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Röcke machten den AnfangSeit 20 Jahren mit eigenem Label in Köln-Ehrenfeld

4 min
Sabine Berndt in ihrem Laden „23“ in der Philippstraße 23.

Sabine Berndt in ihrem Laden „23“ in der Philippstraße 23.

Sabine Berndt feiert Jubiläum mit ihren Label Rock-it-baby. Doch die Zeiten sind härter geworden. 

Es ist ein Stück Heile-Welt-Einzelhandel. Kronleuchter, Oberteile im perfekten Farbkreis von sanft bis fröhlich, akkurat aufgeräumte Regale und Ständer, liebevoll arrangierte Accessoires, nette Begrüßung. Das Angebot ist obendrein politisch korrekt: Es ist ausschließlich fair produzierte, handgemachte Mode.

Genauso ist es bei Sabine Berndt seit 20 Jahren. Mit ihrem Label Rock-it-baby startete sie in der Ehrenfelder Rothehausstraße, jetzt ist sie seit vielen Jahren schon in der nicht weit entfernten Philippstraße in der namensgebenden Nummer 23 zuhause. Ein Solitär ist sie geblieben.

20 Jahre gegen die Übermacht von Fast Fashion

20 Jahre gegen die Riesenübermacht von Fast Fashion und Billigketten. „Ich bin eigentlich ein Dinosaurier“, sagt die 59-Jährige. Sie hat Einiges erlebt, nicht nur die Veränderungen in der Modebranche, sondern auch im Viertel. „Als ich 2006 anfing, da britzelte es hier im Stadtteil.“ Da sei eine große Aufbruchstimmung zu spüren gewesen, Ehrenfeld war das In-Viertel.

Die gebürtige Hochsauerländerin arbeitete zuvor als Lehrerin für Kunst und Englisch. Ihr großes Hobby war Nähen. Und weil sie feststellte, dass Röcke oft sehr schlecht geschnitten waren, machte sie ihre eigenen und erregte damit Aufsehen. So viel, dass sie mit ihrem Label Rock-it-baby die Selbstständigkeit wagte.

Perfekter Farbkreis: Oberteile von Sabine Berndt

Perfekter Farbkreis: Oberteile von Sabine Berndt.

Sie traf genau den Zeitgeschmack – bunt und fantasievoll.  Eines ihrer ersten Modelle hatte rote Polkadots und Rüschen. „Die Frauen nahmen meist gleich mehrere Stücke. Damals war wirklich noch Kauflust da. Und Lust auf Farbe.“ Berndt wurde ein bisschen berühmt. „Die Leute haben mich auf der Straße angesprochen, wenn ich selbst mal keinen Rock trug: Was ist los?“

Mit der Zeit erweiterte sie das Angebot mit Hosen, Oberteilen, Jacken und Kleidern. Gefertigt wird die gesamte Kollektion in einem Betrieb in der Slowakei. „Ich habe in Deutschland nach Schneiderinnen gesucht, aber es gibt keine mehr.“ Auf Videos und Fotos zeigt sie gerne den Kundinnen, wie in der Slowakei gearbeitet wird. „Ich bin immer schockiert, wie wenig die Menschen über Textilien wissen. Die meisten können noch nicht einmal mehr einen Knopf annähen.“

Stoff muss gehen wie ein guter Teig

In der Schneiderei wird der Stoff, fast ausschließlich Viskose, erst erstmal ausgerollt. „Er muss gehen wie ein Teig, 24 Stunden. Vor der Verarbeitung wird der Stoff gewaschen und gebügelt, damit er hinterher nicht mehr einläuft.“ Alles wird per Hand zugeschnitten und genäht – von Größe 34 bis 48. „Die Gradierung ist wichtig“, sagt Berndt. Das heißt, der Schnitt muss für jede Größe funktionieren. Die Näherinnen kennt sie alle beim Namen, nach ihnen sind ihre Modelle benannt. Zum Beispiel die Hose Veronika, der Beststeller, nach der Chefschneiderin.

Hose Veronika kostet 140 Euro, ebenso wie die Röcke. Oberteile gibt es ab 60 Euro, Kleider ab 100 Euro. Viele würden denken, mit ihrer fairen Mode habe sie doch einen guten Stand gegen die Konkurrenz. Doch Berndt sieht da ein Missverhältnis: Medial werde sehr viel über faire Mode berichtet, aber am Ende habe die nur einen Marktanteil von geschätzt höchstens fünf Prozent – sie bringt also keineswegs automatisch Käufermassen.

Sabine Berndt hält sich trotzdem gut. Sie hat Stammkundschaft und wird in holländischen und belgischen Reiseführern als Tipp gelistet. Die Einträge in deutschen Guides vermisst sie etwas.

Sabine Berndt mit ihrem Bestseller, der Hose Veronika, die sie auch selbst trägt.

Sabine Berndt mit ihrem Bestseller, der Hose Veronika, die sie auch selbst trägt.

Doch es werde schwieriger, sagt sie. Der erhoffte Riesenaufschwung für Ehrenfeld sei ausgeblieben. Die Mieten seien stark gestiegen, aber der Einzelhandel verliere. Das Veedel stagniere. Neue Trends, neue Restaurants würden sich dagegen in letzter Zeit jenseits der Gürtels stadtauswärts ansiedeln, hat sie registriert.

70 Prozent der Kundinnen kämen extra angereist. Während der Corona-Krise habe sie viele Stammkunden verloren. „Die Deutschen sind sehr vorsichtig geworden beim Einkaufen, besonders wenn es um Sachen geht, mit denen man sich etwas gönnt.“

Auch die „MeToo“-Bewegung habe Spuren hinterlassen – die Diskussionen hätten Frauen nicht immer freier gemacht, im Gegenteil. Viele schreckten nun vor Farben und der Betonung des Körpers zurück.

50 Prozent der Kollektion seien inzwischen einfarbig. Und: „Viele Frauen möchten nicht sexy wirken aus Angst vor Belästigung.“ Was geblieben sei: „Frauen sind sehr hart mit sich selbst und ihrem Körper. Und für die will ich etwas tun.“ 

Sabine Berndt ist weiterhin mit vollem Herzen dabei. „Ich verstehe mich eher als ein Seismograf dieser Zeit und habe trotz allem immer noch Spaß an dem, was ich tue. Ich will, dass jede Frau gut aussieht.“ Im Jubiläumsmonat Juni gibt es 20 Prozent Rabatt. Auch auf den Beststeller Veronika.