Vor 60 Jahren schwamm ein Belugawal an Köln vorbei und versetzte das Land in Ausnahmezustand. Der Rhein war damals ein stinkender und giftiger Strom.
Fontäne vor dem DomAls ein Wal Köln vor 60 Jahren in Aufregung versetzte

Der Moby Dick getaufte weiße Beluga-Wal schwimmt am 12. Juni 1966 zwischen Bonn und Bad Godesberg in Richtung Bundeshaus weiter stromaufwärts.
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„Da ist er wieder“, ruft der Matrose, die Hand als Schirm vor die Augen gelegt. Es ist kurz nach Mittag, der 10. Juni 1966, die Sonne steht flach über dem grauen Band des Rheins, und vor der Kölner Stadtgrenze schiebt sich etwas Helles an die Oberfläche. Ein Rücken wie polierter Stein, dann ein kurzes Ausatmen, eine Fontäne, die im Wind zerfetzt. Auf dem Boot der Wasserschutzpolizei knistert es im Funk. Man meldet, was man kaum zu melden wagt. Ein Wal.
„Das ist doch ein Tier aus dem Meer“, sagt ein Beamter, als das Boot in Richtung Strommitte beidreht. Hinter ihm drängen sich Menschen an das Ufer, erst vereinzelt, dann wie von einem unsichtbaren Signal herbeigerufen. Ferngläser blitzen, Kinder werden auf Schultern gehoben, irgendwo klickt eine Kamera. Köln schaut auf den Fluss wie auf eine Bühne, auf der plötzlich das Unmögliche auftritt. Vor 60 Jahren, im Frühsommer 1966, wurde ein Belugawal im Rhein gesichtet. Die Geschichte beginnt nicht in Köln, sondern weiter nördlich, bei Duisburg-Neuenkamp, Stromkilometer 778,5. Der Funkspruch, den die Besatzung des Tankschiffs „Melani" absetzt, klingt abenteuerlich: „Ungeheuer im Rhein“, funken die beiden Rheinschiffer Bernd Albrecht und Willi Dethlevs gegen 9.30 Uhr am 18. Mai 1966 an die Wasserschutzpolizei. Die verordnet den beiden Herren als Erstes mal einen Alkoholtest. Ergebnis: negativ. Statt „Karneval am Rhein“ heißt es nun: „Karnewal im Rhein“.

