Um historische Saiteninstrumente zu restaurieren, setzt Malte Stump auf moderne Technik. Immer wieder geht er mit wertvollen Stücken auf Reisen.
Werkstatt in Köln-KalkMalte Stump restauriert Geigen und Celli

Retusche mit Brille: Mit feinem Pinsel retuschiert Malte Stump eine knapp 100-jährige Schülergeige aus dem oberbayerischen Mittenwald. Neben einer Tageslichtlampe verwendet er eine Sehhilfe, um exakt arbeiten zu können.
Copyright: Jörgen Lang
Als Malte Stump in Basel umsteigt, trägt er einen Kontrabass auf dem Rücken. Den soll der Kölner Geigenbauer ins Berner Oberland bringen, zum Musikfestival nach Gstaad. Um den Zug dorthin zu erreichen, hat Stump nicht viel Zeit. „Drei Minuten, um vier Gleise zu wechseln“, erinnert er sich. Und das mit einem Kontrabass aus dem 18. Jahrhundert in einem hohen sechsstelligen Euro-Wert. Stump grinst, als er sagt: „Ich hatte diesen Riesentrümmer auf dem Rücken, und an jeder Unterführung, unter der ich hermusste, bin ich gebückt durchgelaufen, weil ich Angst hatte, dass ich mit der Kontrabass-Schnecke irgendwie an die Decke haue.“
In seiner Werkstatt, in der Odenwaldstraße 41 in Köln-Kalk, steht Stump in Kapuzenpulli, Lederschürze und Tweedmütze vor einem gläsernen Kasten, den er seinen „besten Mitarbeiter“ nennt: ein Kombigerät aus 3D-Drucker, CNC-Fräse und Lasercutter. Damit wende er CNC-gestützte Verfahren an, um Instrumente zu restaurieren, erklärt der Kölner. ‚Instrumente‘ heißt in seinem Fall: Geigen, Bratschen, Celli.
Mit dem 3-D-Scanner durchleuchtet Stump Instrumente
Davon gibt es in der 34 Quadratmeter großen Werkstatt so einige, ob hängend, liegend oder stehend, matt oder klassisch rot-braun glänzend. Den meisten fehlen reparaturbedingt die Saiten. In einem Kasten auf Rollen, den Stump wie so vieles hier selbst gefertigt hat, hängt akkurat, was Geigen und Bratschen erst zum Klingen bringt: eine bunte Auswahl hölzerner Bögen von Rot- bis Nussbraun. An einer Wand hängen Werkzeuge, man sieht Pinsel, Flüssigkeiten in Fläschchen und Gläsern.

3-D-Scanner: Mit seinem 3-D-Scanner hat Malte Stump die Decke der Geige, die auf dem Tisch liegt, gescannt. Die könnte er jetzt mit seinem Kunstharzdrucker ausdrucken oder fräsen und so letztlich auch das ganze Instrument nachbauen.
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Von seinem CNC-Kombigerät schwärmt Malte Stump: Mit dessen Hilfe lasse sich in Verbindung mit einem 3-D-Scanner „extrem viel Originalsubstanz vom Instrument erhalten, die sonst auf klassische Art und Weise entfernt und durch Neues ersetzt werden müsste“. Und das gehe viel exakter und schneller, als es von Hand möglich wäre. Von bundesweit rund 500 Geigenbaubetrieben, so sagt er selbstbewusst, setzten höchstens drei oder vier solche Verfahren ein. Stump sieht das kritisch: In seiner Zunft beriefen sich viele zu sehr auf die Tradition.
Stump studierte Orchesterleitung an der Musikhochschule Köln
Wäre es nach seinen Eltern gegangen, stünde er heute vielleicht am Dirigentenpult. Drei Jahre lang studierte Malte Stump, der aus Bocholt im Münsterland stammt, an der Musikhochschule in Köln Orchesterleitung. Nebenbei arbeitete er als langjähriger Geigenschüler bei einem Geigenbauer im Ruhrgebiet. Um dort eine Ausbildung zu machen, brach Stump sein Studium ab. „Ich hab’ das noch keinen Tag bereut“, unterstreicht der 28-Jährige.

