Eine Mehrheit im Stadtrat will Pfeifen, anzügliche Sprüche und obszöne Gesten über die Kölner Stadtordnung ahnden. Das sagen Kölnerinnen und Kölner dazu.
Umfrage in Köln zu Catcalling„Es gibt keine Frau, die das nicht kennt“

Als Catcalling, wird nonverbale Belästigung bezeichnet. Das kann Pfeifen, rufen, nachlaufen oder auch eine obszöne Handbewegung sein. Bislang ist Catcalling in keiner deutschen Stadt strafbar.
Copyright: imago/MiS
Eine Mehrheit im Stadtrat will sexualisierte Belästigung im öffentlichen Raum als unerwünschtes Verhalten in die Stadtordnung aufnehmen. Die Verwaltung soll prüfen, ob und wie das möglich ist. Das Vorgehen gegen Catcalling würde dadurch Aufgabe des Ordnungsamts werden. Die Beamten sollen vorab einige Schulungen durchlaufen, um vernünftig mit den Situationen umgehen zu können.
Wir haben uns in der Kölner Innenstadt umgehört und gefragt: Was sagen Menschen zu diesem Vorstoß? Und: Welche Erfahrungen haben sie mit Catcalling gemacht?

Sel Öker, 65 (l.) hatte schon einen Nasenbruch und eine gebrochene Rippen. Er hatte im Zug ein Opfer verteidigt Alessa Scheidler, 31 hat ebenfalls bei einer unangenehmen Situation im Zug Eigeninitiative ergriffen.
Copyright: Lilli Schmittgall
Sel Öker, 65: „Ich weiß, dass sehr viele Frauen die letzte Bahn nicht mehr nehmen. Ich bin gebürtig türkisch und wenn ich auf Türkisch höre, was an der nächsten Station passiert, dann habe ich mich auch schon eingemischt. Wir haben uns dann geprügelt. Am Ende hatte ich einen Nasenbruch und die Rippen gebrochen. Wenn ich was sehe, dann mische ich mich ein. Und das erwarte ich eigentlich von allen.“
Alessa Scheidler, 31: „Ich glaube, da geht noch einiges vorher, bevor man das dem Ordnungsamt zumuten darf. Ich war letztens in der Bahn und da war ein Typ, der wirklich jeder einzelnen Frau ein Küsschen zugeworfen und die dann auf Spanisch und Deutsch angemacht hat. Ich bin zum Fahrer gegangen und habe gefragt, ob sie den Typen rauswerfen können. Aber da standen auch fünf Männer mit in der Bahn und keiner von denen hat sich berufen gefühlt, was zu sagen.“

Sara Piras, 24 findet sich in aufdringlichen Situationen noch oft zu freundlich.
Copyright: Lilli Schmittgall
Sara Piras, 24: „Es wäre super, wenn das Ordnungsamt mehr tun könnte. Ich wohne gerade in der Ehrenstraße. Die ist voll mit Obdachlosen, aber auch Männern, die komisch sind. Es passiert immer, dass Männer auf der Straße mit mir reden, nach einem Date fragen oder meinen Namen wissen möchten. Das finde ich wirklich krass. Ich muss lernen, das zu ignorieren, weil ich nicht will, dass die Situation schlimmer oder gefährlicher wird.“

Pernille Rohwer, 67 sieht das Problem im Machtgefälle von Mann und Frau.
Copyright: Lilli Schmittgall
Pernille Rohwer, 67: „Ich glaube nicht, dass eine Verordnung was bringt. Catcalling passiert nicht, wenn das Ordnungsamt danebensteht. Die Vernünftigen machen das nicht. Die anderen machen es auch weiterhin, weil sie es toll finden und weil sie dann eine gewisse Macht über Frauen verspüren, die sie sonst wahrscheinlich im Leben nie haben.“

Martina Sessing, 66 hat als junge Frau erlebt, dass Catcalling heißt man hätte alles erfüllt was ein Mann von einer Frau erwartet.
Copyright: Lilli Schmittgall
Martina Sessing, 66: „Als junge Frau bin ich damit aufgewachsen, dass Catcalling normal ist und es sogar ein Zeichen dafür ist, dass man begehrenswert ist. Das man also alles das erfüllt, was von dir als Frau erwartet wird. Später habe ich es ignoriert und bin gar nicht darauf eingegangen. Wenn man sich wehrt, kann es dazu kommen, dass man noch aggressiver angegangen wird. Ich finde es gut, dass es Initiativen gibt, die was unternehmen wollen.“

Lisa Kabelitz, 22 wehrt sich meistens gegen Catcalling, indem sie etwas zurückruft.
Copyright: Lilli Schmittgall
Lisa Kabelitz, 22: „Alles, was Catcalling mehr einschränkt, finde ich erst mal positiv. Mitbekommen habe ich Catcalling auf jeden Fall, erlebt auch, aber in Köln gar nicht so viel wie in anderen Städten. Wenn ich nicht alleine bin, sondern zum Beispiel mit Freundinnen, sage ich auch was zurück oder zeige den Mittelfinger. Aber es kommt auch darauf an, wer gecatcalled hat. Wenn ich alleine bin, laufe ich einfach weiter oder telefoniere.