Wal auf Abwegen: Vor 60 Jahren schwamm Moby Dick im Rhein. Hier verfolgt von einem Boot mit den Wal-Jägern des Duisburger Zoos.
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Das vermeintliche Rhein-Ungeheuer, weiß leuchtend, wie ein Irrtum im braunen und modrigen Wasser, entpuppt sich als vier Meter langer Beluga. Schnell bekommt der ungewöhnliche Besucher einen Namen, den Deutschland versteht: „Moby Dick“nach dem Roman-Vorbild. In der Republik der Nachkriegsjahre ist dieses Ereignis für die kommenden vier Wochen allemal größer als der Alltag. Der Fluss wird zum Nachrichtenkanal, das Ufer zur Tribüne, der Wal zum Star. Wochenlang stehen Menschen in Ausflugskleidung am Niederrhein und warten auf das Auftauchen von Moby Dick.
Im Zentrum der Inszenierung steht bald auch ein Mann, der die Szene nicht nur beobachten, sondern gestalten will. Wolfgang Gewalt, damals Direktor des Duisburger Zoos, sieht in dem Beluga eine Chance. Überliefert ist sein Ausruf beim ersten Anblick. „Mann, ist det een Wurm.“ Das klingt nach ehrlicher Bewunderung und markiert zugleich den Konflikt um den verlorenen Meeressäuger. Die Frage ist: Wem gehört das verirrte Tier? Der Öffentlichkeit, die es retten möchte. Den Fachleuten, die es verwalten. Oder sich selbst.
Zoologe in Aktion
Wolfgang Gewalt improvisiert. Er organisiert ausrangierte Netze aus seinem Tennisklub, knotet sie zusammen, fährt auf dem Polizeiboot hinaus aufs Wasser. Der Wal entkommt. Also greift der Zoodirektor zur Narkosepistole und schießt ein Betäubungsmittel in den Walspeck. Zwei Treffer, keine spürbare Wirkung. Dafür eine andere. Die Stimmung im Publikum am Ufer, das eben noch fasziniert die Jagd verfolgt hat, beginnt zu kippen. Wut mischt sich ins Staunen. Mitleid in die Sensationslust.
Lasst den Belugawal in Ruhe!
„Plötzlich waren alle gegen Doktor Gewalt“, erinnerte sich Heiner Lassé, der das Spektakel als 15-jähriger Jugendlicher zunächst vor dem heimischen Fernseher verfolgte und auf dem Sofa mitfieberte, vor zehn Jahren im „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Szene aus jener Zeit ist erstaunlich aktuell. Die Menge entscheidet schneller als jede Behörde. Und sie entscheidet nach Bildern. Ein Mann mit Pistole gegen ein Tier, das nur atmen muss, um sich zu behaupten. Auch die Politik mischt sich jetzt ein. Franz Meyers (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, fordert in Interviews: „Lasst den Belugawal in Ruhe!“ „Bild“ berichtet täglich vom Rheinufer und titelt auf der ersten Seite: „Verhaftet Dr. Gewalt“.
Mit Pfeil und Bogen
Der Zoologe ändert seine Strategie. Nun lässt er seinen Affenwärter Franz Schramke mit Pfeil und Bogen anrücken, um Moby Dick einen Pfeil unter den Speck zu jagen, an dem er eine Leine mit einer orangefarbene Boje befestigt hat, um sich über den Aufenthaltsort des Wals auf dem Laufenden zu halten.
Spätestens jetzt wird der Rhein zum Schauplatz einer Groteske. Duisburger werfen kistenweise Apfelsinen ins Wasser, damit die Jäger vor lauter Orange die Orientierung verlieren. Tierschützer chartern sogar einen Hubschrauber und lassen Orangen regnen. Reporter, die das Spektakel aus der Luft verfolgten, machen mit. Wer hier wem zuschaut, ist nicht mehr eindeutig.
Der Wal verschwindet zeitweise, taucht wieder auf. In den Niederlanden nennt man ihn „Willi de Waal“. Man öffnet ihm Schleusen, will ihn in die Nordsee drängen, doch er schwimmt zurück in den Rhein. Als hätte er sich entschieden, die Geschichte selbst zu schreiben. Und dann Köln. Der Beluga bewegt sich rheinaufwärts, wird an der Stadtgrenze gesichtet, später vor Dom und Uferpromenaden. Die Stadt, geübt darin, Ereignisse in Gegenwart zu verwandeln, reagiert sofort. Ein Wal ist nicht bloß eine Nachricht, er ist Gesprächsstoff, eine Projektion: Für die einen ein Wunder. Für die anderen ein schlechtes Omen. Für viele ein Anlass, den Fluss mit anderen Augen zu betrachten.
Verschmutzter Strom
Man muss sich die Kulisse vergegenwärtigen. Der Rhein der 60er-Jahre ist kein romantischer Strom mehr, sondern ein arbeitendes Gewässer – schwer, riechend, belastet. Ammoniak, Moder, Schiffsdiesel. Sauerstoffarm, giftig, so berichten Fachleute jener Jahre. Aus den Niederlanden kommen Meldungen, dass das Vieh sich weigert, daraus zu trinken. Fische gibt es kaum noch. Und in dieses Wasser gerät ein Meeressäuger, dessen Atem nicht durch Kiemen muss. Ein Wal, der überlebt, wo anderes Leben längst aufgegeben hat.
In Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt, wird die Geschichte endgültig zum Gleichnis. Bei einer Bundespressekonferenz geht es eigentlich um Fragen zur Nato und die Aufregung um Frankreichs Präsident Charles de Gaulle. Dann drängt sich ein Saaldiener nach vorn, eine Mitteilung wird ins Mikrofon gesprochen. „Ich erhalte soeben die Nachricht, dass Moby Dick vor dem Bundeshaus ist.“ Mehr als 100 Journalisten, Minister, Abgeordnete – sie laufen hinaus, hinunter zum Rheinufer. Belegte Brötchen des Bundestags sollen das Tier näher ans Ufer locken. Und der Beluga schwimmt ruhig auf und ab, bläst seine Fontäne in die Luft, zieht am Auswärtigen Amt, am Kanzleramt, am Bundespräsidialamt vorbei. Ein weißer Körper als Kommentar zu einer grauen Zeit.

Schauplatz Duisburg: Die Wasserschutzpolizei mit Booten unterwegs auf dem Rhein bei dem vergeblichen Versuch, den Wal mit einem Netz einzufangen.
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Tierfilmer und Verhaltensforscher Bernhard Grzimek weist damals auf die eigentliche Tragödie hin. Der Wal habe Glück gehabt, ein Wal zu sein. Als Fisch hätte er das Dreckwasser durch die Kiemen atmen müssen. Vermutlich wäre er eingegangen. In diesem Satz steckt die ganze Verschiebung, die sich leise vollzog. Nicht der Wal war das Problem, sondern der schmutzige Strom. Die Begegnung bewirkte kein sofortiges Umdenken, dafür sind Gewohnheiten zu zäh und Interessen zu laut. Aber sie machte etwas sichtbar. Ein Land, das an den technischen Fortschritt glaubt, sieht plötzlich dessen Abfall. Der Strom, seit Jahrhunderten als Vater Rhein besungen, riecht nach Kanal. Und die Menschen, die am Ufer stehen, sie spüren, dass Staunen nicht genügt.
Zurück ins Meer
Am Ende, schon weiter hinter Köln und Bonn, macht Moby Dick einfach kehrt, schwimmt zügig rheinabwärts Richtung Meer. Die Wasserschutzpolizei vermerkt später über sein Verschwinden in der Nordsee: „Auf Nimmerwiedersehen in die rettenden Fluten.“ Weshalb das Tier sich in den Rhein verirrte, dafür hat die Wissenschaft nie eine sichere Erklärung gefunden.
Viele behielten den Wal im Gedächtnis: Als Souvenir, als Denkmal, als freundliche Erinnerung daran, dass es einmal ein Tier gab, das den Fluss zum Staunen brachte. Ein Bonner Ehepaar ließ später ein Fahrgastschiff in Walform bauen. Die „MS Moby Dick“ fährt bis heute über den Rhein zwischen Bonn und Koblenz.