Geigenbauer Malte Stump in seiner Werkstatt mit einer Bratsche des italienischen Geigenbauers Paolo Contu aus dem Jahr 1985. Sie hat einen Wert von rund 18.000 Euro. Links hinter Stump sieht man den Tresor, in dem besonders wertvolle Instrumente lagern.
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Seinen Beruf empfindet er als „abgefahren“: Der sei „super vielseitig“, habe mit Chemie, Physik, und Akustik zu tun, sei Handarbeit, aber auch Austausch mit Musikern. Wichtig ist ihm zu betonen: „Die Musik ist der Grund, warum ich das überhaupt alles mache.“ Bei allem Handwerk dürfe man nicht vergessen, „dass es letztlich darum geht, einen Klang zu erzeugen“.
Nach der Ausbildung hat Malte Stump ein Jahr im Ausland gearbeitet. Prägend war für ihn seine Zeit bei J. & A. Beare und W. E. Hill & Sons, international führenden Händlern für historische Musikinstrumente in London. In diesen Werkstätten kam der junge Deutsche nicht nur mit CNC-basierter Restaurierung in Berührung – gleich am ersten Tag bestand Stump, was er rückblickend eine „Feuerprobe“ nennt: Dorthin sei eine Musikerin mit ihrer Guarneri gekommen, einer historischen italienischen Geige im zweistelligen Millionenbereich, und der Chef habe ihm überraschend eröffnet: „Ja, Malte, da muss ’ne Retusche gemacht werden. Du hast eine halbe Stunde Zeit.“ Stump behielt die Nerven, führte die Retusche aus – eine farbliche Korrektur der Lackoberfläche –, und die Geigerin war zufrieden.
Alte Instrumente bekommen Risse wie alte Möbelstücke
„Seitdem arbeite ich viel für die in London“, sagt er. „Danach habe ich häufiger solche Instrumente in der Hand gehabt.“ Stump sagt: Angst dürfe man vor „Stradivari & Co.“ nicht haben, bloß Respekt, „sonst macht man sie am Ende nur kaputt“. Bei historischen Instrumenten, die bis zu 300 Jahre alt sind, bedeuten solche Aufträge etwa: Risse am Korpus leimen, abgenutzte Ränder an Decke oder Boden erneuern, Decke oder Boden bei Rissen, Holzwurmbefall oder zu dünn gearbeitetem Holz durch Reparaturholz, „Stimmfutter“ genannt, stabilisieren. „Das ist wie bei einem alten Möbelstück“, erläutert Malte Stump. Es bekomme irgendwann Risse, was sich bei Holz nicht vermeiden lasse, „das ist lebendiges Material“.

Fullspectrum: Mit einer Fullspectrum-Kamera, die auch ultraviolettes Licht und Infrarot-Licht aufnehmen kann, durchleuchtet der Geigenbauer das Instrument vor sich. Die Aufnahme auf dem Monitor offenbart Schatten auf der Rückseite des Deckels. Das zeigt dem Fachmann: An diesen Stellen wurden zur Stabilisierung Holzstückchen, „Stimmfutter“, genannt, eingesetzt.
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Seine liebste Arbeit in der Werkstatt: die Retusche, bei der der Lack eines Streichinstruments nach Reparaturen oder Beschädigung wiederhergestellt und farblich dem Originalzustand angeglichen wird. Hierzu imitiert Malte Stump mithilfe von Farbpigmenten in feinsten Schattierungen den Ton des Lackes: In vielen kleinen Schritten vermischt er vor allem Gelb, „ein ganz bisschen Rot“ und „ein bisschen Schwarz“ zu „einem schönen Grundton“. Hinzu kommen im Laufe einer komplexen Abstufung weitere Farbpigmente – durchweg im Schein einer Tageslichtlampe.