Lia Hermanns, 26 versucht die Belästigungen in den meisten Situationen zu ignorieren.
Copyright: Lilli Schmittgall
Lia Hermanns, 26: „Ich finde den Vorstoß auf jeden Fall gut. Ich weiß nicht, wie realistisch er umsetzbar. Oft sind es Kleinigkeiten, wie Hinterherpfeifen und Hinterherrufen oder Angestarrtwerden. Wenn das Thema überhaupt präsenter gemacht wird, denken Menschen aber vielleicht mehr daran und schalten sich ein, wenn sie etwas sehen.“

Judith Schmirl, 56 (l.) will, dass Männer ihr verhalten mehr reflektieren, Linn Schmirl, 25 sieht in Catcalling die Vorstufe zu weiterem übergriffigem Verhalten.
Copyright: Lilli Schmittgall
Judith Schmirl, 56: „Ich glaube, es gibt keine Frau, die das Thema nicht kennt. Es wäre toll, wenn Männer mit offenen Augen durch die Gesellschaft gehen und versuchen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen. Bei uns war Catcalling normal, wir sind dann weggegangen. Aber es stellt sich die Frage: Warum muss ich weggehen, weil sich jemand anders falsch verhält?“
Linn Schmirl, 25: „Ich fände toll, wenn das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommt. Catcalling bringt einen in eine unangenehme Situation. Man versucht, das Problem dann kleinerzureden, als es eigentlich ist, weil es keine Hilfe gibt und keine Anlaufstellen. Catcalling beginnt schon bei Kleinigkeiten und das ist der Anfang von einem misogynen und übergriffigen Verhalten. Man fragt sich auch selbst: Bin ich jetzt empfindlich oder ist das wirklich übergriffig gewesen?“

Jens Berens, 38, erlebt Belästigung meistens im Nachtleben. Seine Vermutung: Alkohol lässt Hemmungen fallen.
Copyright: Lilli Schmittgall
Jens Berens, 38: „Vielleicht kommt durch so eine Initiative mehr in das Bewusstsein der Menschen, dass Catcalling nicht in Ordnung ist. So zu tun, als hätte ich das noch nie mitbekommen, wäre wahrscheinlich gelogen. Es ist leider klar, dass, wenn man abends feiern geht und Leute betrunken sind, Hemmungen fallen oder sexistische, unangebrachte Sprüche. Das ist sehr präsent, da muss man sich gar nichts vormachen.“

Irene Krause, 57, hat Catcalling als junge Frau besonders erlebt, wenn sie freizügiger gekleidet war.
Copyright: Lilli Schmittgall
Irene Krause, 57: „Man sollte die Menschen in die Schranken weisen, ganz klar, aber bestrafen? Das weiß ich nicht. In jungen Tagen habe ich das auf jeden Fall auch erlebt. Je nachdem, wie wir angezogen waren. Vielleicht hat man es auch an mancher Stelle herausfordern wollen. Wenn man jetzt High Heels und einen kurzen Rock anhätte, könnte man das sicher provozieren.“

Hannah Mertens, 24 (l.), und Franziska Gissel, 26, könnten stundenlang über ihre Erlebnisse berichten.
Copyright: Lilli Schmittgall
Hannah Mertens, 24: „Ich glaube, dass das Ordnungsamt eine gute Instanz dafür ist, weil die viel in der Stadt unterwegs sind und man dann eine direkte Anlaufstelle hat. Erst gestern kam ein Mann auf mich zu und rief: ‚Ey du siehst gut aus, wie ist dein Name?‘ Ich hatte sichtbar Kopfhörer drin und wollte gerade offensichtlich nicht mit ihm sprechen. Ich habe das dann auch direkt kommuniziert und er ist auch zum Glück weggegangen.“
Franziska Gissel, 26: „Ich glaube tatsächlich, dass es was ändern würde, weil es scheinbar nicht reicht, dass Catcalling verrufen ist. Vielleicht muss man dann mit Strafen dran. Das kann schon einen abschreckenden Effekt haben. Vor ein paar Tagen hat mich ein Mann anmiaut, als ich auf dem Fahrrad saß. Heute war ich im Sportkurs und da hat uns ein Mann durchs Fenster zugeschaut, bis die Trainerin ihn verjagt hat.“
