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Autobahntunnel„Das ist mein Lebenswerk“

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Ein Band aus Stahl, Glas und Beton: In der Tunnelmitte überquert die Aachener Straße das 1,5 Kilometer lange Bauwerk, in das auch die Autobahn-Zufahrten integriert sind.

Lövenich – Andere Hausbesitzer wären empört, wenn ihnen eine vier Meter hohe Betonwand vor die Nase gesetzt wird. Den pensionierten Elektro-Ingenieur Ernst Reinartz macht die Mauer glücklich. „Das ist mein Lebenswerk“, sagt er und sieht dabei sehr zufrieden aus. Ein tiefes Dröhnen dringt aus dem Tunnel hinter der Wand hervor, nicht laut, aber ununterbrochen. Das stört ihn nicht. Kein Vergleich zu dem Getöse, das sein halbes Leben lang jedes Gespräch im Garten erstickt hat; das Gläser auf dem hölzernen Tisch erzittern lies und die Familie trotz teurer Spezialfenster bis ins Wohnzimmer verfolgte.

Reinartz lebt seit 50 Jahren mit dem unangenehmsten Nachbarn, den man sich vorstellen kann: der Autobahn 1 im Kölner Westen. Mehr als 120.000 Lastzüge, Autos und Motorräder rollen täglich an seinem Grundstück vorbei. „Ich habe wohl nicht umsonst meinen Herzinfarkt bekommen“, sagt Reinartz. Für die Menschen am Schlehdornweg ist der Lärmschutztunnel eine Erlösung.

Wer hätte etwas ahnen können von dieser Geschichte des Irrsinns, damals im Jahr 1960, als Reinartz mit seinen Eltern vom Friesenviertel an den Stadtrand nach Junkersdorf zog? Hinter dem Gartenzaun erstreckten sich die Felder, vom Balkon aus reichte der Blick bis zum Frechener Wald. Die Eltern hatten sich einen Flurplan angesehen. Hinter den Parzellen der kleinen Anliegerstraße war eine Trasse eingezeichnet, ausgewiesen als Autobahnzubringer. Eine Zubringerstraße, das sei zu verkraften, habe die Familie entschieden. Im Friesenviertel war es auch nicht gerade leise.

Aus Zubringer wird plötzlich Autobahn

Die Trasse, die auf dem Papier so harmlos gewirkt hatte, wurde nach und nach erweitert. Aus dem Zubringer wurde 1962 eine Autobahn. Aus vier Fahrspuren wurden 1974 durch eine Verbreiterung der Asphaltdecke und die inoffizielle Freigabe der Standstreifen sieben Spuren. Aus dem friedfertigen städtischen Angestellten Reinartz wurde der unerbittliche Vorsitzende der Interessengemeinschaft der Autobahnanlieger. In seinem kleinen Arbeitszimmer steht gleich neben der selbst zusammengelöteten Heimorgel der Marke Dr. Böhm ein Schränkchen mit sieben Leitzordnern und mehr als einem Dutzend Mappen. Gesammelte Werke über einen Kampf gegen Bürokratie und Politik.

In einem Hefter bewahrt Reinartz die Adressen lärmgeplagter Anwohner auf. Gut 250 Grundstücke sind betroffen, in Junkersdorf, Weiden und Lövenich. Ihnen allen musste der Staat Lärmschutzfenster bewilligen. Auf einen Ordner hat er mit Bleistift das Wort „Recht“ geschrieben. Hier befinden sich Gerichtsurteile, Beschlüsse, Anträge, Rechnungen von Rechtsanwälten. Reinartz nimmt ein Schreiben des Landschaftsverbandes heraus. Bereits im November 1975 wurde den Anwohnern bestätigt, das Autobahnamt unterliege aufgrund des neuen Bundesemissionsschutzgesetzes einem „gesetzlichen Zwang“ zum Lärmschutz. „Verbindliche Aussagen“ könnten jedoch nicht gemacht werden, da noch keine Feinplanung vorliege.

Zu der Zeit hieß der Verkehrsminister Kurt Gscheidle. Ihm folgte Volker Hauff. 1984, es war die Amtszeit Werner Dollingers, erfolgte die Genehmigung des Ausbaus durch die sogenannte Planfeststellung. Das Verfahren wurde aufgrund von Einsprüchen jedoch wieder ausgesetzt.

Das Autobahnamt bestätigt den Anwohnern der A1, dass sie laut neuem Bundesemissionsschutzgesetzes ein Recht auf Lärmschutz haben.

Das Bundesverkehrsministerium befürwortet eine Einhausung und trägt die Kosten – man rechnet mit 75 Millionen Euro.

Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes genehmigt die Ausbaupläne für die Autobahn und die Lärmschutzanlage.

Die A1 wird im Bereich Lövenich auf sechs Spuren verbreitert. Wenig später erfolgt der Spatenstich zum Bau der Lärmschutzeinhausung. Die erwartete Baukosten nun: 106 Millionen Euro.

Die „Einhausung“ wird als „Tunnel“ eingestuft, was erheblich aufwendigere Sicherheitsanlagen erfordert. Grund für die Änderung sind mehrere schwere Unfälle in Alpentunneln Frankreichs und der Schweiz. Die Baukosten steigen dadurch auf 150 Millionen, die geplante Fertigstellung verschiebt sich von 2009 auf 2012.

Inzwischen rechnet die Bundesregierung mit Baukosten von 200 Millionen Euro.

