch sieht, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Allerdings geht man davon aus, dass spätmittelalterliches Mauerwerk eines Wohnturms in die barocke Anlage übernommen wurde. Das Haupthaus steht auf den Resten eines rechteckigen Burghauses aus dem Mittelalter.
Wie lebt es sich an solch einem historischen Ort? Für Horst und Margret Schlaghecken scheint sich diese Frage nicht zu stellen. „Für uns ist es normal“, sagt die ebenfalls 89-jährige Burgherrin. Dass sie sich in die lange Reihe der Besitzer einreihen konnten, habe viel mit „Glück“ zu tun. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei sein Vater Georg mit seiner Familie und zwei Karren mit ein bisschen Hab und Gut vom Niederrhein nach Köln gezogen, berichtet Horst Schlaghecken. Bereits 1940 hatte sein Vater bei einem Unfall mit einer Pferdekutsche ein Bein verloren. Im Krieg war der Bauernhof in der Nähe von Wesel zerstört worden. In Köln hoffte die Familie mit sechs Kindern auf eine neue Chance. So ging Georg Schlaghecken zur Verwaltung der britischen Besatzungstruppen und fragte nach Arbeit. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: „Die Briten suchten einen neuen Pächter für die Herler Burg. Da saß irgendein Nazi drin, den sie raushaben wollten“. Der schwerversehrte Landwirt vom Niederrhein pachtete das Anwesen und große Ackerflächen drumherum. Er pflanzte Korn und Zuckerrüben an, hielt Pferde, Rinder und Schweine.

Die Herler Burg ist 1000 Jahre alt. Besuch im ältesten rechtsrheinischen Gebäude Kölns.
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Ein paar Jahre später half wieder die große Politik zu privatem Glück: Die Alliierten forderten die Zerschlagung der Vereinigten Stahlwerke. Nach der Gründung der Bundesrepublik wurde der einst große Industriebetrieb aufgeteilt. Alter Besitz wie die Herler Burg musste für wenig Geld verkauft werden. Die kleine Entschädigung, die sie für ihr ausgebombtes Eigentum vom Niederrhein bekommen haben, machte Kauf möglich, berichtet Horst Schlaghecken, der den Hof vom Vater übernahm und bis 1973 weiter selbst bewirtschaftete.

1000 Jahre Herler Burg: Brücke über dem Graben des ehemaligen Wasserburg in Buchheim
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Schon zuvor hatte sich einiges verändert: „Irgendwann konnten die Kühe nicht mehr über die Straße zur Weide, weil der Verkehr immer dichter wurde“, erinnern sich die Schlagheckens an Chaos und Staus auf dem Buchheimer Ring. Aus dem Kuhstall wurde ein Weingeschäft, aus dem Schweinestall ein Pferdehof. Die Ackerflächen sind heute alle verpachtet.
Der landwirtschaftliche Betrieb wird von der Familie nicht mehr weitergeführt. Sie seien aber optimistisch, dass der ehemals „freiadelige Rittersitz“ und der Hof im Familienbesitz bleibe, erzählen Horst und Margret in ihrer gemütlichen Küche voller Bilder von Kindern und Enkeln. Sie erinnern sich an rauschende Feste auf dem Speicher, Ärger mit strengen Denkmalpflegern, einen Dachstuhlbrand und die verpasste Chance, auch die schöne Herler Mühle gegenüber für schlappe 20 000 Mark zu kaufen. „Was soll ich mit einer alten Mühle?“, habe sein Vater gefragt. Sie dürfte heute Millionen wert sein.
Nicht so gut erinnern können sich die beiden an die nicht ganz unwichtige Frage, wie denn Margret den Weg in die Familie gefunden hat. Sie glaubt, dass sie ihren Mann in den 60er Jahren auf „irgendeiner Bauernversammlung“ kennengelernt habe. Er erinnert sich an eine allmonatliche Veranstaltung mit dem Namen „Kegeln mit Frauen“, zu der Margret von ihrem Bruder mitgebracht worden sei. In jedem Fall habe es ein wenig gedauert, bis man sich nähergekommen ist.

Über dem Eingang zum Herrenhaus sind die Zahlen des Baujahrs 1663 angebracht.
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Die beiden haben im Gegensatz zu vielen anderen Ex-Landwirten im Stadtgebiet der Versuchung widerstanden, mit dem Verkauf von Land zum Beispiel für den Wohnungsbau sehr reich zu werden. Den Erhalt des alten Anwesens, wo schon kleine Erneuerungen und Reparaturen sehr teuer werden können, finanzieren sie durch die Einnahmen aus Vermietungen und Verpachtungen, sagt Horst Schlaghecken. „Wir stellen keine Riesenansprüche. Wenn wir hier an diesem ruhigen Ort leben können, ist es doch gut.“