Die Scherben sind zusammengefegt, die Rauchschwaden der Proteste haben sich verzogen, der Blick wird klarer. Was sich mit Abstand deutlich zeigt: In Köln und anderen Städten ist eine explosive Mischung in die Luft gegangen. Gewalttätige Gruppen zogen durch die Innenstadt und hatten sicher nicht im Sinn, friedlich ihre Meinung zu äußern. Die Kölner Polizei musste das Demonstrationsrecht unter schwierigen Bedingungen schützen und hat am Ende Schlimmeres verhindert.
Die Ermittler gehen von zwei verschiedenen Einsätzen aus. Da ist zum einen der schwarze Block, der sich nach der Kundgebung unter die Protestierenden mischte und dafür sorgte, dass an einen friedlichen Zug nicht mehr zu denken war. Die jungen Initiatoren waren da größtenteils schon abgewandert. Offenbar sind sie schlau genug. Viele Schülervertreter hatten sich vorab von den Aufrufen distanziert.
Was später in Köln geschah, hatte offenbar wenig mit dem Demonstrationsgeschehen zu tun. In der Halloween-Nacht zogen Gruppen durch die Stadt, beschädigten Hausfassaden und Streifenwagen und schlugen Scheiben ein. Polizeisprecher berichteten, dass Gruppen gezielt nach Köln gekommen seien, um Straftaten zu begehen.
„Entwicklungen, die wir ernst nehmen müssen“
Die Polizei beantwortet nicht die Frage, ob es sich um Täter aus migrantischen Milieus handelte. Aber sie benennt klar das gewalttätige Potenzial. „Das wächst weiter, und da gibt es Entwicklungen, die wir ernst nehmen müssen“, sagt ein erfahrener Beamter. Die Sorge vor einer Fortsetzung der Gewalt ist deutlich zu hören. Das heißt nicht, dass nicht auch das Vorgehen der Polizei immer auf Verhältnismäßigkeit überprüft werden muss. Ob jede der Maßnahmen an diesem Protestsamstag verhältnismäßig war, muss die Aufarbeitung zeigen.
Es geht nun nicht darum, vor dem nächsten Protestzug die schärfste Ansage zu platzieren oder Migranten zu diffamieren. Aber die Dinge müssen offen benannt werden. NRW-Innenminister Herbert Reul hat recht, wenn er das einfordert. Nur wenn bekannt ist, wer die Gewalt organisiert, ist es möglich, dieser wirksam zu begegnen. Das ist übrigens eine Lehre aus den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015. Reul wird im eigenen Interesse dafür sorgen müssen, dass Beweise und Strukturen der Täterschaft schnell offengelegt werden. Im Schatten all dessen bleiben die Interessen der Jugend. Die Forderungen der Demonstrierenden reichen von mehr Geld für Bildung, Suchthilfe über ein bezahlbares Leben und ein Nein zur Wehrpflicht bis zu konsequentem Klimaschutz.Das sind Fragen, die die Politik ernst nehmen muss.
Die Forderungen gingen im Krawall unter. Das ist der größte Schaden dieser Tage: Die Jugend muss sich von Randalierern abgrenzen. Eltern könnten ihre Kinder davor warnen, zum Protest zu gehen, weil sie Angst haben. Legitime Anliegen werden diskreditiert. Daraus ergibt sich eine Forderung, die man trotz aller Entrüstung auch an die Politik richten darf: zu differenzieren und die Worte abzuwägen. Junge Menschen, die friedlich auf die Straße gehen, haben nichts mit Steinwerfern und Randalierern zu tun. Aber ihre Stimmen zu hören, ist wichtig, heute und morgen.