Das Dach ist fertig, fast alle Bauarbeiten sind abgeschlossen. Es folgen aufwendige Tests der Sicherheitsanlagen, für die der Tunnel immer wieder voll gesperrt werden muss. Die Brandtests in den Nächten zu vergangenem Dienstag und Mittwoch verliefen reibungslos. Im November muss die A1 aber erneut für mehrere Nächte gesperrt werden. Dann werden der Tüv Rheinland und der Bauherr Straßen NRW den Tunnel abnehmen.

Ab Januar 2014 beginnt der normale Betrieb. In den ersten sechs Wochen wird noch Personal vor Ort das Geschehen überwachen. Anschließend übernimmt das die Tunnelleitzentrale in Duisburg. (og, pb)

Der Verkehr nahm weiter zu. Die Blechkarawane scherte sich nicht darum, dass die Lärm-Grenzwerte durch eine Richtlinie noch einmal gesenkt worden waren – so weit, dass eine Schutzwand für die Anlieger mindestens 17 Meter hoch sein müsste. „17 Meter! Wir hätten die Sonne nicht mehr gesehen“, sagt Reinartz.

Planungspausen und Finanzierungsprobleme

Der Junkersdorfer, mittlerweile Vater zweier Töchter, schrieb weiter Briefe an Verkehrsminister. An Dollinger, an dessen Nachfolger Jürgen Warnke und Friedrich Zimmermann. 1993 erlitt Reinartz einen Herzinfarkt. Er verordnete sich Gelassenheit. Im selben Jahr traf Verkehrsminister Günther Krause kurz vor seinem Rücktritt eine Grundsatzentscheidung: Der Bund übernimmt die Baukosten für ein 1500 Meter langes Lärmschutzbauwerk; eine Einhausung in Leichtbauweise, wie es in der Fachsprache heißt. 75 Millionen Euro sollte die Glashaube kosten. Der Geräuschpegel werde sich um die Hälfte verringern.

1999, erst sechs Jahre später, genehmigte die Bezirksregierung die Ausbaupläne für die Autobahn samt der Lärmschutzanlage. Verkehrsminister zu der Zeit: Franz Müntefering. Ein Jahr darauf, erinnert sich Reinartz, lud die Bürgerinitiative zu einer denkwürdigen Veranstaltung ein: „25 Jahre – Warten auf Lärmschutz“. Eingeladen, aber nicht erschienen: Minister Kurt Bodewig.

Angesichts der Serie von Planungspausen, von nicht eingehaltenen Ankündigungen und schwammigen Zusagen verwundert es nicht, dass der Bund den für das Jahr 2004 vorgesehenen Baubeginn verschob. Finanzierungsprobleme, der verspätete Start der Lkw-Maut, die bevorstehende Fußball-WM und Sonderwünsche der Stadt Köln in Form einer verbreiterten Brücke: „Eins kam zum anderem, es verzögerte sich immer weiter“, sagt Reinartz. Seine beiden Enkelinnen hatten im Garten nie so richtig Spaß.

Die eindringliche Bitte, endlich für den vorgeschriebenen Lärmschutz zu sorgen, verwies der Petitionsausschuss des Bundestages im September 2005 an Verkehrsminister Manfred Stolpe. Im Juni 2006 ließ Wolfgang Tiefensee, der das Amt übernommen hatte, folgendes mitteilen: „Der Bau des Lärmschutztunnels im Kölner Westring wird vorgezogen.“ Der Bund stelle 100 Millionen Euro bereit. Am 8. Februar 2007 rückten tatsächlich die Kolonnen mit ihren Maschinen an.

Vollendung nach fast 40 Jahren

In einem Land, in dem alles aufs Sorgfältigste geregelt ist, zeigt sich der Irrwitz in vielfältiger Weise – in diesem Fall durch einen Baustopp. 18 Monate nach Beginn der Arbeiten erlebten Reinartz und seine Mitstreiter „den nächsten Tiefschlag“. Nach mehreren Bränden in Alpentunneln waren eine Reihe von Bauvorhaben neu bewertet worden, so auch die Anlage an der A 1. Die „oberirdische Lärmschutz-Einhausung in Leichtbauweise“ wurde auf Drängen von Fachleuten im Verkehrsministerium als Tunnel eingestuft.

Damit galten wesentlich schärfere Sicherheitsvorschriften. Der zusätzliche Einbau von Fluchtwegen, Löschvorrichtungen, Überwachungsgeräten und aufwendiger Entwässerungsanlagen ließen die Kosten auf 200 Millionen Euro steigen. Was für die Anwohner schlimmer war: Die Bauzeit sollte sich um zweieinhalb Jahre bis Mitte 2012 verlängern.

Der Testbetrieb läuft. Einige Feinarbeiten bleiben noch zu erledigen, Anfang 2014 wird der Tunnel vollendet sein. Sollte es eine Feier geben, will Reinartz hingehen – ganz gleich, wer dann Verkehrsminister sein wird. Er zeigt auf eine Eibenhecke. Die hat er vor einem halben Jahrhundert gepflanzt; finanziert von den 20.000 Mark Entschädigung, die der Bund für die Enteignung eines 15 Meter langen, sechs Meter breiten Gartenstreifens überwiesen hatte. Der Hausherr stellt den Springbrunnen an. Gegen das Geplätscher hat das Dröhnen der A 1 jedenfalls keine Chance mehr.