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Grassierende Homophobie „Dieter Nuhrs homosexuellenfeindliche Witze sind schlimm“

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Auf der CSD-Parade in Köln wurde die Vielfalt gefeiert.

  • Autor Johannes Kram beschäftigt sich intensiv mit der immer noch starken Homophobie im Alltag. Sein Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber...” hat eine intensive Diskussion ausgelöst.
  • Homosexuelles Mobbing an Schulen sei grausamer Alltag, sagt er. Aber auch Prominente wie Dieter Nuhr hätten einen entscheidenden Anteil an der Diskriminierung.
  • Ein Gespräch über brutale Witze, die allgegenwärtige „schrecklich nette Homophobie” und politische Korrektheit.

Herr Kram, Sie haben jüngst am Pride March in New York teilgenommen. Was bedeutet für Sie die Erinnerung an den Aufstand von 1969?

Es war beeindruckend und bewegend, die Parade und die Feiern davor mitzuerleben. Eine fand vor dem Stonewall Inn statt, die Bar gibt’s ja noch. Es war im Juni 1969 zwar nicht das erste Mal, dass sich Leute aus der Community gegen Übergriffe wehrten, aber besonders war diesmal: Sie haben nicht nachgelassen, und die Polizei hat schließlich nachgegeben. Wichtig ist, dass es ein Kampf war. Da wurde kein Förderantrag gestellt, keine Petition eingereicht, sondern aktiv Widerstand geleistet. Man muss radikal sein, wenn man etwas erreichen will, und darauf verzichten, gemocht werden zu wollen. Keine Bürgerbewegung hat mit Nettigkeit Erfolg erreicht.

Ist es auch heute noch nötig zu kämpfen?

Tatsächlich hat sich viel getan. Aber die Diskriminierung von Menschen, die nicht der geschlechtlichen oder sexuellen Norm entsprechen, ist nicht vorbei. Wenn man sich zum Beispiel ansieht, wie die katholische Kirche zur Trans- und Intersexualität steht – es ist nicht zu fassen. In einem aktuellen Dokument des Vatikans heißt es, fließende Grenzen zwischen den Geschlechtern seien das Symptom eines „konfusen Konzepts der Freiheit“, mit dem Männlichkeit und Weiblichkeit als Basis der Familie verwischt werden sollten. Dabei ist es keine Frage des Glaubens, sondern wissenschaftlich erwiesen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Man muss es klar aussprechen: Die Position der katholischen Kirche stellt einen Gewaltaufruf dar, denn auf Zweigeschlechtlichkeit zu bestehen bedeutet einen brutalen Eingriff in die körperliche und seelische Unversehrtheit von Menschen. Die Kirche müsste hier gesellschaftlich genauso geächtet werden, wie es mit Organisationen und Parteien geschieht, die eine gewalttätige Stimmung gegen Ausländer verbreiten. Man muss bereit sein, sich mit diesen Leuten anzulegen.

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Johannes Kram

Abgesehen von derart krassen Fällen der Diskriminierung: In ihrem Buch und ihrem Blog greifen sie viele Beispiele für eine, wie sie sie nennen, „neue Homophobie“ auf, die sich als homosexuellenfreundlich tarnt. Wie ist das zu verstehen?

Ein Beispiel ist für mich Dieter Nuhr. Seine homosexuellenfeindlichen Witze sind schlimm, aber schlimmer ist, wie er das Ganze verpackt: Man dürfe ja gar nichts mehr sagen, und jeder sei heute direkt beleidigt. Dabei stimmt das Gegenteil, es ist heute viel selbstverständlicher geworden, andere abzuwerten, und Leute wie Nuhr haben daran einen entscheidenden Anteil, auch weil sie sich dabei selbst als Opfer gerieren. Als ich Nuhr in meinem Buch seine Witze gegen Homosexuelle vorgehalten habe, hat er von absurden Vorwürfen gesprochen und meinte tatsächlich, er könne ja gar nicht homophob sein, weil er für die Ehe für alle ist. Aber es gibt auch positive Beispiele: Ich habe die Band die „Prinzen“ sehr hart für ihr Lied „Mein Hund ist schwul“ kritisiert, was dazu führte, dass sich der Sänger Sebastian Krumbiegel intensiv mit der Wirkung des Songs auseinandergesetzt hat und ihn jetzt nicht mehr singen möchte.

Zur Person

Johannes Kram, 1967 in Trier geboren, ist Autor, Blogger und Marketingstratege. Sein 2018 erschienenes Buch „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber...: Die schreckliche nette Homophobie in der Mitte der Gesellschaft“ hat eine neue Diskussion über Homophobie im Alltag ausgelöst.

Am Samstag ist Kram im Gürzenich für sein Engagement mit der „Kompassnadel“ ausgezeichnet worden. (cs)

Es gibt nicht wenige, die meinen, die politische Korrektheit nehme überhand und sei drangsalierend geworden.

Darum geht es mir nicht, ich bin nicht auf politische Korrektheit aus. Ich will nicht den Meckerer spielen, der Recht behalten will, sondern darauf aufmerksam machen, wie viel Diskriminierung es noch gibt und dass Leute darunter zu leiden haben. Mein Ziel ist es, ins Gespräch zu kommen. Wir alle, auch ich, sind homophob, weil wir entsprechend geprägt sind. Homophobie bedarf keiner Absicht.

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Ist die gesellschaftliche Akzeptanz von Schwulen, Lesben und anderen „queeren“ Menschen alles in allem nicht viel weiter?

Dazu zwei Fakten. Nur ein Drittel aller homosexuellen Beschäftigten in Deutschland outet sich am Arbeitsplatz, zwei Drittel verstellen sich. Die gehen zwar möglicherweise zum CSD, sagen aber: Ich als Erzieher, ich als Lehrer kann es mir nicht leisten, mich zu outen. Diese „schrecklich nette Homophobie“ gibt es ja auch bei gewissen Eltern: Homosexuelle sind zwar okay, aber wir wollen nicht, dass sie unsere Kinder erziehen. Zweites Faktum: Das Coming-out ist immer noch eine schwierige, von Existenzangst begleitete Entscheidung, und die Selbstmordrate bei homosexuellen Jugendlichen ist um ein Vielfaches höher als bei heterosexuellen. Auf der einen Seite gibt es dank des Internets inzwischen viel mehr Möglichkeiten, sich zu informieren und sich auszutauschen. Auf der anderen Seite aber ist homosexuellenfeindliches Mobbing an der Schule grausamer Alltag. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Drittklässler im letzten Jahr „schwul“ oder „Schwuchtel“ als Schimpfwort mitbekommen hat, liegt bei über 80 Prozent.