Die Folgen beschreibt Stump so: „Oft sitze ich stundenlang an der Retusche, wasche es fünfmal runter und mache es neu, weil ich noch nicht zufrieden bin.“ Das tut er vorzugsweise bis in die Nacht, wenn die Werkstatt allein ihm gehört. In England hat Stump Iris Carr, einer Meisterin der Retusche, über die Schulter geblickt. Sie restauriere ‚Weltklasse-Instrumente‘“, sagt er mit großem Respekt. Am Ende einer Retusche macht es ihn glücklich, aus einem Instrument mit womöglich schäbigem Äußeren „eine schöne Geige gemacht zu haben, auf der die Leute spielen wollen“.
Mithilfe von UV-Licht erstellt Stump Zustandsgutachten
Ein weiteres Steckenpferd des Geigenbauers: Zustandsgutachten mithilfe von UV-Licht, Cyan-Licht, Rotlicht, Infrarot-Fotografie und -scans, mit denen Malte Stump Streichinstrumente beinahe wie ein Kriminalist durchleuchtet. „Die Kriminalforensik hat die gleichen Lampen wie ich“, sagt er grinsend. Dabei entstehe „eine Art Röntgenbild an der Werkbank“, um den Zustand eines Instruments und die Originalität der Bestandteile bewerten zu können. So lassen sich mögliche Schäden und damit Wertminderungen aufspüren, die man von außen nicht sehen kann.
Ein Gutachten, in das neben der optischen Lackanalyse auch die Datierung der Jahresringe einfließen kann, ist dann Grundlage für eine Wertexpertise. Unter Umständen lasse sich erst dadurch ermitteln, „was das für ein Instrument ist“, sagt Malte Stump. Bei einer Geige, die 30 Jahre auf einem Schrank gelegen hatte, fand er heraus, dass das Holz um 1745/46 gefällt worden sein muss, dass es aus dem bayerischen Mittenwald stammt und womöglich von dem bedeutenden Geigenbauer Sebastian Klotz (1696-1775) verwendet wurde. Allerhand für eine unbeachtete Geige. Auch für den Kontrabass, den es von Amsterdam ins Berner Oberland zu bringen galt, hat Stump ein Zustandsgutachten erstellt und zudem eine Dokumentation. „Eine Analysearbeit“, sagt er. Vom anstrengenden Transport einmal abgesehen.
Hinzu kommt der alltägliche Reparaturbetrieb für moderne Streichinstrumente. An Schülerinstrumenten arbeite er genauso gern wie an einer Stradivari, betont der Geigenbauer – „nur, dass der Zeitaufwand, den ich reinstecken kann, natürlich unterschiedlich ist“. Neulich war Malte Stump in Norwegen, wo es mangels Geigenbauschulen kaum Nachwuchs gibt, um einer unterbesetzten Werkstatt zu helfen „auf den Stand zu kommen“ – und um von dort komplizierte Reparaturen mit nach Köln zu nehmen. „Transporte mach’ ich oft“, sagt er. Wertvolle Instrumente liefert Stump nach erfolgter Restaurierung oft persönlich aus, zum Beispiel in London oder Italien.
Dafür findet der 28-Jährige Mittel und Wege: „Im Flugzeug fragt man den Piloten, dann wird das Instrument im Cockpit eingeschlossen, und im Zug sagst du dem Zugbegleiter Bescheid, und dann kannst du in irgendein Abteil, wo keiner reinkommt.“ Für ein Cello müsse man allerdings einen Sitzplatz buchen. Noch schwieriger sind Kontrabässe. Den Bass aus dem 18. Jahrhundert durfte Malte Stump vor Kurzem wieder transportieren. „Spontan“ habe er ihn in der Kölner Philharmonie abgeholt und abermals per Zug in die Schweiz gebracht – diesmal zu einem Konzert in Zürich. In Basel sei es wieder stressig geworden, blickt er zurück und grinst. „Ich hatte drei Minuten Umstiegszeit.“ Immer gerate er in Basel unter Zeitdruck. Stump findet: „Der Bass und ich haben inzwischen schon eine schöne Geschichte.“
Arbol, Geigenbauwerkstatt, Odenwaldstraße 41, 51105 Köln, info@arbol-restorations.de
