Klimaanlagen stand man in Deutschland lange skeptisch gegenüber. Seit die Zahl der Hitzetage steigt, schmelzen die Bedenken. Allerdings profitieren davon nicht alle.
Hitze in Köln„Die Klimaanlage wird langsam Standard“

Mobile Split-Klimaanlagen wie diese sind derzeit schwer zu bekommen und wegen der Nachfrage teurer geworden.
Copyright: Nico Tapia/dpa-tmn
Die Retter haben sich rar gemacht. Wer im Internet auf Verkaufsplattformen nach ihnen sucht, der knallt schnell gegen rote Buchstaben, die die Suche mit der Botschaft „Derzeit nicht verfügbar“ beenden oder mit „Lieferbar in ein bis drei Monaten“ zumindest weit in die Zukunft verschieben. Bei einer Discounterkette in Nanterre in Frankreich eskalierte die Lage derart, dass wegen Gerangels um das rare Gut eine Eingangstür zu Bruch ging und die Polizei gerufen werden musste. Wer sich in den örtlichen Elektrohandel aufmacht, um sie zu ergattern, der wird zum Teil schon von Mitarbeitern am Eingang abgefangen und zum Umkehren überredet. Man fühlt sich dann fast ein bisschen so, als wäre man ein Groupie und das Sicherheitspersonal würde einen davon abhalten, den umschwärmten Star weiter zu belästigen. Dabei will man nur sehr viel Geld für einen meist unscheinbar bis hässlichen Kasten ausgeben, der kann, wonach gerade alle verzweifelt suchen: Kälte verbreiten.
Noch vor einem Jahr waren Klimaanlagen für die übergroße Mehrheit der Deutschen noch kein Thema. Mehr als acht von zehn gaben bei einer Umfrage der Innofact AG im Auftrag von Verivox an, ohne aktive Kühlung auszukommen. Nur knapp jeder Fünfte nutzte demnach ein Klimagerät, zwei Drittel davon ein mobiles Gerät mit Abluftschlauch, ein Drittel der Nutzer freute sich in heißen Sommern über ein fest verbautes Split-Gerät. Derzeit läuft bei Verivox dazu eine neue Umfrage. Es bedarf nicht viel Fantasie, um nach den Hitzetagen der vergangenen Wochen zu mutmaßen: Die Zahlen könnten sich verändert haben. Das deutet auch Lundquist Neubauer von Verivox auf Anfrage an. Wenn man genaue Zahlen auch erst demnächst veröffentlichen könne.
Das Geschäft ums Kühlen wächst
Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die Produktion von Klimaanlagen seit 2024 sprunghaft um gut 92 Prozent auf knapp 317.000 Geräte deutschlandweit angestiegen ist. Innerhalb von fünf Jahren kletterte die Produktion laut Bundesamt für Statistik um rund 75 Prozent. In dieser Zeitspanne wurden auch deutlich mehr Klimageräte importiert - der Warenwert stieg seit 2019 um fast 50 Prozent. Vor zwei Jahren investierte Bosch acht Milliarden Euro in Heiz- und Klimatechnik und übernahm die Klimatechniksparte von Johnson Control, es war der größte Zukauf in der Unternehmensgeschichte. Das Geld sieht man gut investiert, das Geschäft ums Kühlen wächst weltweit mit hohem Tempo. Bosch prognostiziert, dass der Absatz von Klimageräten bis 2030 auf über 200 Millionen Geräte jährlich ansteigen wird – ein Plus von nahezu 20 Prozent gegenüber 2024.
Man würde über den Trend zum Klimagerät gerne mit örtlichen Handwerksbetrieben sprechen. Was ist da los? Wie viel ist da gerade zu tun? Viel, das zeigt schon die Tatsache, dass fast nirgends jemand Zeit zum Plaudern hat. „Dafür haben wir gerade nun wirklich keine Kapazitäten“, „Alle sind auf Montage, auch die Chefs“, wimmeln Mitarbeitende Anfragende am Telefon ab. Manchmal zeigt auch die Internetseite des Handwerksbetriebs selbst schon eine Warnung an: „Aktuell erreichen uns sehr viele Anfragen. Wir bitten um etwas Geduld und melden uns schnellstmöglich“, steht dann da beispielsweise. Durchgestrichen ist dafür: „Anfragen beantworten wir innerhalb von 24 Stunden.“
Klimaanlage wird auch in Köln zum Standard
Seit dem Ende der Pandemie hat sich die Nachfrage nach Klimaanlagen in Köln schon mehr als verdoppelt, sagt Marc Schmitz, Obermeister und Sachverständiger bei der Innung Sanitär Heizung Klima Köln. Allein im Vergleich zum vergangenen Jahr sieht er in seiner Ossendorfer Firma nochmal ein Plus von etwa zwanzig Prozent. Dabei sei die Raumkühlung nicht mehr nur den Luxusimmobilien vorbehalten. „Früher war die Klimaanlage ein absolutes Komfortprodukt in der Villengegend. Heute bauen wir überall ein: In Niehl, Dellbrück genauso wie in Rodenkirchen. Die Klimaanlage wird langsam Standard.“ Auch zu Mietwohnungen rücken Schmitz‘ Mitarbeiter immer häufiger aus. Ganz Eilige muss Schmitz freilich vertrösten. „Auf einen Beratungstermin warten Sie bei uns mittlerweile zwei Wochen. Da wir aber derzeit eine Abschlussquote von fast 90 Prozent haben, dauert es dann mindestens nochmal sechs Wochen, bis wir einbauen können.“

Marc Schmitz, Obermeister der Kölner Innung Sanitär/Heizung/Klima: „Auf einen Beratungstermin warten Sie bei uns mittlerweile zwei Wochen. Da wir aber derzeit eine Abschlussquote von fast 90 Prozent haben, dauert es dann mindestens nochmal sechs Wochen, bis wir einbauen können.“
Copyright: Martina Goyert
Auch die Argumente von Klimaschützern schmelzen nicht nur in der Hitze, sondern auch mit zunehmendem technischen Fortschritt. Schließlich verbraucht eine moderne Klimaanlage locker 50 Prozent weniger Strom als noch vor zwanzig Jahren. Zum Vergleich: In einem Hitzemonat etwa so viel wie ein E-Auto auf 1000 Kilometer. Wer ein Wärmereguliergerät mit einer Photovoltaikanlage – gerne auch als Balkonkraftwerk – kombiniert, deckt den Strombedarf erneuerbar, schließlich braucht die Klimaanlage anders als die Heizung meist nur dann Saft, wenn auch die Sonne scheint. Aber auch im Winter nützt die Klimaanlage. „Die Klimaanlage ist eine Luft-Luft Wärmepumpe, mit der man auch heizen kann“, sagt Schmitz. Einer der Gründe, warum die Auftragslage mittlerweile auch im Winter gut ist.
