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Die Olympia-WahlEntscheidung zwischen Köln, München und Berlin

9 min
So sollen Olympiastadion und Olympisches und Paralympisches Dorf im späteren Kölner Stadtteil Kreuzfeld aussehen.

So sollen Olympiastadion und Olympisches und Paralympisches Dorf im späteren Kölner Stadtteil Kreuzfeld aussehen.

Wer soll deutscher Bewerber um die Austragung der Spiele 2036, 2040 oder 2044 werden? Ein Vergleich der Konzepte. 

Köln tritt zusammen mit der Region sehr selbstbewusst und mit markigem Slogan gegen die beiden ehemaligen Olympia-Städte Berlin (1936) und München (1972) an: „Die größte Bühne für den größten Moment“ will man in den 15 beteiligten Städten an Rhein und Ruhr bieten. Seit zehn Jahren wird am Konzept getüftelt, so nah dran am Erfolg wie in dieser Bewerbungsphase war man noch nie.

Olympiastadion und Dorf

Anders als Berlin und München fehlt Köln-Rhein-Ruhr ein Leichtathletikstadion und damit das olympische Herz. Es soll zusammen mit dem Olympischen und Paralympischen Dorf im Kölner Norden entstehen, auf einem Acker, der seit einem Jahrzehnt für das neue Stadtviertel Kreuzfeld vorgesehen ist. Nach den Spielen soll das Stadion mit Hilfe modularer Bauweise weiterentwickelt und Teil eben jenes Veedels werden. So etwas gab es noch nicht in der Historie Olympischer Spiele, diese Verquickung des Ringe-Events mit dem Leben der Bevölkerung vor Ort könnte dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gefallen, das gegen seinen Ruf kämpft, Ausrichterstädten sein Megaevent gegen jede Vernunft und die tatsächlichen Bedürfnisse gnadenlos überzustülpen.

Internationale Strahlkraft

Hier liegt ganz offen die Achillesferse des NRW-Konzepts. Am Ende gilt es, mit dem deutschen Bewerber die Delegierten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu überzeugen. Kann das die Region Rhein-Ruhr? Bei München und Berlin darf man zumindest sicher sein, dass alle im IOC schon mal von diesen Städten gehört haben. Also wurde Köln Ende des vergangenen Jahres zur Leading City der seit zehn Jahren schwelenden Rhein-Ruhr-Bewerbung hochgestuft. Vielleicht war das der entscheidende Schachzug. Vielleicht konnten der Dom und ein umtriebiger Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester, der mal Vorstandsvorsitzender des DOSB war und in den letzten Monaten gern mit Fecht-Olympiasiegerin Britta Heidemann Werbung für die Spiele an Rhein und Ruhr gemacht hat, im deutschen Sport das Vertrauen wecken, dass Köln-Rhein-Ruhr die Welt in seinen Bann ziehen kann.

Die Fakten

Hier betont jeder Bewerber bislang seine Stärken. Köln-Rhein-Ruhr wirbt mit einem Kontingent von bis zu 17,6 Millionen Tickets und 160 Millionen Menschen, die in einem Radius von 500 Kilometern um die Ausrichterregion liegen. Jedes zehnte Ticket soll vergünstigt angeboten werden. „Rekordkulisse“ heißt es im Konzept. Und Rekorde sind ja bekanntlich viel wert im Sport, das könnte die IOC-Mitglieder, die irgendwann 2029 den Olympia-Ausrichter mindestens für 2036 bestimmen, durchaus reizen. 100 Prozent der Sportstätten seien zudem bereits vorhanden oder würden temporär errichtet – siehe Leichtathletik-Stadion.

Die Zustimmung

Köln-Rhein-Ruhr wirbt damit, so viele Bürgerinnen und Bürger wie nie zuvor in die Entscheidung über die Olympiabewerbung einbezogen zu haben. 1,5 Millionen Menschen haben insgesamt in allen beteiligten Kommunen ihre Stimme abgegeben. Das Ergebnis im Durchschnitt: 66 Prozent stimmten mit „Ja“ für die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele. In einigen Städten lag die Zustimmung bei über 70 Prozent. In Köln stimmten 57,4 Prozent für die Bewerbung. Auch politisch gibt es überall eine klare Unterstützung für die Bewerbung, allen voran NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und Kölns OB Torsten Burmester rührten mächtig die Werbetrommel.

