Köln – Herr Singer, Sie sind Regierungsdirektor im Bundestag, ziehen aber auch als Redner „Der Schofför der Kanzlern“ in Köln durch die Säle. Und das für mitunter nicht mehr als 100 Euro pro Auftritt. Das grenzt bei den Dimensionen, die andere verlangen, ja schon an Dumping.
Jens Singer: Das ist nicht mein Problem, wenn Künstler von sechs Wochen Karneval ein ganzes Jahr leben wollen. Das Ehrenamt trägt den Karneval. Ich will vor allem bezahlbar bleiben, insbesondere für die kleinen Vereine. Sonst können die sich bald gar keine Redner mehr leisten. Ein Euro pro Person, die im Saal sitzt, wär schon schön. Meine Mutter hat für fünf Euro im Einzelhandel gearbeitet. Da sind schon 100 Euro für einen Auftritt viel Geld. Aber an der Preisspirale drehen derzeit andere. Deshalb mache ich auch gar nichts mit Agenturen.
Warum eigentlich nicht?
Singer: Agenturen sind für mich die Zuhälter im Karneval... Scherz. Ich habe nichts dagegen, wenn ein Literat (Programmgestalter im Karneval, Anm.d.Red.) nebenbei für einen befreundeten Verein eine Sitzung organisiert und dafür einen Fuffziger kriegt. Aber was nicht geht ist, dass der komplette Karneval nur noch über ein paar wenige Agenturen läuft und damit die ganzen kleinen Vereine Schwierigkeiten bekommen.
Was werfen Sie den Agenturen vor?
Singer: Man könnte sagen, der Markt regelt das. Doch wenn Monopole entstehen, ist Schluss mit Vielfalt. Die Agenturen bilden nicht aus, aber sacken sich zehn bis 15 Prozent der Gage ihres Künstlers und oft noch mal so viel vom Veranstalter ein. Und dann wundern wir uns, wenn dieser Einheitsbrei entsteht und gute Programme für kleine Vereine unbezahlbar werden.
Sie haben ja genau dort begonnen.
Singer: Ich habe als Schüler schon in der Bütt gestanden. Immer im kleinen bescheidenen Rahmen. Kölsch und politisch. Dann war bei uns, bei der Großen Dünnwalder KG, bei der Herrensitzung ein Loch im Programm. Hans Hachenberg und Toni Geller saßen beide im Saal, aber beide waren schon sehr krank. Da haben die gesagt: Mach mal. Feuer frei.
„Ein unheimlich schönes Hobby“
Dann ging es zum Literarischen Komitee, den Nachwuchsförderern des Festkomitees..
Singer: Ja. Dort habe ich viel Unterstützung erhalten. Dafür bin ich drei Jahre lang jeden Samstag um halb fünf aufgestanden, mit dem Regionalexpress nach Schönfeld und dem ersten Flieger nach Köln, mit der S-Bahn nach Ehrenfeld und dann zum Maarweg. Nach zwei, drei Stunden Ausbildung bin ich abends zurück nach Berlin – alles privat bezahlt. Das war Stress, aber das hat es gebracht.
Aber Sie sind nicht mit der Perspektive hingegangen, daraus einen Beruf Büttenredner zu machen?
Singer: Für mich ging es immer nur darum, in Dünnwald eine bessere Rede zu halten, noch besser zu werden, um mir diesen kleinen Spaß als Ausgleich zu meinem sehr ernsthaften Beruf zu gönnen. So wie andere an ihrer Modelleisenbahn basteln oder Briefmarken sortieren, so sammle ich Ideen und schreibe Pointen. Das ist einfach ein unheimlich schönes Hobby, mit einem Kaffee an der Spree zu sitzen und Witze zu schreiben. Meine Frau hat in der Zeit promoviert. Die war auch froh, mich aus de Fööss zo han.
Wer waren Ihre Lieblings-Berater?
Singer: Einmal Helmut Blödgen. Der ist zwar Musiker, aber er hört und kennt jede Rede. Und Robert Schuhmann. Der war vor langer Zeit Literat bei den Roten Funken und beim Festkomitee und die letzten Jahre in Berlin. Wenn der das Gesicht verzieht, ist eine Pointe gut. Testpublikum für mich ist zudem meine KG und ab und zu ein Funken-Knubbel. Wenn die Mützenträger lachen, dann klappt et.