Für Schutzbedürftige gibt es häufig keine Klimaanlage
Die Kühlung kommt trotzdem nicht überall an. Gerade in öffentlichen Gebäuden und damit auch ausgerechnet da, wo besonders schutzbedürftige Menschen untergebracht sind, wie in Schulen, Pflegeheimen und Krankenhäusern ist die Klimaanlage häufig aus ökonomischen Gründen nicht vorgesehen. „Wie die meisten Krankenhäuser in Deutschland verfügen beispielsweise auch die Kliniken der Stadt Köln nicht über eine flächendeckende Klimatisierung aller Gebäude“, schreibt die Pressesprecherin auf Anfrage. Klimatisiert seien lediglich „Operationsbereiche, Intensivstationen, technische Funktionsbereiche sowie Räume mit besonderen medizinischen oder technischen Anforderungen wie die Zentralen Notaufnahmen“. Zwar gelten bei Neubauten heute deutlich höhere Anforderungen an Hitzeschutz, dennoch sei eine vollständige Klimatisierung aller Bereiche aufgrund der baulichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht überall umsetzbar. „Dies sieht der Gesetzgeber nicht vor und ist darum beim Bau oder der Sanierung von Krankenhäusern nicht finanziert“, heißt es. Vorgesehen sind im Zuge von Neubau und Sanierung im Krankenhauses Merheim immerhin eine „unterstützende Kühlung der Patientenzimmer“ sowie „Dachbegrünung und Sonnenschutzmaßnahmen“.
Bei der Uniklinik Köln sind ebenfalls Operationssäle und Intensivstationen klimatisiert, zudem „kommen überall, wo es notwendig und möglich ist, mobile Klimageräte zum Einsatz“, schreibt die Klinik auf Anfrage. Neubauten verfügten grundsätzlich über Wärmedämmmaßnahmen in der Fassade, damit die Hitze nicht so stark ins Gebäude eindringen kann. „Aktuell wird versucht, zusätzliche Kühlmaterialien zu beschaffen, um auf weitere Extremsituationen in diesem Sommer besser vorbereitet zu sein.“ Zudem arbeite man an Konzepten, „um zukünftig auch resilienter bei längeren Extremhitzeperioden zu werden“.
Auch in Pflegeheimen gehören Klimaanlagen eher zur Ausnahme. In den Altenzentren der Kölner Caritas gibt es beispielsweise keine Klimatisierung und auch in der Diakonie Michaelshoven sei „die überwiegende Anzahl der Räumlichkeiten nicht klimatisiert“. Lediglich einzelne Lagerräume seien mit einer Klimaanlage ausgestattet, schreibt die Diakonie auf Anfrage. Der Neubau werde allerdings über grundwassergespeiste Wärmepumpen verfügen. „Im Sommer kann man diese Technologie zum Kühlen nutzen und die Zimmertemperatur so um etwa ein bis zwei Grad absenken“, heißt es. Bei den Sozial-Betrieben Köln sind immerhin die Gemeinschaftsräume in Riehl und Mülheim klimatisiert, in Sülz und Dellbrück soll dahingehend noch aufgerüstet werden.
Welche Blüten die Sehnsucht nach der kühlen Luft treibt, untermalt auch die Internetseite „braucheklima.de“ sehr bildhaft. Ein schwäbischer Entwickler soll sie Anfang Juni vor lauter Verzweiflung programmiert haben, weil er ein Klimagerät eines chinesischen Herstellers für 800 Euro ergattern wollte, das sich ohne Wanddurchbruch installieren lässt. Das Außenmodul klemmt außen am Fensterrahmen, nur ein schmaler Schlauch führt durchs gekippte Fenster nach innen. Entwickelt wurde es speziell für den deutschen Markt, wo mehr als die Hälfte der Menschen zur Miete wohnt. Wer am Freitagnachmittag die Seite besucht, der sieht ein Deutschland, das im Fieber zu liegen scheint. Ausschließlich rote Punkte. Und rot bedeutet ausverkauft. Grüne Punkte gibt es noch sieben, in NRW liegt davon lediglich einer: In einem Baumarkt in Bielefeld. Für ein ganzes überhitztes Bundesland wird das nicht reichen.