Köln – Seit der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 leben wir wieder mit dem Tod. Tod, das ist dieses lästige Anhängsel, das die moderne Gesellschaft weitgehend aus dem Leben verbannt hatte. Gestorben wurde zwar überall, auf Intensivstationen und in Pflegeheimen, im eigenen Schlafzimmer, im Auto oder auf dem Tennisplatz – aber es geschah nach Möglichkeit unbemerkt von der Öffentlichkeit, in der sich 70-Jährige bitte wie 60-Jährige zu fühlen haben, 50 das neue 40 ist und die ersten Falten mit 20 weggespritzt werden.
Das Virus hat den Tod zurückgeholt ins Bewusssein
Das Coronavirus hat das kaum Vorstellbare geschafft und den Tod zurückgeholt ins öffentliche und individuelle Bewusstsein. Nicht nur die bislang drei Millionen Toten weltweit, die 80 0000 Toten in Deutschland oder die aktuell 610 Toten in Köln. Nicht nur die Alten, die bei Ausbrüchen in Heimen starben oder die an Covid verstorbene Kölner Krankenpflegerin, die genauso im Leben stand wie die charismatische Schauspielerin, die sich als Helferin in einer Flüchtlingsunterkunft ansteckte, oder der junge Dialysepatient, der nach einer Infektion starb.
Überall sehen wir, wie gefährdet das Leben ist
Auch all die Menschen ohne das Virus im Körper, die einsam krank sind und einsam sterben, rufen uns den Tod in Erinnerung. Die maskierten Gesichter und Abstandsgebote, die Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen, die leeren Straßen, Geschäfte und Büros, Klassenzimmer, Bars, Theatersäle und Stadien halten uns ständig vor Augen, dass das Leben gefährdet ist.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat angeregt, am 18. April bundesweit der Corona-Opfer zu gedenken. Das Innehalten ist nicht nur wichtig, um das Ausmaß der Pandemie zu verdeutlichen und sich an all jene zu erinnern, die vor ihrer Zeit und oft ohne einen würdigen Abschied gestorben sind und sterben. Es kann auch helfen, darüber nachzudenken, wie wir künftig leben wollen, ohne in ständiger Sorge um unsere Gesundheit zu sein. Ohne ständige Angst, die sich mit der Seuche verbreitet.
Globale Gerechtigkeit schulden wir der jungen Generation
Corona hat uns einsam gemacht und zurückgeworfen auf das Wesentliche. Es geht darum, Leben zu schützen. Zumindest das unserer Nächsten. Das von Menschen, die uns nicht nahe sind, schützen wir, die wir in wohlhabenden Industrieländern leben, eher nicht. Die soziale Ungleichheit nehmen wir meistens in Kauf, national wie global. Dass die reichen Staaten ihren Wohlstand auf Kosten armer Länder aufbauen, ist nur am Rande mal Thema. Dass die wirtschaftlichen Folgen der Krise sehr viele Menschen aus ohnehin armen Regionen der Erde das Leben kosten wird, ist selten zu hören.
Globale Solidarität und Gerechtigkeit müssten aber auch als Konsequenz der Corona-Pandemie zu bestimmenden Themen werden. Das ist nicht nur die einzige Möglichkeit, um die Erderwärmung zu verlangsamen und immer größere Migrationsbewegungen zu verhindern. Wir schulden es auch der jungen Generation, die in einem beispiellosen Akt der Solidarität ihr nicht oder kaum gefährdetes Leben unterbrochen hat – und darauf angewiesen ist, dass die reichen Länder nicht länger mit dem Planeten umgehen, als gebe es drei.
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Vielleicht bleibt es ein frommer Wunsch, dass ein sensibleres Bewusstsein für die eigene Sterblichkeit auch jenes für die Zerbrechlichkeit des Lebens auf der Erde stärken könnte. Das globalisierte Leben ohne Achtung vor der Natur ist längst an seine Grenzen gekommen und wir überschreiten sie munter weiter. Der Tod von Millionen Menschen macht die Grenzüberschreitung aber deutlicher als es das langsame Schmelzen von Gletschern tut.
Die Vermehrung von Bakterien und Viren ist menschengemacht. Ebenso wie der Klimawandel. Viele Erreger haben lange nur in abgeschlossenen Ökosystemen existiert, die der Mensch ausgebeutet hat.
Besser, sich mit dem Tod anzufreunden
Um das Leben an sich höher zu achten, bedarf es einer größeren Bewusstheit für den Tod, die abhandengekommen ist. Im Spätmittelalter haben die Menschen – aus Furcht vor Seuchen – eine Kunst des Sterbens (Ars moriendi) entwickelt. Sie beschrieben, besangen, malten den Tod. Sie lernten, dass Sterben natürlich ist und unausweichlich, dass man sich mit Gevatter Tod besser anfreundet, als ihn zu leugnen. Der Tod wartet auf jeden von uns. Bis es soweit ist, haben wir die Gelegenheit, das Leben lebenswert zu erhalten.