Ziehen Sie so eine n kleinen Rahmen den Großveranstaltungen vor?
Singer: Bei den kleinen Sitzungen krieg ich auch als Künstler mehr Spaß. Ich habe schon Proklamation und Fernsehsitzung gemacht. Ne Wurzelbehandlung ist lustiger. Das Programm interessiert viele Zuschauer nicht, Dialekt und bestimmte Gags gehen auch nicht mehr. Dann fängst du an, über Prinz Charles und Camilla Witze zu reißen. Hohoho.
Wie viele Auftritte haben Sie?
Singer: Nie mehr als 50, aber immer Auftritte, bei denen der Saal zuhört, wo ich das Gefühl habe, die kennen sich mit kölschen Themen aus. Umsonst geht das natürlich nicht. Ein bisschen was soll für mich schon hängen bleiben. Schön, wenn die Flüge bezahlt werden. Manchmal bin ich plus minus null aus einer Session raus. Diesmal erwarte ich erstmals ein Plus. Davon fahre ich bei meinen Dünnwaldern im Rosenmontagszug auf dem Wagen mit. Das kostet 2300 Euro und kann sich nicht jeder im Verein leisten. Aber ohne Wagen kriegen wir keine Fußgruppe.
Das erinnert an Opas Karneval.
Singer: So war das ja früher. Meine Vorbilder hatten alle noch reguläre Berufe. Dass sich der eine oder andere sein Reihenhaus damit finanziert hat, sei gegönnt. Aber zu glauben, dass dieses wenige Wochen dauernde Brauchtumsfest eine Veranstaltung ist, die es ermöglicht, dass ganze Jahr davon zu leben, ist schon schräg. Oder dass Leute vom Festkomitee ausgebildet werden, um dann von den Agenturen zu deren Profit teuer weiterverkauft zu werden.
Wie? Weiterverkauft?
Singer: Am Tag nach meinem ersten Erfolg beim Vorstellnachmittag wollten mich die ersten Agenturen unter Vertrag nehmen. Eine hatte bereits ohne mein Wissen Auftritte für mich klar gemacht. Der Gipfel war die Aktion einer anderen, die mich ohne meine Zustimmung einfach auf ihre Homepage gesetzt hat. Dagegen habe ich mich gewehrt. Seitdem erhält jeder meiner Verträge den Stempel: Ohne Agentur. Ich vertrete nach wie vor die Meinung: Das Festkomitee bildet Künstler aus, die sich auch kleine Gesellschaften leisten können müssen – und nicht, damit die Agenturen ihr Geschäftsmodell weiter fahren können. Wenn Comedy-Nummern, die vor einem Jahr in der Düsseldorfer TV-Sitzung gelaufen sind, plötzlich als „typisch kölsch“ verkauft werden, stell ich mir die Frage: Halten die uns Kölsche alle für bescheuert?
Dafür müssen Sie sich aber auch um Ihre Auftritte selber kümmern.
Singer: Ich hatte nie Probleme, auch ohne Agentur auf 50 Termine zu kommen. Vorteil: Ich kann selber bestimmen, wo ich rede. Wenn ich zwischen zwei Auftritten mal ein Loch habe, macht das nichts. Gehe ich eben irgendwo einen Kaffee trinken. Ich habe keine Auftritte im 40-Minuten-Takt. Ich muss auch nicht schimpfen, weil ich Feuerwehrzufahrten zuparke und ein Knöllchen erhalte, weil ich immer noch Zeit habe, mir einen richtigen Parkplatz zu suchen.
Oder Gefahr laufen, einen Burnout zu erleiden.
Singer: Wenn man 300 Auftritte annimmt, zwei Jahre im Voraus gebucht wird und in der Zeit einen Umsatz von 200 000 Euro liefern muss und noch keinen einzigen Witz auf Papier hat, muss man irgendwann krank werden. Kreativität unter so einem Druck ist ein Problem. Es gibt Leute, die das scheinbar auf die Reihe kriegen. Ich gehöre nicht dazu.
Das Gespräch führten Anja Katzmarzik und Norbert Ramme