Besonderheiten

Eines der Highlights in der NRW-Bewerbung ist sicherlich die Aussicht auf Schwimmwettbewerbe vor 60.000 Zuschauern in einem temporären Becken in der Schalker Fußballarena. Klotzen kann die Bewerbung auch mit massiven Zuschauerkapazitäten in den Ballsportarten: Basketball, Volleyball und Handball könnten vor 50.000 Menschen in der Merkur-Spiel-Arena in Düsseldorf gespielt werden, Football und Rugby im Kölner Rhein-Energie-Stadion (50.000) oder Hockey im Borussia-Park in Mönchengladbach (50.000). Der Kölner Dom würde als Hintergrund für den olympischen Marathon gute Dienste leisten, immerhin ist er eine der weltweit bekanntesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands. Und dann gibt es da diese Vision, die bislang nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wird: Warum nicht die Athleten mit Schnellbooten über den Rhein vom Olympischen Dorf in Kreuzfeld zu ihren Sportstätten transportieren? Das wäre eine Olympic Lane, die es so noch nicht gegeben hat in der Geschichte Olympischer Spiele.

Blick auf das Berliner Olympiastadion

Blick auf das Berliner Olympiastadion

Berlin war Ausrichter der als „Nazispiele“ in die Geschichte eingegangenen Olympia-Ausgabe 1936 und wirbt nun mit dem naheliegenden Slogan „Olympia und Paralympics gehören in die Hauptstadt“. So war es oft bei den Sommerspielen, zuletzt in London 2012, Tokio 2021 oder Paris 2024. Rio 2016 und Los Angeles 2028 zeigen, dass es auch reicht, einfach nur eine Weltstadt zu sein. Brisbane 2032 dokumentiert, dass das IOC durchaus gewillt ist, neue Wege zu gehen.

Olympiastadion und Dorf

Die blaue Laufbahn im Berliner Olympiastadion ist international bekannt und beliebt bei den Leichtathleten aus aller Welt. Hier lief der jamaikanische Jahrhundert-Sprinter Usain Bolt bei der WM 2009 seinen bis heute ungebrochenen Weltrekord von unglaublichen 9,58 Sekunden über 100 Meter. Im Berliner Konzept heißt es über die 1936 errichtete Sportstätte, dass dieser Ort heute „zugleich die sichtbare Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und die offene, internationale Sportkultur Berlins der Gegenwart“ verkörpere. Das Olympische Dorf soll im Westen der Stadt im Bereich Stadteingang West entstehen und wie in Köln später zu einem Wohnviertel werden.

Internationale Strahlkraft

Die olympischen Ringe am Fernsehturm, am Brandenburger Tor, auf der Museumsinsel. Was gibt es da groß zu sagen? Das hätte Wumms und dürfte dem IOC nur zu gut gefallen. Die Fakten Berlin verzichtete in den vergangenen Monaten auf die Nennung markiger Zahlen zu möglichen Ticketverkäufen oder den Wegstrecken. Es hat sich offenbar Paris 2024 zum Vorbild genommen und setzt voll auf die Verbandelung der olympischen Insignien mit den städtischen Sehenswürdigkeiten. „Die Olympischen Ringe werden als City Dressing an verschiedenen Orten in der Stadt aufgegriffen“, heißt es im Berliner Olympiakonzept.

Die Zustimmung

Sie ist die Achillesferse der Berliner Bewerbung, und sie liegt nicht nur offen, sondern der Giftpfeil steckt schon ganz tief drin. Ein Bürgerreferendum gab es in Berlin nicht, allein das ist schon ein Nachteil für die Hauptstadt. Das Abgeordnetenhaus stimmte zwar mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit für das Bewerbungskonzept, doch ein solches Votum ist für den DOSB weniger gewichtig als ein Bürgerentscheid. Damit galt Berlin schon vor den Wahlen am vergangenen Wochenende als Außenseiter neben Köln und München. Nun ist die Linkspartei, die immer klar gegen die Olympiabewerbung war, bei der Abgeordnetenhauswahl stärkste Kraft geworden.

Ist die Hauptstadt damit schon vor der nationalen Entscheidung am Samstag in Baden-Baden raus? Es bräuchte „ein zeitnahes Signal“ einer möglichen neuen Regierung, sagte Otto Fricke, der Vorstandsvorsitzende des DOSB, dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ am Montag. Kurz darauf wurde Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp, die Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden könnte, auf allen Kanälen damit zitiert, dass sich die Entscheidung für Berlin ja wohl „erledigt“ habe. Das ist ein Signal. Allerdings keines, das dafür spricht, Berlin als deutschen Bewerber für die Ausrichtung der Spiele auszuwählen.

Blick auf das Münchner Olympiastadion und den Olympiapark.

Blick auf das Münchner Olympiastadion und den Olympiapark.

Auch München war schon Olympiastadt und will es nach 1972 zum zweiten Mal werden. „München 20XX“ heißt es zuversichtlich im Konzept. Der Slogan dazu: „Weil Gänsehaut die richtige Kulisse braucht“.

Olympiastadion und Dorf

Das Stadion ist ein Erbe der Spiele von 1972, damals war es die Bühne, auf der die Leverkusenerin Heide Ecker-Rosendahl zum Weltstar wurde. Sie gewann drei olympische Medaillen, Gold im Weitsprung und mit der deutschen Sprintstaffel sowie Silber im Mehrkampf. Bis 2029 soll das Münchner Olympiastadion inklusive seines ikonischen Zeltdaches ohnehin saniert werden. 2031 wird hier die Leichtathletik-WM ausgetragen. Ob das ein gutes Omen ist für die Olympiabewerbung, wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bereits frohlockte, oder am Ende der Trostpreis, wird sich zeigen. Die Athletenunterkünfte sollen im Münchner Nordosten entstehen, auch hier auf einer Fläche, die ohnehin für ein neues Stadtquartier vorgesehen ist.

Internationale Strahlkraft

Ob Markus Söder weltweit so strahlt, wie er es gern hätte und darstellt, darf sicher infrage gestellt werden. Aber München, sein Oktoberfest und seinen besten Fußballklub, den FC Bayern, kennt man in der Welt. Gegen Berlin kommt München in dieser Kategorie vielleicht nicht an, im voraussichtlich entscheidenden Zweikampf gegen Köln allerdings schon.

Die Fakten

München wirbt mit seiner Kompaktheit, die sich aus dem Olympiapark von 1972 ergibt, der erneut genutzt werden soll. Von „Heimkommen“ ist im Konzept die Rede und von „kurzen Wegen, großen Momenten“. Der Olympiapark werde im Süden für die neueren Sportarten wie Skateboard, BMX, 3×3-Basketball, Parkour oder Breaking erweitert. Damit könnte die Hälfte aller Sportarten im Bereich des dann zwei Kilometer langen Olympiaparks stattfinden. Insgesamt lägen 76 Prozent der Wettkampfstätten in einem Radius von nur 16 Kilometern um den Olympiapark, heißt es im Münchner Konzept. Bei 90 Prozent der Sportstätten betrage die Anreise vom Olympischen Dorf weniger als 30 Minuten. Die Vorgabe des IOC lautet, dass maximal 50 Kilometer oder eine Stunde Fahrzeit zwischen dem Olympischen Dorf und der jeweiligen Sportstätte liegen dürfen.

Die Zustimmung

In München stimmten 66,4 Prozent für eine Olympiabewerbung, die Wahlbeteiligung lag bei 42 Prozent und damit höher als in NRW (landesweit 32,9 Prozent, in Köln 39,7 Prozent). Als kleiner Kritikpunkt gilt, dass nur in München selbst abgestimmt wurde und nicht in beteiligten Gemeinden und Städten wie Oberschleißheim (Kanu/Rudern), Garching (Schießen), Augsburg (Kanuslalom) oder den Fußball-Städten Freiburg, Stuttgart und Nürnberg.

Besonderheiten

Sollte München den nationalen Zuschlag bekommen und dann auch vom IOC zum Olympiaausrichter ernannt werden, würde das Oktoberfest in jenem Jahr nicht ausfallen, sondern in die Spiele integriert werden. Beachvolleyball unter dem Eiffelturm hat seit den Spielen von Paris 2024 jeder Sportfan vor Augen. In München würde es ein temporäres Beachvolleyball-Stadion auf der Theresienwiese geben – mit Blick auf die Festzelt- und Fahrgeschäftskulisse des Oktoberfestes. Das soll schon vor Beginn der Spiele zum Teil aufgebaut und zwischengenutzt werden, im Anschluss soll es dann wie gewohnt stattfinden. Die Münchner sprechen von einer „Olympischen Wiesn“, die zweifelsohne Zugkraft hätte für Menschen aus aller Welt.

München gegen Köln

Läuft es am Samstag in Baden-Baden wie erwartet auf ein Duell zwischen München und Köln-Rhein-Ruhr hinaus, konkurrieren zwei Konzepte miteinander, die beide ganz im Sinne des IOC auf vorhandene Infrastruktur und Nachhaltigkeit setzen. Der größte Unterschied: München steht für Bewährtes, Köln für ein ganz neues Modell. In München würde die Erinnerung an 1972 aufleben, es stünde ganz klassisch ein Olympiapark mit ikonischem Olympiastadion im Mittelpunkt. So kennt man es von vielen Olympischen Spielen. In Köln gäbe es das Stadion nur auf Zeit. Wäre der Olympia-Tross einmal abgezogen, würde sich das Stadion in einen Teil der Stadt verwandeln. Der Olympiapark wäre die gesamte Region. Der Kölner Sportmanager Michael Mronz, inzwischen Mitglied des IOC und DOSB-Präsidiums und damit offiziell neutral, hält diese Idee seit seiner ersten Initiative vor zehn Jahren für zukunftsfähig.